Flüchtlinge in Stuttgart Wirtschaft kritisiert Abschiebungen in der Ausbildung

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Die Integration von Flüchtlingen in Arbeit kommt nur langsam voran. Nach wie vor hat ein großer Teil der Menschen weder Integrations- noch Sprachkurse besucht. Die Wirtschaft in der Region Stuttgart klagt dagegen, dass noch immer Flüchtlinge abgeschoben werden, obwohl sie eine Ausbildung begonnen haben.

Bilderbuchintegration: Muhammad Bayo bei der Firma Schnaithmann in Remshalden (Rems-Murr-Kreis). Foto: Gottfried Stoppel
Bilderbuchintegration: Muhammad Bayo bei der Firma Schnaithmann in Remshalden (Rems-Murr-Kreis). Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Drei Jahre ist es her, da kam Muhammad Bayo in die Region Stuttgart. Der engagierte Gambier hat gut Deutsch gelernt, seinen Hauptschulabschluss mit der Note 2,6 nachgeholt, und das alles ganz ohne Vorbildung, wie er sagt. Seit Oktober 2016 macht er eine betriebliche Einstiegsqualifizierung (EQ) bei Schnaithmann Maschinenbau in Remshalden. Im September beginnt der 23-Jährige eine Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik. Muhammad Bayo ist überglücklich. „Es ist hier wie früher bei Mama, so gut werde ich betreut.“ Sein Ausbildungsleiter Horst Klenk ist voll des Lobes. „Ein toller Mensch“, sagt er über Bayo, „freundlich, fröhlich und motiviert“. Einen klaren Aufenthaltsstatus hat der 23-Jährige nicht, sein Asylverfahren läuft, die Zulassung zur Ausbildung schon. Muhammad Bayo ist ein Beispiel für eine Art Schulbuchintegration, kein Einzelfall, doch nicht einfach verallgemeinerbar.

Jobcenter betreut zurzeit rund 5600 Geflüchtete

Einen Blick in die aktuelle Lage bei der Integration von Flüchtlingen in Arbeit bieten die Zahlen des Stuttgarter Jobcenters. Dort sind 2778 Flüchtlingsfamilien registriert, in ihnen leben „rund 5600 Geflüchtete“, sagt Jochen Wacker, der Leiter der Abteilung Migration und Teilhabe. Und die Zahl der Anerkennungen wächst. Bis Jahresende rechne man mit 7000 Personen im Hartz-IV-Bezug. Derzeit leben rund 7800 Flüchtlinge in städtischen Unterkünften.

Der Leiter der neuen Abteilung ist zufrieden mit den bisherigen Integrationen. Seit Jahresbeginn habe man rund 750 Menschen in Arbeit oder Ausbildung vermittelt. Dies entspreche einer Quote von 15,7 Prozent. „Richtig gut“ findet Wacker das. Der Bundesschnitt liege bei 13 Prozent. Wobei die Statistik nichts darüber sagt, wie viele der Menschen eine Lehre begonnen haben, wie viele etwa in die Zeitarbeit gingen. Dieser Wert sei auch dem guten Netzwerk von Betrieben, Kammern, Behörden und den vielen Ehrenamtlichen zu verdanken, so Wacker. Studien sagen, dass 40 Prozent der Integrationen über soziale Netzwerke zustande kommen. Auch deshalb verfolgt man im Jobcenter einen ganzheitlichen Ansatz, betreut nicht Einzelne, sondern ganze Familien, hilft etwa beim Eintritt in einen Sportverein. „Richtschnur“ für die Arbeit ist im Jobcenter eine Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, wonach in fünf Jahren die Hälfte der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert sein könnten. Das ist ambitioniert, auch wenn wie in Stuttgart 40 Prozent der Flüchtlinge jünger als 25 sind.

Die Erwartungen an die Vorbildung waren zu hoch

„Was die Vorqualifizierung der Menschen angeht, hat man sich zu viel versprochen“, sagt Martin Frädrich, der Geschäftsführer Beruf und Qualifikation der IHK Region Stuttgart. 628 Geflüchtete hat man dort seit Jahresbeginn beraten, 52 in Praktika vermittelt, 61 in Einstiegsqualifizierungen, 29 in eine duale Ausbildung, häufig in den gewerblich-technischen Bereich sowie in Gastronomie und Hotellerie. Für Martin Frädrich ist die Abfolge von Praktikum, EQ, Lehre der beste Weg zum Erfolg. „Die Menschen brauchen Jahre“, sagt er. Trotzdem ist Frädrich zuversichtlich. Auch die beruflichen Schulen in Stuttgart, wo derzeit 400 Schüler in 26 speziellen Klassen unterrichtet werden, leisteten viel.

Dass man vor keiner leichten Aufgabe steht, ist auch Wacker klar. Etwa ein Drittel der Flüchtlinge sind nur drei Jahre zur Schule gegangen, ein weitere Drittel sechs, der Rest neun Jahre, nur rund ein Drittel von allen hat einen Abschluss. „Die Bildungsstände sind häufig nicht besonders gut“, weiß Wacker, weshalb man von Anfang an und ohne Unterlass das Ziel der „Ausbildungsreife“ verfolgen müsse. Doch beim Schlüsselthema Sprache hapert es nach wie vor. So hätten bisher nur ein Drittel der Flüchtlinge die Sprach- und Integrationskurse des Bundes besucht, sagt der Abteilungsleiter beim Jobcenter. Ähnliche Erfahrungen hat Frädrich gemacht: „Wir erwarten, dass da noch mehr draufgelegt wird“, sagt er, auch für schon etwas ältere Flüchtlinge.

Firmen fühlen sich von der Politik „verschaukelt“

Noch etwas treibt die Betriebe um. Trotz Zusage der Berliner Regierung, dass es keine Abschiebung von Flüchtlingen in Ausbildung mehr geben soll, komme dies vor. „Es gibt keine Planungssicherheit“, sagt Frädrich. „Wir hatten etliche Fälle in letzter Zeit“, kritisiert Julia Behne von der Handwerkskammer der Region. Davon seien auch Menschen aus Gambia betroffen. Obwohl die Ausländerbehörde die Ausbildung erlaubt habe, versage das Regierungspräsidium Karlsruhe nicht selten die Ausbildungsduldung. Das sei für Betroffene und für Betriebe nicht nachvollziehbar und für kleinere Firmen hart. „Die fühlen sich von der Politik verschaukelt“, sagt Behne.

Muhammad Bayo und Horst Klenk vertrauen darauf, dass der Gambier die Ausbildung abschließen und danach noch ein paar Jahre in Deutschland bleiben kann. Was das Sprachvermögen des jungen Mannes angeht, sagt sein Ausbilder, das sei so gut, „dass wir bei ihm schon beim Schwäbischen angelangt sind“.

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