Flüchtlinge in Stuttgart Auch im Bürgerhospital ist die Angst vor den Taliban da

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Vor einem Jahr wurden Hunderte Flüchtlinge in der damaligen Stuttgarter Notunterkunft im Reitstadion untergebracht. Was ist ein Jahr später aus ihnen geworden? Wir haben die ehemalige afghanische Soldatin Sakina Esmaili und ihre drei Kinder besucht.

Mahdja, Sakina, Morteza und Mohadisa Esmaili sind nach über einem Jahr über ihr eigenes Zimmer in der Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft überglücklich. Foto: Lichtgut/Michael Latz 6 Bilder
Mahdja, Sakina, Morteza und Mohadisa Esmaili sind nach über einem Jahr über ihr eigenes Zimmer in der Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft überglücklich. Foto: Lichtgut/Michael Latz

Stuttgart - Ein ehemaliges Krankenzimmer mit Bad und WC – auf diesen zehn Quadratmetern im Stuttgarter Bürgerhospital spielt sich seit dem Sommer 2016 das Leben von Sakina Esmaili und ihren drei Kindern ab. Die vierköpfige Familie aus Afghanistan lebt in dem Krankenhaus in Stuttgart-Nord, das zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde, mit derzeit rund 1400 anderen Geflüchteten aus aller Welt zusammen.

Vor einem Jahr haben wir die heute 30-Jährige und ihre Kinder bei unserer 24-Stunden-Reportage aus der damaligen Notunterkunft für Flüchtlinge im Stuttgarter Reitstadion kennengelernt. Damals hat uns die junge Frau von ihrer Flucht aus Afghanistan und vor den Taliban erzählt. In ihrer Heimat habe sie als für die Armee gearbeitet und einer weiblichen Brigade vorgestanden. Das habe sie für die Taliban zur doppelten Zielscheibe gemacht. Selbstbewusste, eigenständige Frauen, die für die afghanische Armee arbeiten, stehen bei der islamistischen Miliz nicht gerade hoch im Kurs.

Von ihrem Mann, dem Vater ihrer drei Kinder, sei sie verlassen worden. Dann seien sie geflüchtet.

Im Dezember 2015 kam Sakina mit ihren beiden Töchtern Mohadisa und Mahdja und dem Sohn Morteza im Stuttgarter Reitstadion an. Nach ein paar Wochen wurden sie nach Wertheim gebracht, später in eine Flüchtlingsunterkunft nach Stuttgart-Weilimdorf. Als wir die junge Frau dort im April treffen, erzählt sie uns von ihrer Krankheit, einem Knoten in der Leber und davon, wie schwierig es sei, in der engen Unterkunft, in einer mit Rollzaun abgetrennten Parzelle und den vielen unterschiedlichen Kulturen zu leben.

Der größte Fortschritt ist ein eigenes Zimmer

Sechs Monate vergehen, bis wir Sakina und ihre drei Kinder im ehemaligen Bürgerhospital wieder treffen. Sie wartet an der Pforte, um uns abzuholen und nach oben in ihr Zimmer zu bringen. „Der Knoten ist weg“, erzählt die mittlerweile 30-Jährige. Sie sei operiert worden, alles sei gut verlaufen. Allerdings plage sie ein neuer Schmerz. „Im Fuß“, sagt sie und zeigt ein Röntgenbild auf dem ein knöcherner Auswuchs wie bei einem Fersensporn zu sehen ist. „Deswegen kann ich nicht gut laufen.“ Was Sakina aber mittlerweile kann, ist etwas Deutsch. Zum ersten Mal, seitdem wir sie kennen, ist eine Kommunikation auf Deutsch möglich.

Trotz ihres Fußproblems gehe es ihr und den Kindern viel besser als noch vor einem halben Jahr: „Hier ist es sehr gut“, sagt die ehemalige Offizierin. „Sehr gut. Wir haben ein Zimmer, das wir abschließen können, ein eigenes Bad und eine eigene Toilette.“ Die beiden Töchter Mohadisa und Mahdja, mittlerweile 14 und 12 Jahre, nicken zustimmend. Mohadisa ist die ältere der beiden und hilft ihrer Mutter sich zu erklären, falls es mit dem Deutsch nicht immer klappen sollte. Alle vier gehen jeden Tag mehrere Stunden zum Deutschlernen, die Kinder in der Schule, Sakina in der Volkshochschule. „Das einzige Problem ist, dass ich noch nicht so gut Deutsch sprechen kann“, sagt Sakina. Am besten gefalle ihr, dass „alle in Deutschland glücklich sind“, sagt sie. „Es gibt wenig Gewalt und viel Respekt, das gefällt mir sehr gut. In Afghanistan ist das nicht so. Männer lieben verschiedene Frauen und Kinder werden geschlagen. Hier in Deutschand ist alles viel besser“, sagt sie.

Angst vor den Taliban ist immer da

Die Furcht vor den Taliban ist jedoch trotzdem immer da. Auf die Frage, warum sie und ihre Töchter ein Kopftuch tragen, erzählt Sakina von ihrer Angst, die sie hier in Deutschland, in Stuttgart, hat: „Wenn uns jemand ohne Kopftuch fotografiert und das ins Internet stellt oder über Facebook teilt und die Taliban das sehen, dann bringen sie uns um, wenn wir zurück müssen“, sagt sie.

Klarheit darüber, ob sie in Deutschland bleiben dürften oder nicht, haben die Esmailis auch nach über einem Jahr noch nicht. Zum Jahresende soll es zu einem Interview gehen, in dem es um diese Frage geht. Eines steht für Sakina allerdings fest: „Ich will weiter Deutsch lernen und irgendwann arbeiten. Am liebsten als Krankenschwester, wie in Afghanistan“, sagt sie. Auch Mohadisa möchte einmal in einem Krankenhaus arbeiten, als Ärztin. „Manche in der Schule sagen zu mir, dass ich dafür zu schlecht bin, aber ich lerne einfach weiter“, sagt die 14-Jährige. Ihre kleine Schwester hat den gleichen Traum. Fürs erste würde sie aber am liebtsen Gitarre spielen lernen. Und auch der siebenjährige Morteza hat einen Traum: „Schwimmen lernen!“ Dafür zumindest gibt es gute Aussichten. „Eine Sozialarbeiterin im Bürgerhospital hat gesagt, dass er im nächsten Jahr am Schwimmkurs teilnehmen darf“, sagt Sakina. Darauf freut sich Morteza jetzt schon.

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