Riehen an der Schweizer Grenze zu Deutschland, es herrscht Krieg. Drei Buben schauen aus dem Fenster des Bahnwärterhäuschens und sehen den Polizeitransporter die Inzlingerstraße hinauffahren. Hinten ist er seitlich offen, Seile geben Halt und bewahren vor dem Hinausfallen. Noch ist der Wagen leer. Die Buben wissen: In einer Viertelstunde kehrt er wieder, um die Juden, welche die Beamten eingesammelt haben, am Grenzübergang in Stetten den deutschen Behörden zu übergeben.
Horst Munz: „Und dann sind sie herunter an uns vorbeigefahren und sind nach Stetten gefahren, an den Zoll, und haben sie den Deutschen ausgeliefert. Und dann sind sie umgekommen.“
Herbert Munz: „Das war ein bisschen komisch von den Schweizern, die waren ja eigentlich neutral, die haben sich nicht eingemischt in den Krieg. Die haben zwar ihre Grenzen verteidigt, aber sonst nichts. Aber dass sie die Juden – man hat ja gewusst, dass es Juden sind –, dass sie die nicht interniert haben, sondern dass sie die an die Grenze gestellt haben . . .“
Das Geheimnis des Bahnwärterhäuschens
Riehen ist ein Vorposten der stolzen Eidgenossenschaft, rechtsrheinisch gelegen, im Dreiländereck nahe Lörrach. Mit dem bewaldeten Buckel der Eisernen Hand ragt der dem Kanton Basel-Land zugehörige Ort hinein nach Deutschland. Viele verfolgte Juden suchten dort in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Häschern zu entkommen. Über die Jahre hinweg waren es Tausende. Fast täglich schlichen die Flüchtlinge durch die Wälder, sprangen von den Zügen, überstiegen Zäune, meldeten sich bei den Grenzposten, erhielten von anteilnehmenden Eidgenossen ein warmes Essen oder frische Kleidung. Die Brüder Munz – Herbert, Horst und Gusti – wohnten im Bahnwärterhäuschen in der Inzlingerstraße. Ihr Vater war Beamter der Reichsbahn, welche die Strecke zum Badischen Bahnhof in Basel betrieb. Ein deutscher Nervenstrang hinein in die Schweiz.
Im Jahr 2011 eröffnete der Unternehmensberater und Theologe Johannes Czwalina in dem Haus die erste Schweizer Gedenkstätte zur Schoah und für die jüdischen Flüchtlinge aus dem Reich, von denen viele in der Zeit des NS-Terrors an den Grenzen der Eidgenossenschaft abgewiesen worden waren. Die Zahlen zu den jüdischen Flüchtlingen variieren – je nachdem, welche Zeitspanne ins Auge gefasst wird. Dazu kommt, dass die Akten zu den Zurückweisungen, nun ja, verloren gegangen sind. Um die 30 000 Juden aus Deutschland wurde die Einreise verweigert, eine etwas geringere Zahl durfte bleiben. Insgesamt gelang es in den Jahren des Nationalsozialismus etwa 300 000 Juden, Deutschland zu verlassen.
Was Czwalina da 66 Jahre nach Kriegsende anstellte, war für viele Schweizer unerhört. Gut, der Mann war viele Jahre Pfarrer in Basel gewesen. Er hatte dort für Furore gesorgt mit kirchenfüllenden Jugendgottesdiensten, einem großen Jugendzentrum und dem Aufbau von Werkstätten mit geschützten Arbeits- und Ausbildungsstätten. Er hat einen Schweizer Pass. Aber: Czwalina stammt aus Berlin, dort wurde er 1952 geboren. Wenn er redet, kann man das heute noch heraushören. Ausgerechnet so einer will die Schweizer über die Schoah informieren? Immerhin waren es die Deutschen gewesen, welche die Schweiz erst in diese schwierige Lage gebracht hatten.
Ein Pfarrer sattelt um
Zunächst hatte Czwalina mit dem Bahnwärterhaus anderes im Sinn als eine Gedenkstätte. Anfang der 1990er Jahre gab er seinem Leben eine neue Richtung: Er verwandelte sich in einen Unternehmensberater. In Riehen gründete er die Czwalina Consulting AG – schräg gegenüber dem Bahnwärterhäuschen, auf der anderen Straßenseite. Mit seinem Sohn Michael und weiteren Partnern berät er Unternehmen und Unternehmer: reiche und nicht so reiche, erfolgreiche und solche, die meinen, ihr Leben sei gescheitert. Für das Frühjahr bietet er in Schloss Elmau bei Garmisch-Partenkirchen wieder ein Seminar an. Titel: „Die Suche nach dem Wichtigen im Leben.“ Ein Wochenende für 2040 Euro pro Person.
In dem Bahnwärterhaus wollte Czwalina eine Bleibe für seine Kunden einrichten. Seine Absicht war geschäftlich. Dann tauchten die Gebrüder Munz auf, die nachsehen wollten, was da geschieht im Haus ihrer Kindheit. Sie erzählten ihre Geschichte, und Czwalina begann, in diesem Bahnwärterhaus die Gegenwart der Vergangenheit zu spüren. Er las sich ein, knüpfte Kontakte, er ließ sich ergreifen.
Die Publizistin Lukrezia Seiler hatte schon 1997 im Basler Stadtbuch einen Bericht des Riehener Journalisten und Zeitzeugen Albert Schudel aus den Kriegsjahren dokumentiert: „Beim Näherkommen erkannte ich, dass vor dem Polizeiposten eine fünfköpfige jüdische Familie stand – ich erinnere mich an zwei Frauen und drei Kinder im Schulalter, die abtransportiert und an die Grenze zurückgeführt werden sollten. Sie waren nach ihrer Aussage wochenlang nachts durch die Wälder vor den Nazi-Schergen geflüchtet und sahen furchtbar elend und erschöpft aus. Jetzt seien sie, endlich, über die Grenze in die Schweiz gekommen und hätten geglaubt, jetzt könne ihnen nichts mehr passieren. Und da: Wieder Polizei und Verhaftung! Die beiden Frauen und die Kinder heulten, die Mutter warf sich auf die Knie, sie bettelten um ihr Leben. Kühl und sachlich aber erklärten die Polizeibeamten, sie hätten Befehle aus Bern, jüdische Flüchtlinge sofort wieder an die Grenze zu stellen – Befehl sei Befehl . . .“
Das Brandmal im Pass
Die Schweiz war kein freundlicher Ort für jüdische Flüchtlinge. Ein Jude zu sein galt nicht als Asylgrund. NS-Deutschland und die Schweiz einigten sich darauf, die Pässe der deutschen und österreichischen Juden mit einem großen roten J (für Jude) zu stempeln, damit diese nicht als Touristen – die willkommen waren, sofern sie nicht Juden waren – in die Schweiz gelangen konnten. Der Franken sollte rollen. In der Nachkriegszeit pflegte die Schweiz den Mythos der „rettenden Insel“ in einem Meer des Todes.
Doch dieses Selbstbild erhielt immer wieder Risse. So etwa, als sich in den 1990er Jahren herumsprach, dass die Schweiz während des Krieges gegen Goldlieferungen den Nazis die für das Rüstungsgeschäft unabdingbaren Devisen verschafft hatte. Das „Raubgold“ im Wert von 1,7 Milliarden Franken hatten die Deutschen aus den Tresoren überfallener Länder gestohlen, das „Opfer- oder Totengold“ bestand aus dem eingeschmolzenen Schmuck und Zahngold der Verfolgten und Ermordeten. Dazu kamen die „nachrichtenlosen Konten“ bei den Banken in der Schweiz, die jüdisches Geld beherbergten, das den Hinterbliebenen vorenthalten blieb.
Dass die Schweiz mitunter Kraft zur Selbstkritik findet, zeigt die Unabhängige Kommission „Schweiz – Zweiter Weltkrieg“, die bis 2002 arbeitete. Im „Bergier-Bericht“ heißt es: „Eine am Gebot der Menschlichkeit orientierte Politik hätte viele Tausend Flüchtlinge vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten und ihre Gehilfen bewahrt.“ Und: „Der Zufluss europäischer Vermögenswerte erfolgte praktisch ungehindert, während die Grenze für Asylsuchende oftmals hermetisch abgeriegelt war.“
Die Villa am Wannsee
Czwalinas Engagement für die Riehener Gedenkstätte hat eine Vorgeschichte. Seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte er im Nachkriegs-Berlin in einer Villa am Kleinen Wannsee, die nicht fern von jenem Fabrikantenpalais am Großen Wannsee liegt, das als „Haus der Wannsee-Konferenz“ traurige Berühmtheit erlangte. Die Geschichte der elterlichen Villa ließ er später von einer Historikerin untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass sie sich einst im Besitz einer jüdischen Familie befand, die im KZ umkam. Die SS riss sie an sich und brachte dort die Offiziere des Holocaust unter.
Die Gedenkstätte ist ein kleines, aber feines Haus, das vom betretenen Schweigen der Schweizer Offiziellen begleitet wird. Getragen wird die Gedenkstätte von ehrenamtlichen Helfern, Unterstützung geben angesehene Wissenschaftler wie die Historiker Wolfram Wette und Wolfgang Benz. „Jede Woche kommen Schulklassen“, sagt Czwalina. 60 000 Besucher hat er gezählt. Es gibt Fachvorträge und eine Bibliothek. Czwalina sagt: „Die Gedenkstätte erforscht das Schicksal der Menschen nach ihrer Abweisung bis zu ihrem Todesdatum in den Vernichtungslagern oder bis zu ihrer Rettung – und möchte Mut, aber auch Feigheit, Denunziation und Unterlassung der damaligen Akteure transparent machen.“
Der Vorschlag des Antisemitismusbeauftragten
Czwalina ist jetzt 70. Er denkt daran, wie es weitergeht. Er hofft auf eine offizielle Anerkennung der Gedenkstätte durch die Schweiz. Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume schlägt einen Staatsvertrag vor, in dem das Land und der Kanton Basel-Land den Gedenkort absichern. Im Lörracher Gemeinderat griffen Freie Wähler und FDP die Idee auf, doch die Verwaltung reagierte verhalten: Es handle sich um eine Gedenkstätte in der Schweiz, die Initiative müsse von dort kommen, dann würde man sich nicht versagen. Angesichts der deutschen Verantwortung sei Demut angezeigt.
Die Riehener Gemeindepräsidentin Christine Kaufmann teilt mit, die „private“ Gedenkstätte bilde „eine Ergänzung zu den Arbeiten der Gemeinde Riehen und der von ihr unterstützten Projekte“. Das klingt dann doch sehr distanziert.