Flüchtlinge aus Ungarn In Baden-Württemberg endet lange Odyssee

Von red/dpa/lsw 

Die ersten knapp 600 von mindestens 2600 Flüchtlingen aus Ungarn, die Baden-Württemberg aufnehmen wird, haben tief in der Nacht ihre Unterkünfte erreicht. In der Stuttgarter Olgastraße kamen die Menschen im Morgengrauen mit dem Bus an.

Der Morgen graute schon, als die Flüchtlinge mit einem Bus in der Stuttgarter Olgastraße ankamen. Foto: www.7aktull.de | Oskar Eyb 7 Bilder
Der Morgen graute schon, als die Flüchtlinge mit einem Bus in der Stuttgarter Olgastraße ankamen. Foto: www.7aktull.de | Oskar Eyb

Stuttgart - Nach einer aufreibenden Odyssee von Ungarn über Österreich sind mehrere hundert Flüchtlinge am Wochenende in Baden-Württemberg angekommen. Knapp 600 Asylsuchende kamen in der Nacht zum Sonntag in acht Bussen über die deutsch-österreichische Grenze und dann über Ulm in ihre Aufnahmestellen im ganzen Land. Per Bahn kamen am Sonntagvormittag dann noch weitere 88 Flüchtlinge mit einem ICE aus München. Insgesamt werde der Südwesten bis zu 2600 Flüchtlinge aufnehmen, sagte der Chef der Staatskanzlei, Klaus-Peter Murawski, am Sonntag. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) dankte den vielen haupt- und ehrenamtlichen Kräften für ihren Einsatz am Samstag und in der Nacht zum Sonntag.

Die Stadt Stuttgart stellt kurzfristig ein Haus des Caritasverbands zur Verfügung, das ursprünglich erst im Oktober bezogen werden sollte und 150 Menschen Platz bieten soll. Zwei bis vier Menschen teilen sich in der Caritasunterkunft in der Olgastraße ein Zimmer, Feldbetten und Schlafsäcke seien für sie in großer Eile aufgebaut worden.

Regierungspräsident Johannes Schmalzl sagte, nur gemeinsam könnten Land und Kommunen die große humanitäre Aufgabe der Unterbringung der Flüchtlinge bewältigen. Durch ihre Hilfe entlaste die Landeshauptstadt Stuttgart die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen im Regierungsbezirk Stuttgart. „Hier zeigt sich die große Solidarität der Kommunen untereinander, die wir dringend brauchen“, sagte Schmalzl.

Vorübergehend Katastrophenalarm ausgelöst

Baden-Württemberg löste am Samstag vorübergehend Katastrophenalarm aus, um die Situation mit Hilfe der Feuerwehr, des Deutschen Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerks zu bewältigen. Es habe alles sehr gut geklappt, sagte Murawski. Die haupt- und ehrenamtlichen Helfer hätten mit viel Engagement und Professionalität gehandelt.

Der Strom der Flüchtlinge werde nicht abreißen, sagte der Chef der Staatskanzlei. Am Montag werde man daher darüber beraten, wie leerstehende Militäreinrichtungen zügig mit Trinkwasser und Strom ausgerüstet werden könnten, um sie als Unterkünfte zu nutzen. Das Land wolle für die Ankunft weiterer Flüchtlinge gerüstet sein. Dies sei angesichts der angespannten Lage in Ungarn auch notwendig.

Angesichts der dramatischen Zustände in Ungarn hat Deutschland in einer beispiellosen Aktion Tausende Flüchtlinge aufgenommen. Die Männer, Frauen und Kinder, hauptsächlich aus Syrien, Pakistan und Afghanistan, hatten tagelang in Budapest festgesessen und durften in der Nacht zum Samstag nach Österreich weiterreisen. Das wichtigste Ankunftsziel war der Hauptbahnhof in München. Viele der Migranten wurden von dort direkt in andere Bundesländer gebracht.

"Dramatische Nacht"

Die ersten Flüchtlinge aus Ungarn in Baden-Württemberg wurden nach Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis), Stuttgart, Donaueschingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) und Sasbachwalden (Ortenaukreis) gebracht. Zwei Menschen kamen gleich ins Krankenhaus. „Sie haben eine dramatische Nacht hinter sich“, sagte Christian Schneider, Vizepräsident des Stuttgarter Regierungspräsidiums.

Der Flüchtlingsstrom aus Ungarn stellt die Regierungspräsidien im Südwesten, die für die Unterbringung der Menschen zuständig sind, vor große Herausforderungen. „Die Ereignisse überschlagen sich“, sagte die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer. Die Reaktionszeiten hätten sich auf wenige Stunden verkürzt. Das Regierungspräsidium Freiburg bringt die Flüchtlinge unter anderem in einem Hotel in Sasbachwalden und in ehemaligen französischen Soldatenwohnungen in Donaueschingen unter.

Kretschmann dankt allen Helfern

Land, Regierungspräsidien, Kommunen und Erstaufnahmeeinrichtungen hätten sehr gut zusammengearbeitet und in kurzer Zeit eine große Herausforderung gemeistert, sagte Kretschmann. Ohne die Hilfe von Polizei, Feuerwehr, DRK, THW und Caritas wäre das nicht so schnell möglich gewesen. Integrationsministerin Bilkay Öney und Innnenminister Reinhold Gall (beide SPD) erklärten, die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen hätten gezeigt, dass das Krisenmanagement in Baden-Württemberg gut funktioniere.

Rund 600 Flüchtlinge aus Ungarn sind heute in Baden-Württemberg angekommen. Sie wurden in Unterkünften in Sinsheim...

Posted by Winfried Kretschmann on  Sonntag, 6. September 2015

Rauchbombenanschlag in Neckargmünd

Unterdessen gab es erneut einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im Südwesten. Unbekannte warfen in der Nacht zum Sonntag eine Rauchbombe in die Hofanlage eines Hauses in Neckargemünd (Rhein-Neckar-Kreis), in dem unter anderem rund 50 Flüchtlinge untergebracht sind. Noch unklar ist, ob der Angriff auf die Flüchtlingsunterkunft in Neckargemünd einen fremdenfeindlichen Hintergrund hat. Die Polizei schließt dies nicht aus. Sie fahndet nach den zwei Tätern, die laut Augenzeugen davonrannten. Wegen der Rauchentwicklung mussten 15 Menschen um Mitternacht das Gebäude verlassen. Vorsichtshalber rückte die Feuerwehr aus. Der Wirkstoff der Rauchbombe erwies sich jedoch als ungefährlich.

In den vergangenen Monaten hatte es im Südwesten mehrere Brandstiftungen mit vermutlich fremdenfeindlichem Hintergrund gegeben. Im August hatten Unbekannte ein Feuer in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Weissach im Tal (Rems-Murr-Kreis) gelegt. Im Juli brannte die geplante Asylbewerberunterkunft in Remchingen (Enzkreis) ab. Sie soll wieder aufgebaut werden.