Dem Stuttgarter Ausländeramt fehlen die Mitarbeiter. Vor allem Flüchtlinge müssen daher oft stundenlang warten. Wiederholt kam es zu Rangeleien vor dem Nummernautomaten.

Stuttgart - Bereits zwei Stunden vor Öffnung der Schalter steht Omar Al-Kaassaab vor der Asylstelle im Ausländeramt. „Als ich gekommen bin, waren schon elf vor mir da“, sagt der junge Iraker, der eine Stelle als Spüler in einer Gaststätte in Stuttgart antreten möchte, dafür aber einen Stempel und eine Unterschrift der Ausländerbehörde braucht. Nach 10 Uhr sind immer noch fünf Flüchtlinge vor ihm an der Reihe. 25 Männer und Frauen warten in dem kleinen Bereich. Die meisten stehen, weil die Stühle bei Weitem nicht reichen. Für Gerda Kinateder, die Leiterin des Ausländeramts, ein vergleichsweise entspanntes Bild: „Heute sind noch wenige da. Wir haben viele Tage, an denen die Mitarbeiter gar nicht mehr zu den Büros durchkommen.“

 

Am Schneidemesser des Nummernautomaten verletzt

Vor allem an Montagvormittagen und Donnerstagnachmittagen drängen sich in Spitzenzeiten bis zu 150 Flüchtlinge in dem engen Wartebereich der Asylstelle und hoffen darauf, mit ihrem Anliegen zu einem Sachbearbeiter vorzudringen. Zweimal mussten die Mitarbeiter in den vergangenen Wochen die Polizei einschalten, weil es wegen der langen Wartezeiten zu Rangeleien zwischen den Migranten kam. Noch deutlich öfter riefen die Mitarbeiter den städtischen Vollzugsdienst der Stadt, um zu schlichten. Streitpunkt war immer die Frage, wer der Nächste ist. Der Nummernautomat ist zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit kaputt. „Bei zu großem Andrang müssen wir die Nummernausgabe sperren. Die Leute aber haben trotzdem reingefasst und versucht, sich eine Nummer zu angeln“, erklärt Dieter Biller, der Leiter der Abteilung Einwohnerangelegenheiten, zu der auch das Ausländeramt gehört. Zweimal schon mussten die Mitarbeiter mit Pflaster aushelfen, weil sich Flüchtlinge an dem Schneidemesser in den Automaten verletzt haben.

Jetzt zeigt wieder die Ampel vor der Tür an, wann der nächste an der Reihe ist. „Glücklich sind wir mit dieser Lösung nicht, weil wir sehen, dass sich in dem Gedränge die Stärkeren durchsetzen und Frauen zum Beispiel das Nachsehen haben“, sagt Biller. Was die Sache noch schwieriger mache: viele Flüchtlinge haben Schlimmes erlebt. „Deshalb würden wir ihnen als Ausländeramt gerne anders entgegentreten“, so der Abteilungsleiter. Auch die Mitarbeiter litten psychisch, aber auch ganz alltäglich unter der Situation. „Sie kommen gar nicht mehr durch das Gedränge zu den Toiletten. Wir mussten eine Tür einbauen lassen, damit sie durch die Büros gehen können.“

Hoher Krankenstand und wenig Bewerber

Das Grundproblem ist ein großer Personalmangel. Von den 93 Stellen des Ausländeramtes sind im Moment elf nicht besetzt. Die Fluktuation unter den Mitarbeitern ist seit Jahren hoch. Seit 2011 haben 63 Mitarbeiter das Ausländeramt wieder verlassen, davon 23 allein im vergangenen Jahr. Das entspricht einer Fluktuation von 22 Prozent. Der städtische Durchschnitt liegt bei acht Prozent. Hinzu kommt mit durchschnittlich 26 Tagen im Jahr ein extrem hoher Krankenstand. Im städtischen Durchschnitt sind es elf Tage.

Weitere Krux: neue Mitarbeiter brauchen gut ein Jahr, bis sie sich in die komplizierten Rechtsgebiete eingearbeitet haben. „Wir tun uns schwer, überhaupt Bewerber zu finden“, sagt Biller. Die Ausländeramtschefin Gerda Kinateder hat deshalb bereits vor zwei Jahren eine Überlastungsanzeige für das gesamte Amt beim Personalrat eingereicht, passiert aber sei nichts.