Stuttgart - Zu hören ist fast gar nichts. Aus weiter Ferne meint man, ein Horn zu hören, den Ton einer angestrichenen Saite. Nur gedämpft dringt Musik durch Hüllen von Plastik. Das Foyer des Stuttgarter Siegle-Hauses ist voll mit transparenten Ballons; in jedem von ihnen ist ein Musiker. Eine theaterreife Szene: Manche der solchermaßen Isolierten, aus dem Kollektiv heraus in die Isolation Getriebenen schauen einander an, manche lächeln, andere bleiben ganz bei sich und ihrem Instrument. Die Ballons schwingen hin und her, begegnen und berühren sich. Eine Kamera filmt die Bewegung. Und Fotos werden gemacht, unendlich viele. Denn es geht hier nur bedingt um Musik. Zu erleben ist die Entstehung eines Kunstprojekts. Ein Künstler spielt mit einem Orchester, das spielt, dass es spielt.
Digitale Daten zwischen Bedrohlichkeit und Schönheit
Ästhetisch sind auch die Ballons mit den Musikern darin. Aber auch das Spielerische dieses Projektes hat eine Kehrseite, und diese wiederum hat ebenfalls mit der Digitalisierung zu tun. Florian Mehnerts Kunst ist immer politisch, umkreist aktuelle gesellschaftliche Fragen. So hat er schon 1999 mit seinem „Island-Projekt“ den Prototypen einer Kommunikationsplattform geschaffen, bevor es soziale Netzwerke gab, und 2013 hat er als Reaktion auf den NSA-Skandal Waldwege mit Wanzen versehen und die abgehörten Gespräche von Spaziergängern digital verarbeitet.
Als er nun wegen der Corona-Krise etliche Projekte auf Eis legen musste, kam er auf die Idee, bildlich zu thematisieren, was er gerade nicht tun konnte. Und weil er ohne die Einschränkungen der Pandemiezeit an seinem Projekt von Menschen-Stapeln weitergearbeitet hätte (2019 fotografierte er zum Beispiel einen Haufen ineinander verschlungener Jugendlicher, die mit ihren Smartphones kommunizieren), stapelt er jetzt eben Musiker – nur eben nicht auf, sondern nebeneinander, in Corona-kompatibler Distanz.
Wie wichtig ist die soziale Nähe für eine Gesellschaft? Welche Rolle spielen Rituale der Begrüßung und Berührung, und wie wirkt es sich für den Einzelnen und für die Gesellschaft aus, wenn diese nicht möglich sind – nur belastend oder auch befreiend? Diese Fragen stellt Mehnert mit seinen „Social Distance Stacks“. Und mit dem Thema der Filterblasen, in die uns die fortschreitende Digitalisierung hineintreibt, ist dabei auch das Big-Data-Thema auf eindrucksvolle Weise präsent. „Die Kommunikation“, so Mehnert, „verlagert sich ins Digitale und findet auf bestimmten Plattformen statt, wo sie deren Algorithmen unterliegt. Diese Algorithmen neigen aber dazu, einen bei der Stange halten zu wollen, und das führt zu Wahrnehmungs- und Informationsblasen. Wenn man nur digital unterwegs ist, wird die Wahrnehmung selektiv – so spaltet sich die Gesellschaft.“
Auch einen alten Menschen im PVC-Ballon will Florian Mehnert noch fotografieren
Folgerichtig hat der Künstler sein neues Projekt auch beim baden-württembergischen Landesbeauftragten für Datenschutz begonnen, hat bei ihm bunte Datenspuren durch das Treppenhaus gelegt („Das war für sich allein schon eine Installation“) und die Angestellten ebenfalls in PVC-Ballons gesteckt – die Fotos kann man auf seiner Homepage ansehen. Gerade in Zeiten der Corona-App, die einerseits Anonymität garantiere, andererseits aber voraussetze, „dass man sich auffindbar macht“, habe er unbedingt einmal Datenschützer ins Bild setzen wollen. Schließlich sei die Technikbranche einer der großen Krisengewinner, und Geld werde im Netz vor allem durch den Verkauf der Verhaltensdaten von Usern verdient.
Die „Social Distance Stacks“ sollen weitergehen. Eine Szene mit jungen Leuten auf einem Platz hat er schon „im Kasten“ („Sie waren mir wichtig, weil über sie so sehr geschimpft wurde: Sie wären verantwortungslos, ignorant und würden nur Party machen“). Folgen sollen noch Ballonszenen im Theater, im Ballett, mit Fußballspielern, in einem leeren Schwimmbadbecken. Und, ganz wichtig: „eine Situation, in der ich die Isolation eines alten Menschen darstellen kann“.
Info
Ausstellungen der Bilder sind noch nicht geplant – in Pandemiezeiten ist das nicht möglich. Aber Fotos und das Making-of-Video von der Arbeit mit den Stuttgarter Philharmonikern kann man auf Florian Mehnerts Homepage ansehen:
www.florianmehnert.de