Floßkultour Ein Konzert auf dem Neckar

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Jetzt dient das erste Floß auf dem Neckar in Tübingen auch engagierten Künstlern als Plattform für sonntagliche Auftritte. Das Publikum begleitet das Spektakel auf dem Floß auf Stocherkähnen.

Alles ist im Fluß – die Bühne des Konzerts und das Publikum ebenso. Foto: Faden
Alles ist im Fluß – die Bühne des Konzerts und das Publikum ebenso. Foto: Faden

Tübingen - Ab in die Sonne“, ruft Oliver Ueltzhöffer und stochert los. So wie es viele Stocherkahnfahrer in Tübingen tun. Doch diesmal gibt es einen Unterschied: Er treibt mit der Stange ein Floß und keinen Kahn gemächlich vom schattigen Liegeplatz neben dem „Casino“ ins helle Licht des Neckars. Man sitzt bequem rund um einen Tisch wie im Biergarten, während Ueltzhöffer erzählt: „Die Floßtradition ist viel älter als die der Stocherkähne auf dem Neckar bei Tübingen“. Schließlich sei die halbe Stadt mit Hölzern gebaut worden, die den Neckar herab geflößt wurden.

Erst vor kurzem wurde das Dachgebälk des Tübinger Rathauses datiert. Die Fälldaten sind einheitlich aus dem Winter 1494/1495. Die Baumstämme waren aus dem Schwarzwald von Flößern ab Sulz den Neckar abwärts gebracht worden. Das letzte Floß soll 1899 auf dem Neckar gefahren sein. Und die Stocherkähne? Die heutige Touristenattraktion brachten Studentenverbindungen erst Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhundert auf den Neckar, genaueres wurde offenbar noch nicht erforscht.

Nun handelt es sich bei dem neuen Wasserfahrzeug keinesfalls um ein Floß im eigentlichen Sinn. Im Auftrag eines Tübinger Freundeskreises mit Ueltzhöffer an der Spitze fand sich ein norddeutscher Schiffsbauer. „Staken wollt ihr damit?“, hat der ungläubig gefragt. Das Wort Stochern kennt nördlich des Neckars so gut wie niemand. Doch er nahm den Auftrag an. Zwei Schwimmkörper halten die 5,5 mal drei Meter große Holzplattform samt Geländer über Wasser. Die Jungfernfahrt fand im April 2012 statt. Ältere Menschen sind ebenso willkommen wie Rollstuhlfahrer, denen die Fahrt auf dem Neckar nun so bequem möglich gemacht wird. „Das Neckarfloß kann auch von Gruppen gebucht werden“, hebt Ueltzhöffer hervor.

An dieser Stelle kommt Leo Völlm ins Spiel, der ganz vorzüglich Klavier spielt. Er ist Mitorganisator der Veranstaltungsreihe „Floßkultour“. Völlm selbst zog zuletzt rund 180 Zuhörer auf zwölf Stocherkähnen in seinen Bann, sie folgten dem Pianisten, Kabarettisten und Sänger entlang der Neckarfront. Das Programm umfasste Stücke von Georg Kreisler und hieß dementsprechend „Taubenvergiften für Fortgeschrittene“. Das Konzept: die Stocherer erhalten kein Geld, freuen sich aber ebenso über eine Spende wie die Künstler. „Wir wollen unser Angebot ganz bewusst niederschwellig halten“, betont Ueltzhöffer. „Wer nix geben kann, der tut nichts in unser Sparschwein.“ Die Anmeldung dient nur dazu, die passende Zahl an Stocherkähnen bereitzuhalten. Was ihn besonders freut: „95 Prozent unserer Gäste sind Tübinger, Stocherkähne nutzen vorwiegend Touristen.“

Leo Völlm – zwischen Kirchenmusik und Kabarett

An einem Vivaldi-Abend am 22. September wird an dem einen Cembalo auf dem Floß der Tübinger Kirchenmusikdirektor Ingo Bredenbach Platz nehmen, an dem anderen Leo Völlm. „Ich brauch die Abwechslung, nur klassische Musik oder nur Kabarett, das reicht mir nicht“, sagt der 28-Jährige aus Asperg im Kreis Ludwigsburg. Das Klavierspiel pflegt er seit frühen Kindheitstagen, mit 13 ungefähr zog er eine Kreisler-Platte aus dem Regal seines Vaters. „Das wird dir gefallen“, kommentierte der. Der Junge übte und konnte bald alle Lieder auswendig. Und schrieb sich doch Jahre später für ein technisches Fach an der Uni ein. Am Ende begeisterten Völlm die Klaviernoten aber mehr als Ingenieursformeln. Er schwenkte um zur Kirchenmusik. Von 2006 bis 2013 studierte Völlm in Tübingen die Fächer Orgel, Orgelimprovisation, Klavier, Gesang und Musiktheorie. Und seit April dieses Jahres arbeitet er als Assistent von Professor Bredenbach an der Stiftskirche Tübingen. Dieses Referendariat endet im Frühjahr 2014. „Ich werd’ danach schon ein G’schäft finden“, sagt er zu den Bewerbungsrunden. Zumindest bis 2014 kümmert sich Völlm um die Floßkonzerte. Und berichtet mit leuchtenden Augen von seinen Auftritten: „Es ist einfach großartig – geschippert werden und Klavier spielen zu können vor einem Publikum, das einem auf den Kähnen folgt.“ Als es zuletzt bei einem der Konzerte bei den Zugaben zu nieseln begann, verzogen sich Floß wie Kähne unter die Neckarbrücke. „Das ist Tübingens heimlicher Konzertsaal“, sagtder Virtuose. Die Akustik gleiche der einer Kathedrale. Und woher kommt der Strom für Instrument und Mikrofon? Ueltzhöffer sagt lachend: „Von einer Lastwagenbatterie, das funktioniert prima.“

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