Sein Telefon lässt Artur Maltsev nie aus dem Blick. Einen Tag vor seinem Geburtstag marschierte die russische Armee in der Ukraine ein. Er hat ihn seither nicht mehr gefeiert. Aber fürs Foto huscht doch ein Lächeln über sein Gesicht – an der Theke seines Restaurants Töpfle im Heusteigviertel. „Der Ort ist ein kleines Dankeschön für den Schutz, den uns Deutschland gegeben hat“, lässt er von seiner Geschäftspartnerin Natalie Duchenko sagen. Gemeinsam eröffneten sie es im August, drei Jahre nach der Flucht vor dem Krieg. In Stuttgart hat sich der 30-Jährige in der Gastronomie eine Heimat geschaffen. Die Branche bot auch Baraa Baag und seiner Familie einen Einstieg ins Berufsleben: Die Zitadelle heißt ihr Lokal in Bad Cannstatt. Es wirkt wie eine kleine syrische Festung in der Fremde.
Mit Hilfe der Unternehmensberaterin zum Restaurant
Einen Magister in Außenwirtschaft hätte Artur Maltsev zu bieten. Aber Ökonomen gäbe es viele in der Ukraine, erklärt er. Noch in Odessa war er deshalb in einer Pizzeria tätig, nach der Flucht wurde der Deutschkurs zu seiner Hauptbeschäftigung. Dass das Töpfle das erste ukrainische Restaurant in Stuttgart ist, erklärt Natalie Duchenko mit der Sprachbarriere und den Regeln, die es für eine Selbstständigkeit zu verstehen gilt. Sie betreibt eine Unternehmensberatung für ihre Landsleute. „Alle notwendigen Dokumenten und das Geld für die Investitionen zusammenzubekommen, ist schwer“, sagt sie.
Im Töpfle haben Artur Maltsev und seine Mutter Oksana Teppiche aus den Karpaten aufgehängt, eine Wandmalerei voller Hinweise auf die Heimat anfertigen lassen. Der Name stammt von ukrainischen Tongefäßen, in denen einst das Essen serviert wurde. Gekocht wird es „nach Rezepten unserer Uromas“, betont er. Borschtsch mit selbst gebackenen Pampuschki, Brötchen mit Knoblauch und Dill, stehen auf der Karte, die gefüllten Kohlrouladen namens Golubzi, Kiewer Kotelett sowie die Pfannkuchen Mlintsy oder Warenyky, die Natalie Duchenko „ukrainische Maultaschen“ nennt. Sanddorntee oder Limonade wird dazu getrunken – mangels einer Ausschankgenehmigung für Alkohol, die Natalie Duchenko organisieren will, weil die Gäste Wodka vermissen.
Freekeh, Taboulé und Falafel stehen auf der Speisekarte
In der Zitadelle hängen zwei syrische Flaggen, Fotografien aus Syrien schmücken die Wand. Die Gäste bekommen Freekeh, den gerösteten grünen Weizen, mit Lammhaxe und Tsatsiki oder das spinatähnliche Molkhia, Lammdärme, Taboulé und Fattoush, die Bulgurbällchen namens Kebbeh und Falafel aufgetischt. Vor der Terrorgruppe Islamischer Staat flohen die Baags im Jahr 2013 aus ihrer Stadt Deir ez-Zor in die Türkei. Weil sie die Stimmung als feindlich empfanden, schickten sie ihren 14-jährigen Sohn Baraa alleine nach Deutschland – mit dem Boot und zu Fuß. Seit 2016 ist die Familie vereint in Stuttgart. „Wir wollen den Menschen unsere Spezialitäten zeigen, wie wir sie zu Hause machen“, sagt Baraa Baag über das Lokal der Familie.
Elektroingenieur ist sein Vater von Beruf, in Syrien betrieb er einen Großhandel für Elektrogeräte. Mit Lebensmitteln knüpfte er in Deutschland an das Geschäft an. „Es gibt nicht viele Chancen für Flüchtlinge“, sagt Baraa Baag. Für einen Supermarkt reichte es, Hallo, Tschüs und die Zahlen auf Deutsch zu können. Doch weil auch ihre Landsleute in den Discountern einkaufen, wechselte er zu einem Imbiss. „Die Leute sollen gute Falafel essen“, dachten sich Vater und Sohn, der den Realschulabschluss machte – bis sie genug von Fast Food hatten und im September 2024 das Restaurant eröffneten. Die Mutter lieferte die Rezepte, sie betreibt noch ein Geschäft für Brautkleidung, einen Möbelladen hat die Familie außerdem. Der Sohn bezeichnet sich als Koch und Metzger. Viele Ärzte und Ingenieure gäbe es in der Familie, erzählt er, „wir lernen schnell“. Es ist eines von rund einem Dutzend syrischer Lokale in Stuttgart.
Seit der Flucht nie wieder zurück in Syrien und in Odessa
Ein Leben ohne Arbeit hätten sich die Baags nicht vorstellen können, ein Leben in Deutschland war aber nie der Plan. Er sei angekommen, sagt Baraa Baag in der Zitadelle, wo er viele deutsche Gäste bewirtet, „meine Eltern? Nie.“ Seine Mutter trage Kopftuch, allein dadurch werde das Leben hierzulande schwer. Der 23-Jährige hat auch schon seine künftige Ehefrau gewarnt: Sie stammt aus dem Libanon und verschleiert sich. Vielleicht könnten sie eines Tages nach Syrien zurückkehren, „vielleicht gehen wir nie wieder hin“, sagt er über die Zukunft.
Artur Maltsev hat Odessa seit seiner Flucht nicht mehr besucht. Bomben fallen auf die Stadt, der Strom fällt ständig aus. Familie und Freunde sind aber geblieben, er schaut ständig nach, was dort passiert. „Im Keller zu leben, ist kein normales Leben“, sagt Oksana Maltseva. Im Töpfle üben sie und ihr Sohn mit den deutschen Gästen nun ihre Sprachkenntnisse und zeigen ihnen dafür ihre Kultur. Wenn Ukrainer zusammensitzen, wird nämlich nicht nur gespeist und geredet, sondern gerne auch gemeinsam gesungen. „Im Töpfle kann man unsere Heimat spüren“, sagt sie.