Flüchtlinge auf der Balkan-Route Der Mythos von der unüberwindbaren Grenze

Flüchtlinge warten an der serbisch-ungarischen Grenze. Foto: dpa
Flüchtlinge warten an der serbisch-ungarischen Grenze. Foto: dpa

Trotz verschärfter Sicherheitsbemühungen und radikalerer Vorgehensweise versuchen wieder mehr Flüchtlinge, sich einen Weg über die Balkan-Route nach Deutschland zu bahnen.

Korrespondenten: Thomas Roser (tro)
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Budapest - Vom Regen durchnässte Wäsche baumelt in der Abenddämmerung im Stacheldraht. Die kokelnden Feuer vor den Iglo-Zelten künden in dem tristen Flüchtlingscamp am serbisch-ungarischen Grenzübergang Horgos vom nahenden Ende eines weiteren verlorenen Tages. Mutlos beäugt Bakhtiar das schwere Drehkreuz im Grenzzaun, das ihm schon seit zehn Tagen den Einlass zu Ungarns so genannter „Transitzone Rözke“ verwehrt. Es gebe in dem Lager weder eine Dusche noch richtige Toiletten, berichtet der iranische Kurde mit müdem Blick: „Es ist einfach furchtbar. Und niemand weiß, wann und ob man an die Reihe kommt: Die Ungarn lassen hier nur 15 Leute pro Tag passieren.“

Flüchtlinge werden ausgeraubt

„Klein-Idomeni“ nennen serbische Medien das wilde Camp im Schatten des Grenzzauns. 200 bis 300 Menschen harren hier teilweise schon seit Wochen auf die legale Einreise in das abgezäunte Ungarn aus. Beim Überqueren der serbisch-mazedonische Grenze sei seine Familie von maskierten Machetenmännern ausgeraubt und im serbischen Belgrad von der „Schlepper-Mafia“ tagelang eingesperrt worden, erklärt der 40jährige Bakhtiar, warum er den erneuten illegalen Grenzgang seiner Familie nicht mehr zumuten will: „Die ungarische Polizei schlägt die Leute. Wir trafen in Subotica eine Gruppe von Pakistani, die die illegale Grenzpassage versucht hatten – und übel zugerichtet wurden.“

Mit einer Verstärkung des Grenzzauns zu Serbien hat Ungarn Ende Mai auf die Auflösung des provisorischen Flüchtlingslagers im griechischen Idomeni reagiert. Denn trotz der Abriegelung der Balkanroute versuchen weiter Tausende, über Südosteuropa nach Mitteleuropa zu gelangen. Täglich würden im Durchschnitt 150 Flüchtlinge nach Serbien gelangen, berichtet in Belgrad Rados Djurovic, der Direktor des Zentrums zum Schutz für Asylsuchende: „Alle reisen weiter nach Norden, zur Grenze nach Ungarn.“

Laut Auskunft des ungarischen Innenministeriums wurden seit Jahresbeginn 13860 illegale Grenzgänger aufgegriffen – davon allein in den vergangen acht Wochen 8117 Menschen an der seit letzten Sommer abgezäunten Schengengrenze zu Serbien. Die tatsächliche Zahl der Menschen, die in diesem Jahr über Ungarn nach Österreich und Deutschland gelangten, schätzt Djurovic auf bis zu 50 000 Menschen – das Drei- bis Vierfache der offiziellen Zahlen. Zwar werden die aufgegriffenen Grenzgänger von Schnellgerichten im ungarischen Szeged in der Regel zum sofortigen Landesverweis verurteilt. Doch da Serbien seit dem Bau des von Belgrad abgelehnten Grenzzauns konsequent die Rücknahme von Flüchtlingen verweigert, können selbst in Ungarn zunächst verhaftete Flüchtlinge spätestens nach der Verlegung in ein offenes Camp ihren Weg nach Westen fortsetzen.

Verschärfte Abschreckung

Um „den Mythos der unüberwindbaren Grenze zu wahren“, setze Budapest verstärkt auf eine Politik der verschärften Abschreckung, berichtet Djurovic: „Wir bemerken an den Verletzungen, dass die ungarischen Polizei vor allem an der Theiss die Leute immer brutaler zurückprügelt - und auch bissige Hunde ohne Maulkörbe auf sie hetzt.“ Einzelreisende hätten in Horgos nicht nur wegen der „völlig wirklosen Auswahl“ kaum eine Chance, erzählt niedergeschlagen der 22jährige Samir: „Sie lassen von uns nur einen pro Tag durch.“ Doch nach 25 Tagen konnte sich der afghanische Student aus der Wardak-Provinz unweit von Kabul am Morgen endlich am Ziel seiner Warte-Martyriums wähnen.

Der Einlass durch das Drehkreuz wurde Samir indes nur wenige Stunden gewährt. Nach Abnahme der Fingerabdrücke wurde er abgewiesen – und durch eine kleine Tür wieder auf die serbische Seite der Grenze befördert: „Sie sagten, dass sie mich ein halbes Jahr ins Gefängnis stecken würden, wenn sie mich noch einmal an der Grenze erwischen.“ Der vermeintlich durchlässigen „Transitzone“ schreibt Djurovic allenfalls eine Alibi-Funktion zu: Einerseits soll diese den Druck auf den Zaun mindern, anderseits die „Illusion“ schaffen, dass eine legale Einreise nach Ungarn möglich sei. Tatsächlich sind es meist Familien, die in Klein-Idomeni die Warte-Tortur auf sich nehmen.

Verlorene Hoffnungen

Nachdem sein Vater bei einem Sprengstoffanschlag in Kabul ums Leben gekommen sei, habe er sich vor zwei Monaten mit seiner Mutter auf den Weg gemacht, erzählt der 17jährige Schüler Yasir Sabri: „Wir wollen irgendwohin, wo es für uns eine Zukunft gibt.“ 15 Tage harre er schon vergeblich im Niemandsland von Horgos aus, an eine illegale Grenzpassage sei auch wegen des gebrochenen Beins seiner Mutter nicht zu denken: „Jeder Afghane, der durchgelassen wird, ist eine Hoffnung für uns, dass auch wir einmal an die Reihe kommen.“ Die Hoffnung hat der verzweifelte Samir nach seiner Abweisung längst verloren. „Die Entführungen, die Anschläge, die Selbstmordattentäter – unsere Regierung lügt, wenn sie behauptet, dass das Leben bei uns sicher sei. Jeder kann sich in Afghanistan selbst vom Gegenteil überzeugen.“ Jeder „normale Mensch“ lebe am liebsten in seinem -eigenen Land, versichert der traurige Afghane beim Abschied: „Doch bei uns herrscht Krieg. Wo soll ich hin, was soll ich machen?“




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