Der 18-jährige Jeside Walid Samouqi hat für 2015 einen großen Wunsch: dass seine Familie bald nachkommt. Er selbst hat bereits Fuß gefasst – selbst in den Winterferien wird gepaukt.
Stuttgart/Bagdad - Das ist ja ganz schön spitzfindig gefragt“, sagt Walid Samouqi und lacht. Als er am Abend des 15. Oktober 2011 von einem Schlepper am Stuttgarter Hauptbahnhof abgesetzt wurde, konnte der Jeside aus dem Nordirak weder Deutsch noch Englisch. Wortungetüme wie Duldungsstatus oder Aufenthaltserlaubnis hat er schnell gelernt. Doch er kann auch etwas, womit selbst Muttersprachler mitunter ihre Probleme haben: Der 18-Jährige versteht Ironie und weiß damit zu spielen.
Lauter Einsen und Zweien im Zeugnis
Um zu begreifen, was Walid Samouqi in den vergangenen drei Jahren geleistet hat, reicht eigentlich schon ein Blick in das Abschlusszeugnis der Robert-Mayer-Schule: Mit lauter Einsen und Zweien hat der Iraker die Hauptschule abgeschlossen. In der Beurteilung des Jugendschutzheims, in dem er zunächst untergebracht war, steht, man habe ihm offiziell lernfreie Zeiten verordnen müssen. Seit September absolviert der junge Mann eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement in Schorndorf im Rems-Murr-Kreis.
Seine Eltern können stolz auf ihren Ältesten sein. Doch sie haben ihn seit mehr als drei Jahren nicht gesehen. Walid Samouqis Familie lebt in einem Flüchtlingslager in der Türkei. Vater, Mutter, drei Brüder und fünf Schwestern sind im August Hals über Kopf vor den IS-Terroristen aus ihrem Heimatdorf am Sindschar-Gebirge geflohen. Ihr Haus ist komplett zerstört, wie Bekannte berichtet haben. „Meine kleinste Schwester habe ich nie kennengelernt“, sagt Walid Samouqi, „bei ihrer Geburt war ich schon in Deutschland.“
Studieren – für Jesiden undenkbar
Für ihn war es schon 2011 zu gefährlich, im Nordirak zu bleiben. „Wir galten immer als Sünder“, erinnert sich der 18-Jährige. Seinen Großvater hätten sie erschossen, da er unter dem Saddam-Regime nicht in die irakische Armee gehen wollte. Studieren: für Jesiden undenkbar.
„Wir haben nicht einmal in einem Restaurant arbeiten dürfen, weil sie uns für schmutzig halten“, erzählt Walid Samouqi. Die Lage sei immer bedrohlicher geworden. Die Islamisten wollten seinem Onkel, einem Bauunternehmer, das Arbeiten verbieten. Der ließ sich nicht einschüchtern, aber eines Tages – sein Neffe Walid war dabei – machten sie Ernst. „Sie haben ihm den Daumen abgeschnitten“, sagt der junge Jeside und zieht den Ärmel seines Pullovers hoch: Am Oberarm sind streifenförmige Narben zu sehen. Sie werden ihn sein Leben lang daran erinnern, wie die Islamisten ihn und seinen Onkel angriffen.
Um die Schlepperbande zu bezahlen, die Walid Samouqi ins sichere Deutschland bringen sollte, hat der Vater Auto und Schmuck verkauft. „Wir waren nicht arm“, betont der Jeside, „wir hatten Felder und Plantagen, die Flucht war eine bittere Notwendigkeit.“ Sein Vater begleitete ihn auf dem Flug von Erbil nach Istanbul, danach war der damals 15-jährige Junge auf sich allein gestellt. Drei Monate blieb er in Istanbul, per Lastwagen ging es weiter. „Tagelang haben wir uns dort versteckt“, sagt Samouqi, „wir hatten nicht genug zu essen und zu trinken und ich dachte, wir müssten sterben.“
Wundern über die Regeln der Bürokratie
Doch er schaffte es, sehr hungrig und unendlich müde zwar und mit einem Riss im Magen, aber er war am Leben. Der Flüchtling ist dankbar dafür, wie viele Menschen ihn hier unterstützt haben: zuerst die Polizisten am Hauptbahnhof, die ihre Mütze über seine Hände hielten, weil sie sahen, wie peinlich es ihm war, in Handschellen abgeführt zu werden. Sozialarbeiter, die Mitarbeiter des Kinderheims, in dem er zwei Jahre lebte, die Kinderärztin, Freunde, sein jetziger Chef, sie alle haben ihm geholfen. In seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Bad Cannstatt hängen zwei schwarz-rot-goldene Fahnen. „Deutschland ist kompliziert, man muss jedes Dokument aufbewahren“, sagt der gebürtige Iraker, „doch hier gibt es so viele hilfsbereite Menschen – und es ist ein demokratisches Land.“
Freude am Singen deutscher Volkslieder
Nach all dem, was ihm im Irak passiert sei, habe er nie gedacht, dass es ihm hier so gut gehen würde, sagt Walid Samouqi. Einmal hätten sich Gäste in einer Besenwirtschaft darüber gewundert, dass er „Hoch auf dem gelben Wagen“ und „Muss i denn zum Städtele“ so munter mitsang, als habe er nie etwas anderes getan. „Das habe ich im Altenheim gelernt, wo ich ehrenamtlich arbeite“, sagt der 18-Jährige und grinst.
Vollkommen glücklich wäre er, wenn es seiner Familie besser ginge, sagt er. Ihn schmerzt es, dass Eltern und Geschwister mit 4000 anderen Flüchtlingen in einer Zeltstadt hausen müssen. Er telefoniert regelmäßig mit ihnen, ab und zu skypen sie, doch die Bilder aus dem Flüchtlingslager kann der junge Jeside nur schwer ertragen: „Meine Eltern und Geschwister kämpfen gegen die Kälte, den Schmutz, gegen Läuse.“ Nicht einmal eine Decke hätten sie auf der Flucht mitnehmen können, so schnell habe alles gehen müssen. Zwei Koffer mit warmer Kleidung hat er ihnen kürzlich mit Hilfe seiner Kinderärztin zukommen lassen. Er selbst darf nicht in die Türkei reisen, der Weg zurück wäre ihm versperrt.
Angst davor, dass Eltern bei Flucht über das Meer müssen
Aber er versucht alles, um seine Familie nach Deutschland zu holen. Dutzende Briefe hat er geschrieben, an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, an Ministerpräsident Winfried Kretschmann und an viele andere Politiker. „Ich will einen legalen Weg finden“, betont der Jeside, „ich möchte nicht, dass meine Eltern im Mittelmeer ertrinken.“ Vizekanzler Sigmar Gabriel lobt ihn in einem Antwortschreiben dafür, „in sozialer wie in schulischer Hinsicht offensichtlich Herausragendes geleistet“ zu haben. „Dazu gratuliere ich Ihnen herzlich, und ich möchte Sie ermutigen, diesen Weg entschlossen weiterzugehen.“
In den Winterferien wird gepaukt
Warme Worte, die wenig nützen: leider seien bisher alle Briefe erfolglos gewesen, sagt Walid Samouqi. Trotzdem will er weiter für seine Familie kämpfen und jede Chance ergreifen, die ihm seine neue Heimat bietet. So oft es geht, sitzt der 18-Jährige in diesen Winterferien wieder am Schreibtisch und paukt. Mit allen Kräften versucht er, mit seinen Mitschülern in seiner Berufsschulklasse mitzuhalten und seine Lehre mit guten Noten abzuschließen. „Ich tue das alles für meine Familie“, sagt er, „meine jüngeren Geschwister haben im Moment gar keine Zukunftsperspektive.“