Flüchtlinge spielen Theater in S-Süd Ein Tag in einem fremden Land

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Das Dialog Theater im Stutgarter Süden bringt ein Stück zusammen mit Flüchtlingen auf die Bühne. Der Titel „Ankommen – und dann?“ soll auch Mut machen.

In dem theaterpädagogischen Projekt zeigen  Deutsche und Flüchtlinge  auf der Bühne ihre jeweiligen Schwierigkeiten im Alltag  mit der Integration. Foto: Camilo Amaya
In dem theaterpädagogischen Projekt zeigen Deutsche und Flüchtlinge auf der Bühne ihre jeweiligen Schwierigkeiten im Alltag mit der Integration. Foto: Camilo Amaya

S-Süd - Am Schluss wird Nadem Naasan Agha vor die Zuschauer treten und sagen: „Ich will mir einen Freundeskreis aufbauen. Wer Interesse hat, soll nachher bitte zu mir herkommen.“ Genauso ist dieser Satz gemeint, denn hier fällt der Darsteller aus der Rolle und spielt sich selbst. Das ist eine Schlüsselszene für die Arbeit des Dialog Theaters. Die Schauspieler sind immer beides: Mimen und dann wieder authentisch. Das Ensemble will mit dem Publikum in Kontakt treten. „Nach der Vorstellung laden wir zum Dialog ein“, kündigt Karlo Müller an. Er hat vor rund fünf Jahren das Dialog Theater gegründet. Am 3. Oktober hat es Premiere mit seinem Stück „Ankommen und dann?“ Der Titel ist zwar programmatisch für die Ratlosigkeit, soll aber auch Mut zum Durchhalten machen.

Betriebswirt als Tellerwäscher

Sechs der neun Akteure sind Flüchtlinge, drei sind Deutsche. Die Szenen über Begebenheiten während eines Tages mit fremden Migranten einerseits und mit fremden Einheimischen andererseits haben sie gemeinsam erarbeitet. „Wie gelingt Integration von beiden Seiten?“ – so stellt sich die Kernfrage. Dass dies nicht so einfach ist, schildern die Schauspieler in ihrem Stück. Zeigen wollen sie dies anhand verschiedener Alltagssituationen: In der Straßenbahn, bei der Wohnungssuche oder im Jobcenter. Dort haben die beiden syrischen Darsteller, Rafaat Ismaael Hakki und Nadem Naasan Agha ihre eigenen, wenig ermutigenden, Erfahrungen gemacht: Der eine ist studierter Betriebswirt und jobbt als Tellerwäscher, der andere ist Apotheker und findet überhaupt keine Arbeit.

Theaterspielen als Hobby

Das Theaterspielen macht beiden Freude – und Ismaael Hakki ist bereits zum zweiten Mal bei einem theaterpädagogischen Projekt von Karlo Müller und Barbara Rochlitzer, die ebenfall ein führender Kopf im Dialog Theater ist, dabei. „Das ist mein Hobby. Ich habe in Syrien auch Theater gespielt“, erzählt er. „So kann ich der sein, der ich sein möchte und dem Publikum meine Meinung mitteilen.“ Und Nassan Agha findet die Funktion von Theater wichtig sei, weil die Geschichten im Gedächtnis bleiben – den Akteuren und dem Publikum.

Häufiger Wechsel im Ensemble

Beide haben sich selbst bei den Theatermachern gemeldet. „Ich habe ein Plakat gesehen“, berichtet Rafaat Ismaael Hakki. „Dann habe ich gleich eine E-Mail geschickt.“ Anfang Mai ist die Theaterarbeit für das aktuelle Stück gestartet. „Wir sprechen die Leute im Integrationskurs auch persönlich an“, berichtet Müller. Das aktuelle Stück wird finanziell von der Stadt mit Mitteln aus dem Pakt für Integration der Landesregierung gefördert. Beim ihrem ersten theaterpädagischen Projekt des Dialog Theaters gab es keine öffentliche Förderung. „Das steckte noch ziemlich in den Kinderschuhen“, sagt Müller rückblickend.

Dennoch haben er und Barbara Rochlitzer bei diesem ersten Durchlauf gelernt, dass auch sie bei ihrer Arbeit mit den kulturellen Unterschieden konfrontiert sind und damit zurecht kommen müssen: Dass deutsche Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit nicht selbstverständlich sind. „Beim ersten Stück hat der Hauptdarsteller direkt vor der Premiere wegen eines Familienfestes abgesagt. Er ist dann aber doch noch gekommen“ – heute kann Müller darüber schmunzeln. Damals war es aufregend. „Ich fühle mich ja auch dem Publikum gegenüber verantwortlich“, sagt er.

Keine große Hauptrolle

Jetzt wissen er und Barbara Rochlitzer, mit solchen Eigenheiten umzugehen. Sie stellen sich auf die Fluktuation in der Gruppe ein. Dieses Mal allerdings kamen immer weitere Darsteller hinzu. Dem allen trägt die Dramaturgie des Stückes Rechnung: „Wir haben keine durchgängigen Hauptrollen mehr“, erklärt Müller seine Strategie. Schließlich soll es ja allen Beteiligten Freude machen. Und das haben sie auf alle Fälle erreicht.

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