Flüchtlinge in Stuttgart In Aleppo Ingenieur, in Stuttgart hofft er auf ein Praktikum

Ibrahim Ferik sieht Stuttgart zum ersten Mal von oben. Er liebt seine neue Heimat. Foto: Kneißler 10 Bilder
Ibrahim Ferik sieht Stuttgart zum ersten Mal von oben. Er liebt seine neue Heimat. Foto: Kneißler

Wir haben geflüchtete Menschen, die in der Notunterkunft im Reitstadion in Stuttgart untergebracht waren, noch einmal besucht. Wie geht es ihnen heute? Wo sind sie? Hier lesen Sie die Geschichte von Ibrahim Ferik, dem Ingenieur aus Syrien, der nachts Deutsch lernt und sein Herz an Stuttgart verloren hat.

Digital Unit : Jessica Kneißler (jes)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Ibrahim Ferik steht zum ersten Mal auf der Aussichtsplattform des Stuttgarter Fernsehturms. „Schön hier“, sagt der 29-Jährige. Unten im Kessel liegt Stuttgart, im Sonnenschein - der lange Winter, der so viel in Ibrahim Feriks Leben verändert hat, scheint endlich zu Ende zu gehen.

Im Oktober 2015 gab der 29-jährige Ingenieur aus Aleppo seinen Job in Syrien auf und flüchtete. Mutter, Schwester und Großeltern blieben zurück in der vom Krieg gebeutelten Heimatstadt. „Als ich das letzte Mal mit ihnen telefoniert habe, gab es gerade tagelang kein frisches Wasser und keinen Strom mehr“, erzählt er. Im grauen November kommt er endlich in Deutschland an, nach einer dreiwöchigen Odyssee über die Türkei und Griechenland. In Passau wird er polizeilich registriert. Formalitäten wie diese bestimmen seitdem sein Leben. Am 19. November landet der 29-Jährige in Stuttgart: Man hatte ihn nach dem Zufallsprinzip in einen Bus mit dem Ziel „Reitstadion Bad Cannstatt“ gesetzt.

Stuttgart? Noch nie gehört

Stuttgart? „Um ehrlich zu sein, den Namen dieser Stadt hatte ich vorher noch nie gehört“, sagt Ferik in seinem nahezu perfekten Englisch, das ihm hier vieles erleichtert. Er schiebt aber gleich nach, dass er dafür bald von der tollen Autoindustrie der Landeshauptstadt gehört habe. Davon ist der Ingenieur natürlich begeistert. Als er im Reitstadion wohnt, geht er manchmal nebenan bei der Teststrecke von Daimler Autos beobachten. „Eines Tages fahre ich vielleicht auch einen Mercedes“, sagt er und lacht.

Fleißig beim Lernen – auch mitten in der Nacht: So haben wir Ibrahim Ferik in der Notunterkunft in Stuttgart im Dezember 2015 kennengelernt. Foto: Kneißler
Mitte Dezember treffen wir Ibrahim in der Notunterkunft zum ersten Mal, bei einer 24-Stunden-Reportage über den Alltag der Helfer und Flüchtlinge. Ibrahim Ferik sitzt damals um ein Uhr nachts im Registrierungszelt, wo bei seiner Ankunft zum zweiten Mal seine Daten aufgenommen wurden - diesmal für die Unterkunft und spätere Weiterleitung an eine Landeserstaufnahmestelle. Fast jede Nacht ist er dort, dick eingemummelt in Daunenjacke und Mütze, und bringt sich mit einem Buch selbst Deutsch bei: „Hier ist sonst niemand, da habe ich meine Ruhe.“

„Nur Krieg und Warten“

„Die Situation in Syrien hat mich krank gemacht“, erzählt er. „Du hörst ein Pfeifen, und du weißt nicht, wo es gleich einschlagen wird“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Keine Hoffnung. Nur Krieg und Warten. Aber wie lange?“

Doch das Warten geht auch in Deutschland weiter. Immerhin: Es ist kein Zischen der Granaten mehr zu hören. Aber dieses Geräusch verfolgt Ferik.

Im Reitstadion kommt er gut mit allen zurecht, hier kann er sich engagieren und ablenken, er übersetzt und hilft beim Sortieren der Kleiderspenden und Vorräte. Stuttgart wächst dem aufgeschlossenen Syrer sehr schnell ans Herz. Doch noch ist sein Aufenthalt in Stuttgart längst nicht gesichert: Ende Dezember wird Ferik erst in eine Notunterkunft in Neuenstadt am Kocher (Kreis Heilbronn) gebracht, ein paar Tage später dann in die Erstaufnahmestelle nach Ellwangen. Für wie lange er dort sein wird, weiß er zu dem Zeitpunkt nicht.

Konflikte, Schlägereien, Polizei-Einsätze

Zehn Menschen schlafen in Ellwangen in einem Zelt. Dort gibt es Konflikte, Schlägereien, Polizei-Einsätze - im Reitstadion, wo der Betreuungsschlüssel höher ist und viele Helfer auch Arabisch sprechen, gab es das nicht. Ferik ist frustriert, er schickt Bilder von Polizeiautos auf dem Gelände der Unterkunft. „Sollte ich wieder nach Stuttgart kommen dürfen, wäre ich so glücklich“, schreibt er.

Doch ob das klappt, kann ihm niemand zu diesem Zeitpunkt sagen, obwohl sich auch die Heimleitung des Reitstadions für ihn einsetzt. Er soll erst einmal in Ellwangen medizinisch untersucht und nochmals für das Land Baden-Württemberg registriert werden. „Dann hängt es vom Verteilungsschlüssel ab, da können wir nichts machen“, lässt eine Mitarbeiterin am Telefon wissen. An wen sich Ferik auch wendet, eine genaue Auskunft scheint nicht möglich.

Dann geht es doch schneller als gedacht: eines Morgens geht er wie immer zum schwarzen Brett, wo die Listen mit Namen und zugeteilten Unterkünften in allen Teilen Baden-Württembergs aushängen. Ferik, Ibrahim steht dort. Stuttgart.




Unsere Empfehlung für Sie