Flüchtlinge in Stuttgart-Münster Sich selbst ein Bild machen

Von Georg Linsenmann 

Vor dem Einzug der Flüchtlinge haben mehr als 200 Bürger die Unterkünfte besichtigt.

Bezirksvorsteherin Renate Polinski (rechts) spricht mit Besuchern  über den bevorstehenden Einzug der Flüchtlinge in die Gemeinschaftsunterkunft Burgholzstraße. Foto: Georg Linsenmann
Bezirksvorsteherin Renate Polinski (rechts) spricht mit Besuchern über den bevorstehenden Einzug der Flüchtlinge in die Gemeinschaftsunterkunft Burgholzstraße. Foto: Georg Linsenmann

Stuttgart-Münster - Seit einiger Zeit schon sind Flüchtlinge in Münster untergebracht. Unscheinbar, mitten im Ort, in vier vom Sozialamt angemieteten Wohnungen. Nach einem langen Vorlauf sind nun die vier Systembauten an der Burgholzstraße bezugsfertig. Münster schließt damit als letzter Bezirk den Kreis solcher Gemeinschaftsunterkünfte, die den „Stuttgarter Weg“ der über die ganze Stadt verteilten, dezentralen Unterbringung charakterisieren. Ab dem 13. Juni werden hier die ersten Flüchtlinge einziehen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von 47 Personen, die bisher in Wohnungen in Wangen untergebracht waren, erläuterte Marco-Oliver Luz. „Bis zu den Sommerferien werden wir die Vollbelegung haben“, sagte der Leiter der Abteilung Flüchtlinge beim Sozialamt. Geplant sei eine „90-prozentige Belegung mit etwa 290 Personen“. Ein Raumpuffer von rund 30 Plätzen, den Luz so begründet: „Das ist nötig, damit wir Familien mit Kindern in zwei miteinander verbundenen Räumen unterbringen können.“ Angestrebt sei, dass sich die Belegschaft „zu zwei Dritteln aus Familien und einem Drittel aus Alleinstehenden“ zusammensetze: „Zum großen Teil kommen sie aus temporär belegten Unterkünften in Stuttgart, ergänzt durch einige Zuweisungen aus den Erstaufnahmestellen des Landes“. Die überwiegende Zahl der Flüchtlinge komme aus Syrien, dem Irak sowie aus Afghanistan. Die Hälfte habe bereits einen positiv beschiedenen Asylantrag.

65 Menschen engagieren sich im Freundeskreis

Rund 200 Besucher haben am Mittwochabend die Gelegenheit zur Besichtigung genutzt. Entsprechend eng ging es bei den Führungen zu. Enge nannten denn auch fast alle Befragten als ihren ersten Eindruck: „Es erinnert mich an eine Jugendherberge“, meinte etwa Martin Mäule, „ich hoffe, dass die Leute nicht zu lange hier sein müssen“. Wichtig sei, dass man sich selbst ein Bild machen könne: „Es wird so viel geredet, aber selten weiß jemand aus eigener Anschauung Bescheid.“ Drei Betten, drei Spinde, ein Tisch, drei Stühle plus ein Kühlschrank: „Auf 14 Quadratmetern“, bemerkt eine ältere Dame und sagt: „Ich bin froh, dass ich kein Flüchtling bin.“ Worauf Monika Hablizel ergänzt: „Ich beneide die Leute nicht! Sie kommen mit Null und gar nichts.“ Rita Knapp meint: „Wenn man die Gesamtsituation sieht, ist das fürs Erste okay.“ Draußen sei viel Platz, der Supermarkt nahe gelegen: „Das müsste funktionieren.“ Einer Frau, die den Liebherr-Kühlschrank Luxus nennt, sagt Bezirksvorsteherin Renate Polinski: „Das waren die billigsten, sie wurden von der Stadt aufgrund einer europaweiten Ausschreibung angeschafft.“ Sie findet es gut, dass auch „kritisch Eingestellte“ gekommen sind: „So kann man offen miteinander reden“. Das Interesse habe ihre Erwartungen übertroffen – und Münster sei „gut vorbereitet“. Nicht zuletzt auch dank des Freundeskreises, der 65 Personen umfasst. „Wir haben Arbeitskreise gebildet und können viele Angebote machen, in Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen hier“, betont Christa Ebertshäuser und fügt hinzu: „Zunächst wollen wir einfach zu einem guten Empfang beitragen. Alles andere wird sich entwickeln.“

„Ein gutes Gefühl“ gibt diese Bereitschaft auch Hausleiter Hatami Jahangir, Sozialarbeiter bei den Maltesern, selbst einst Flüchtling aus dem Iran. Als Journalist hatte sich der studierte Jurist „kritisch mit den Religiösen der Regierung befasst“, wie er erzählt. 2011 musste er mit seiner Familie fliehen. „Ich bin jetzt hier zuhause. Ich arbeite, meine Frau arbeitet, wir haben die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Ganz leise fügt er hinzu: „Und unser Sohn geht aufs Gymnasium.“ Ein Satz, der für sich spricht. Und leuchtet wie ein Hoffnungszeichen.

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