Flüchtlinge in Ausbildung in Stuttgart Wie die Stadt Azubis zum Abschluss führen will

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Bei rund 400 der 1000 neuzugewanderten Azubis in Stuttgart steht das Ausbildungsverhältnis auf der Kippe. Grund sind Sprachprobleme. Mit einem neuen Konzept und Ausbildungsmanagern will die Landeshauptstadt die angehenden Handwerker zum erfolgreichen Abschluss führen.

Diese angehenden Maler und Lackierer besuchen die Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart. Einige wünschen sich mehr Unterstützung beim Deutschlernen. Foto:  
Diese angehenden Maler und Lackierer besuchen die Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart. Einige wünschen sich mehr Unterstützung beim Deutschlernen. Foto:  

Stuttgart - Die Stuttgarter Berufsschulen hatten Alarm geschlagen: Bei 400 der 1000 neuzugewanderten Azubis sei der Ausbildungserfolg akut gefährdet. Der Grund: massive Sprachprobleme. Darauf hat Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) reagiert. Ihr Referat hat jetzt ein Modellprojekt entwickelt, das die Flüchtlingsazubis zum Ausbildungserfolg führen soll.

Das Modellprojekt ist von Juli 2019 bis August 2020 befristet und sieht ein dreistufiges Verfahren vor. Beteiligt werden sollen zunächst fünf städtische Berufsschulen. Es sind diejenigen mit den meisten Neuzugewanderten: Schule für Farbe und Gestaltung, Hoppenlau-, Kerschensteiner-, Robert-Mayer- und Steinbeisschule. Sie alle haben zwischen 70 und 200 Flüchtlinge. An diesen Berufsschulstandorten soll bei allen Azubis, die keinen Schulabschluss in Deutschland oder kein aktuelles Sprachzertifkat mit dem Mindestlevel von B2 vorweisen können, der Sprachstand erhoben werden. Dies soll an den Berufsschulen durch einen Sprachkursanbieter erfolgen. Die Tests sollen bei den Berufsschülern im ersten Ausbildungsjahr im Juli und August 2019 durchgeführt werden, bei den neuen Azubis im September und Oktober 2019.

Für Flüchtlinge in Ausbildung ist vor allem die Fachsprache eine große Hürde

Im Anschluss an die Tests erhalten die Azubis ein Jahr lang Sprachkurse mit berufsbezogenen Inhalten – die Rede ist von 400 bis 500 Unterrichtseinheiten. Dass gerade die berufsbezogene Sprache eine große Hürde sein kann, hat auch Amadou Fadera bestätigt. Der 30-Jährige stammt aus Gambia, ist seit vier Jahren in Deutschland und lernt im zweiten Lehrjahr Maler und Lackierer – in seinem Betrieb in Göppingen und in der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart-Feuerbach. „Wenn wir in der Fachsprache Nachhilfe hätten, das wär super – aber dafür bräuchten wir einen zweiten Berufsschultag“, meint der angehende Handwerker.

Genau dieses Problem findet auch in dem neuen Konzept Beachtung. Die Sprachvermittlung soll nach Fezers Vorstellungen möglichst in den Räumen der Berufsschule erfolgen. Aber, so heißt es in dem Konzept: „Für einen erfolgreichen Besuch der Kurse ist eine Freistellung über den Ausbildungsbetrieb für die jeweiligen Zeiten erforderlich.“ Die Kammern unterstützten dies und würden bei den Ausbildungsbetrieben dafür werben. Damit das Vorhaben auch organisatorisch rund läuft mit Sprachkurs, Schule, Betrieb, Jobcenter und Azubis, sollen an den ausgewählten Berufsschulen Ausbildungsmanager eingesetzt werden – insgesamt will Fezer dafür 2,5 Stellen aus dem Budget der Abteilung Bildungspartnerschaft bereitstellen – macht inklusive Sachkosten 281 000 Euro.

Die Wiederholerklassen werden dort eingerichtet, wo die Not am größten ist

An Berufsschulen, an denen viele Azubis wegen ihrer Sprachprobleme dem Unterricht im ersten Lehrjahr kaum folgen können, soll eine separate Berufsschulklasse mit Wiederholern erprobt werden. Wegen des hohen organisatorischen Aufwands soll dies aber an höchstens zwei Standorten erfolgen. Welche das sein werden, sei aber noch offen, sagt Felix Winkler, Leiter der Schule für Farbe und Gestaltung und geschäftsführender Leiter der gewerblichen Schulen in Stuttgart. „Es wird dort sein, wo die Not am größten ist“.

Dass der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats das Konzept ohne Wenn und Aber einmütig beschlossen hat, wertet Winkler als „echten Erfolg“. Auch beeindrucke ihn, in welchem Turbotempo das Konzept erstellt wurde – „aber das ist ja auch notwendig“, sagt er. Besonders wichtig seien die Ausbildungsmanager. Das müssten Personen mit Verhandlungsgeschick sein. Denn: „Die Freistellung der Azubis vom Betrieb ist immer noch der größte Knackpunkt“, weiß Winkler – „da bedarf es viel Überzeugungsarbeit“. Einen Umfang von 400 Stunden für die berufsbezogenen Deutschkurse pro Jahr, wie sie beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) beantragt werden können, hält der Schulleiter allerdings für unrealistisch – denn das wären ja zehn Stunden pro Woche. Vielleicht gelinge es ja, diese Stunden auf zwei Jahre, statt eines zu verteilen. Dann hätten die Azubis fünf Stunden Extrakurs pro Woche, insgesamt also zwei Tage Unterricht.

Schulleiter Winkler hat via Facebook bereits drei Interessenten aufgetan

Doch nun gehe es erst einmal darum, die Stellen für die Ausbildungsmanager zu besetzen. Das ist zwar Aufgabe der Stadt, die die Stellen auch ausschreibt. Aber Winkler hat schon mal via Facebook getrommelt – und bereits drei Anfragen von Interessenten erhalten.

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