Flucht nach Stuttgart Zahra Mohamed erzählt ihre Fluchtgeschichte aus Somalia

Ihren ersten Mann hat Zahra Mohamed bei einem Bombenanschlag verloren. Wegen einer neuen Liebe musste sie ihre Heimat Somalia verlassen. Nun hofft sie, dass sie mit ihrer Familie in Stuttgart das Glück findet. Foto: Leif Piechowski

Ihren ersten Mann hat Zahra Mohamed bei einem Bombenanschlag verloren. Wegen einer neuen Liebe musste sie ihre Heimat Somalia verlassen. Ihre Flucht ist dramatisch – nun hofft sie, dass sie mit ihrer Familie in Stuttgart das Glück findet.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Stuttgart - Seit Zahra Mohamed gehört hat, dass sie tatsächlich kommen, krampft und sticht es in ihrer Brust. Sie will essen, kann es aber nicht – oder sie muss sich gleich wieder übergeben. Sie kann kaum aufhören zu weinen. Das geht so, bis sie endlich, endlich zusammen mit ihrem sechsjährigen Sohn Abdalah an den Flughafen kann. Es ist ein Freitagmorgen Ende November. Doch Zahra Mohamed fühlt die Kälte nicht. Sie sieht nur Abdalah, wie er an der Glasscheibe steht, die die Ankunftshalle vom Besucherbereich trennt, und seine beiden kleinen Hände fest dagegen drückt. Auf der anderen Seite steht ein Mann, der seine beiden großen Hände gegen die des Jungen presst, als wolle er das trennende Glas durchbrechen. Es ist Bashir, Zahra Mohameds Mann, der seinen sechsjährigen Sohn gerade zum ersten Mal in seinem Leben sieht.

 

Doch dies ist nicht der einzige bewegende Moment an diesem Tag. Zahra Mohamed schließt nach sieben Jahren auch ihre beiden älteren Söhne erstmals wieder in ihre Arme. Der sechzehnjährige Mahamed und der elfjährige Osman seien „so unglaublich groß geworden“, sagt Zahra Mohamed immer und immer wieder. Doch trotz ihrer Größe schlafen die beiden nun, nach der langen Trennung, in der Dreizimmerwohnung in Bad Cannstatt eng an ihre Mama gekuschelt: „Der kleinere legt seinen Kopf auf meine rechte, der große auf meine linke Schulter“, sagt sie und legt ihre Hände über Kreuz auf ihre Brust.

Die Flucht vor Dürre und Gewalt

Mahamed und Osman sind neun und vier Jahre alt, als Zahra Mohamed sie in Somalia zurücklassen muss, um über Äthiopien, den Sudan und Libyen nach Italien und dann nach Deutschland zu flüchten. Weltweit machen Frauen fast die Hälfte der Flüchtenden aus. In Europa und in Deutschland ist der Anteil der weiblichen Flüchtlinge allerdings deutlich geringer: In der EU sind 2014 etwa 70 Prozent der Asylsuchenden insgesamt männlich. Bei Zahra Mohamed kommt erschwerend hinzu, dass sie alleine auf der Flucht ist – und dass sie zudem schwanger ist mit Abdalah.

Zahra Mohamed wird 1984 in Somalia geboren, in dem Jahr, als die letzten nationalen Wahlen – die Parlamentswahlen – in der Geschichte des Landes stattfinden. Das Land ist zu diesem Zeitpunkt ein sozialistischer Einparteienstaat mit der Somalischen Revolutionären Sozialistischen Partei als einzig zugelassener legaler Partei. Seit dem Sturz der autoritären Regierung 1991 existiert aufgrund des Bürgerkriegs mehr als 20 Jahre lang keine funktionierende Zentralregierung mehr. Die ab dem Jahr 2000 unter dem Schutz der internationalen Staatengemeinschaft gebildeten Übergangsregierungen bleiben weitgehend erfolglos. Weite Teile des Landes fallen in die Hände lokaler Clans, Warlords oder radikalislamischer Gruppen. Hinzu kommen Dürrezeiten: Im Jahr 2011 sind etwa eine Viertelmillion Menschen verhungert.

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Zahra wächst in diesem zerrissenen und geschundenen Land auf – und bekommt selbst Kinder, die wiederum in Angst und Not groß werden. Obschon das Ehepaar versucht, den Kindern zu ermöglichen, was geht: Der ältere Sohn geht auf eine private Schule, für die ein Schulgeld nötig wird – staatliche Schulen gibt es in Somalia nicht. Als Mahamed fünf Jahre alt und der jüngere Sohn Osman noch ein Baby ist, schließt ihr Vater eines morgens einen Supermarkt auf, als eine Bombe hochgeht. „Alles war kaputt – und mein Mann tot“, sagt Zahra Mohamed. Sie selbst war im Schock. „Es war und ist nicht klar, wer die Bombe gelegt hat, es könnte die Schabaab-Miliz gewesen sein, aber auch etliche andere radikalislamischen Milizen.“ Die Tatsache, dass es keinen benennbaren Täter gibt, hat zur Folge, dass Zahra Mohamed „plötzlich vor allen Menschen Angst hatte“.

Da die Familie ihres getöteten Mannes ihr und ihren Kindern nicht half, suchte die junge Mutter Zuflucht und Hilfe bei ihrer Mutter. „Meine Mama gab mir alles“, sagt Zahra Mohamed. Dann beginnt sie plötzlich zu weinen. Schnell verdeckt sie ihr Gesicht mit ihrem Tuch. „Ich sage immer, ich muss das alles vergessen, aber es bleibt bei mir“, sagt sie dann wieder gefasst. „Ich war innerlich gestorben.“

Doch dann lernt sie Bashir kennen – und verliebt sich in ihn. Er ist gut zu ihren Kindern – und schließlich kann Zahras Mutter nicht auf ewige Zeiten für sie und ihre Kinder aufkommen. Allerdings braucht eine Frau in Somalia für die Eheschließung die Zustimmung eines männlichen Verwandten. Normalerweise ist das der Vater, in Zahra Mohameds Fall der Bruder. Dieser aber verweigerte seiner Schwester die Erlaubnis. „Meine Mutter hat gesagt: ‚Höre nicht auf ihn‘“, erinnert sich Zahra Mohamed. „Sie ist eine starke Frau.“

Sie setzt sich über die Scharia hinweg

Auch Zahra Mohamed ist stark: Sie setzt sich über die Scharia hinweg und heiratet Bashir nur „mit der Erlaubnis der Mama“. Kurz darauf wird sie schwanger. Als ihr Bruder dies bemerkt, will er sie zur Abtreibung zwingen. „Er kam jeden Tag und hat mich angeschrien und mich geschlagen. Ich hatte Angst.“ Ihre Mutter rät Bashir daraufhin, unterzutauchen, da der Bruder ihn sonst töten würde. Ihre Tochter aber bittet sie zu fliehen, um sich und das ungeborene Baby zu retten.

Also lässt Zahra Mohamed im Jahr 2014 ihre beiden Söhne bei ihrer Mutter zurück und flieht. Mit der telefonischen Unterstützung einer Verwandten aus Ägypten, die Kontakte zu Schleusern hat, macht sie sich auf den beschwerlichen Weg: Sie durchquert Äthiopien und den Sudan zum größten Teil zu Fuß, manchmal auch per Auto: „Ich bin ich einfach nur gelaufen, ohne zu wissen, wohin. Ich musste mich oft übergeben, ich hatte Angst, und es war heiß.“

Durch die Sahara geht es mit dem Auto, über das Mittelmeer mit einem Schlauchboot. „Es war so voll, da waren bestimmt hundert Menschen drauf.“ Sie werden von einem Schiff aufgegriffen und nach Italien gebracht. Von dort aus kommt Zahra Mohamed mit dem Bus nach München. „Ich habe die Polizei dort gefragt, wo ich bin. Sie sagten mir dann, ich sei in Deutschland“, erinnert sich Zahra Mohamed, die damals im fünften Monat schwanger war. „Da habe ich gesagt: Jetzt habe ich keine Angst mehr.“

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Wenig später kommt Zahra Mohamed nach Stuttgart. Sie erhält viel Unterstützung, etwa durch den Freundeskreis Neckarpark. Im Januar 2015 kommt ihr Sohn Abdalah auf die Welt, im Jahr darauf wird ihr Flüchtlingsstatus anerkannt. Sie hat nun das Recht, ihre Familie nachzuholen.

Bashir wartet mit den beiden Kindern auf diese Nachricht. Doch die Verhältnisse in Somalia haben sich inzwischen noch einmal verschlechtert. Die Situation ist vor allem für Kinder sehr unsicher. Sie werden oft entführt und als Kindersoldaten missbraucht. Schätzungen zufolge gibt es etwa 70 000 Kindersoldaten, die von verschiedenen Milizen unter Waffen gehalten werden. Manche Kinder werden aber auch entführt und als Boten mit Päckchen in Häuser geschickt. Sobald das Kind im Haus ist, wird die im Paket versteckte Bombe per Fernzünder aktiviert. „Ein Sohn einer Verwandten wurde so getötet – ich hatte solche Angst um meine Kinder“, erzählt Zahra Mohamed.

Bashir flieht mit Mahamed und Osman nach Kenia, bezieht in Nairobi mit den beiden Jungen eine Wohnung. Da er nicht arbeiten darf, ist er auf Hilfe angewiesen.

„Schwester Uschi“ vom Verein Just Human

Zahra Mohamed unterstützt ihre Familie, wie sie nur kann – aber auch der Stuttgarter Verein Just Human hilft mit Spenden für Miete und Essen. 2018 reicht die Familie bei der International Organization of Migration (IOM) Anträge für Visa ein. Auch dabei unterstützte sie Just Human, insbesondere Ursula Bames, die Zahra Mohamed schon seit 2015 aus dem Frauencafé kennt, das sie jeden Montag veranstaltet. Von Zahra Mohamed wird sie „meine Schwester Uschi“ genannt.

Doch das Prozedere gestaltet sich schwierig und langwierig, immer wieder werden neue Nachweise gefordert, sogar das Landtagsbüro der Grünen schaltet sich letztlich ein. Erst Jahre später, im November 2021, ist die Familie wieder vereint.

Noch ist der Alltag nicht eingekehrt, noch gilt es, vieles zu regeln. Die Familie braucht dringend Krankenversicherungen, um sich impfen lassen zu können. Erst dann können die drei Neuankömmlinge einen Sprachkurs besuchen, um eine Arbeit zu suchen oder in die Schule zu gehen.

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Osman war noch nie in der Schule, Bashir hat ihn aber lesen und schreiben gelehrt. Kommt er nur ein bisschen nach seiner Mutter, die als Analphabetin nach Deutschland kam, jetzt aber lesen, schreiben und recht gut Deutsch sprechen kann, wird er keine Probleme haben. Zahra Mohamed besucht gerade einen Sprachkurs der Caritas, zu dem auch ein Hauswirtschaftskurs gehört. Sie möchte gerne mit behinderten Menschen arbeiten. Aber nicht sofort. „Ich bin Mutter – und habe nun sieben Jahre aufzuholen, die ich im Leben meiner Söhne verpasst habe“, sagt sie.

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