Als der queerpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Florian Wahl, sein Kollege Daniel Born und der parlamentarische Berater für Queerpolitik, Lukas Häberle, an Karfreitag in Kiew aus dem Zug steigen, ist es noch früh am Morgen: Mit dem Nachtzug sind die drei Männer auf private Initiative hin einer Einladung der queeren Community gefolgt und in die ukrainische Hauptstadt gereist. Von der Bahnhofshalle erhaschen sie einen Blick auf die Skyline von Kiew mit ihren teilweise zerstörten Hochhäusern. Der Krieg, der seit mehr als einem Jahr tobt, hat tiefe Wunden geschlagen. Zwei Tage verbringen Florian Wahl und seine Kollegen in einer Stadt, die sich im „normalen“ Ausnahmezustand befindet und doch nichts von ihrem Kampfgeist verloren zu haben scheint.
Wahl trifft sich mit der ukrainischen Abgeordneten Inna Sovsun. Die liberale Politikerin hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, der gerade im ukrainischen Parlament heftig diskutiert wird: Der Entwurf sieht vor, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften einzuführen. Der Krieg hat dem Thema neue Dringlichkeit verliehen: Viele Paare wollen sich gegenseitig durch Eheschließung absichern, falls einer von beiden nicht überlebt. Das aber ist bis jetzt nur heterosexuellen Paaren erlaubt – und das will Inna Sovsun ändern. Gerade finden die Ausschusssitzungen statt. „Der Entwurf hat zwar noch keine Mehrheit, aber es gibt eine grundsätzliche Offenheit“, sagt Florian Wahl. Eine treibende Kraft hinter dem Gesetzesentwurf ist der Verein LGBTIQ-Military, mit dessen Vertreter sich die Politiker ebenfalls treffen. Der Verein versucht seit einigen Jahren, queeren Soldaten eine Stimme zu geben.
Die Akzeptanz für LGBTIQ ist in den letzten Jahren in der Ukraine gestiegen
Europa, Westen, Demokratie: Das sind Themen in der Ukraine, nicht nur, aber verstärkt seit Kriegsbeginn. Belegt wird diese neue Offenheit auch durch eine lebendige LGBTIQ-Community, die sich Rechte erkämpft hat. Die Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer, die von Kiews Partnerstadt München aus viele Projekte für die queere Community unterstützt, berichtet auf ihrer Webseite, dass die LGBTIQ-Bewegung vor dem Einmarsch der russischen Truppen sichtbarer war denn je. Während im Jahr 2013 beim ersten Christopher Street Day (CSD) in Kiew rund 150 Personen demonstrierten, waren es 2021 rund 7000. In diesen Jahren stieg die Akzeptanz für queere Menschen kontinuierlich. Laut Auswertungen des LGBTIQ Human Rights Centers Nash Svit unterstützen mittlerweile rund 64 Prozent der Bevölkerung gleiche Rechte für queere Menschen. Doch konservative Kräfte – darunter die katholische Kirche und rechte Organisationen – machen immer noch Stimmung dagegen.
Wahl kann sich durchaus vorstellen, dass neue Städtepartnerschaften in den Kreis Böblingen auch der queeren Bevölkerung in der Ukraine Auftrieb bringe. Der erste Schritt in diese Richtung war das internationale Forum zur Unterstützung der Ukraine, das im Februar in Sindelfingen stattgefunden hat. Dort hatten kommunale Vertreter aus der Ukraine und Deutschland die Möglichkeit, sich auszutauschen.
Mehrmals am Tag schrillen Luftalarme durch die Straßen
Von einem Termin zum nächsten hechtet Florian Wahl mit seinen Kollegen – sie wollen so viele Begegnungen wie möglich in zwei Tage packen. Dazwischen erleben sie eine Stadt, die gelernt hat, mit dem Krieg zu leben. Er ist Alltag geworden, so unglaublich das für Menschen klingen mag, die in Frieden leben. Mehrmals am Tag heulen die Sirenen für Luftalarme. Die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt: Die meisten können die Alarme mittlerweile unterscheiden. Sie wissen, welche gefährlich sind und welche ignoriert werden können. „Kiew fühlt sich an wie eine europäische Metropole, Menschen spielen Straßenmusik, trinken Kaffee, gehen in die Oper“, sagt Wahl. Gleichzeitig stehen zerschossene Panzer auf den Plätzen mitten in der Stadt – das Leben geht einfach weiter.
Auch beim Community-Zentrum der Nichtregierungsorganisation Kyiv Pride schaut der Landtagsabgeordnete vorbei und trifft sich dort mit Edward Reese, mit dem er im vergangenen Jahr über Instagram Kontakt geknüpft hatte und der ihn schließlich auch nach Kiew eingeladen hat. Sowohl das Community-Zentrum als auch ein Unterschlupf für LGBTIQ, das sie im Anschluss besuchen, sind gut versteckt. Nur über mehrere Hintertüren und Hinterhöfe sind die Räume erreichbar – aus Sicherheitsgründen. „Wir haben auch nie Adressen bekommen, sondern haben uns in Cafés und an anderen Treffpunkten in der Stadt getroffen“, erzählt Florian Wahl. Es wäre dann wohl doch eine Illusion, zu glauben, dass queere Gruppen offen netzwerken können.
Bevor sie Samstagabend wieder in den Zug steigen, steht noch ein Treffen mit den beiden Journalistinnen Maria Pedorenko und Polina Vernyhor an, die für das Onlinemedium „Zaborana“ schreiben. Eine der beiden zittert unablässig während des Gesprächs, berichtet Wahl. Sie entschuldigt sich – es seien die Nachwirkungen einer Bombe, die ganz in ihrer Nähe explodiert ist.
Für den Angeordneten des Wahlkreises Böblingen beginnt in der Heimat die eigentliche Arbeit: Florian Wahl will mit den ukrainischen Vertretern in Kontakt bleiben und Wege ausloten, wie auch von Deutschland aus geholfen werden kann.