Flüchtlinge suchen den Weg in die EU Hart an der Grenze

Die Situation an der grünen Grenze zwischen Belarus und Polen ist angespannt. Foto: dpa/Czarek Sokolowski

Polen hindert Migranten daran, von Belarus aus in die EU zu gelangen. Es gibt aber auch Menschen, die den Flüchtenden vor Ort helfen.

Warschau - Auch wenn die Gegend rund um den polnischen Ort Bialowieza überaus idyllisch wirkt, so trügt die dort zumeist vorherrschende Ruhe. Polnische Helikopter dröhnen öfter im Tiefflug über den Ort, der Grenzschutz rauscht mit Mannschaftswagen über die Dorfstraßen, Uniformierte mit Sturmgewehren sind zu sehen, sie fahren in den Bialowieza-Urwald, wo die „unwillkommenen Menschen“, wie es heißt, nach Westen wollen

 

Zu Gesicht bekommt man die Migranten an diesem sonnigen Herbsttag nicht. Gesicht zeigen, dass wollen auch die Bewohner nicht. „Wir müssen die Grenzen schützen, wir müssen sie zurück schicken“, sagt ein Mann, Mitte 50, mit Steppweste vor einem Lebensmittelladen. „Sie gehen durch den Stacheldraht, das ist unmenschlich“, meint ein anderer.

Da Polen, Litauen und Lettland die belarussische Opposition unterstützen und beherbergen und zudem für Sanktionen gegen den seit 1994 regierenden Aleksander Lukaschenko werben, lockt dieser Menschen aus Nahost, Afghanistan und Afrika nach Minsk und lässt sie dann über die grüne Grenze der westlichen Nachbarn bringen.

Polen hält hart dagegen

Polen hält hart dagegen. Seit September herrscht der Ausnahmezustand in unmittelbarer Grenznähe, Stacheldraht und Soldaten werden aufgeboten, Journalisten haben dort keinen Zugang mehr.

Zuletzt stiegen die Spannungen. Schüsse fielen, angeblich von Seiten belarussischer Grenzer. Doch vor allem die Kälte kann den Tod bringen. In den Nächten herrscht bereits Frost. Sechs Leichen wurden bereits aufgefunden, in den Krankenhäusern liegen mehrere Menschen mit Unterkühlung. Die menschliche Not ruft neben Medienvertretern viele Unterstützer auf den Plan. So auch „Mediziner an der Grenze“, die neben ihrem offiziellen Dienst Bedürftige versorgen, sowie „Die Grenzgruppe“, wie sich eine Sammelbewegung von Organisationen und Einzelpersonen nennt.

„Wir können nicht nichts tun. Helfen ist legal“, meint Katarzyna Czarnota, eine der Koordinatorinnen der Gruppe, die von einer bewirteten Waldhütte aus versucht, die Übersicht zu behalten – das Smartphone berichtet neben dem Teller mit gefüllten Piroggen im ständigen Piepston von eingehenden Textnachrichten.

Keine einfache Kommunikation

Der Zugang zu der Soziologin mit Rastahaaren war nicht ganz einfach. Über mehrere Mittelspersonen wurde der Kontakt zu ihr hergestellt, die Kommunikation lief nur über den abhörsicheren Messengerdienst Signal. Katarzyna Czarnota ließ lange im Ungewissen, wo und wann das Treffen steigen darf. Aber auch die Fahrt verläuft nicht reibungslos. Die Straße durch den Bialowieska-Urwald wird von einer Polizeisperre blockiert. Die Beamten behaupten, dass diese Route und die anvisierte Adresse unter dem Ausnahmerecht stehe, was sich im Nachhinein als falsch herausstellt. Schließlich findet sich ein Weg ohne Kontrollen.

Vor allem der Grenzschutz verstoße regelmäßig gegen die eigenen Prozeduren, heißt es in Medienberichten sowie in Schilderungen von Aktivisten – Asylsuchenden würden Handys abgenommen, der Zugang zu einem Anwalt verwehrt, es gebe Schläge. „Die Menschen werden mehrfach von der einen Seite zur anderen Seite abgeschoben; wir retten oft vollkommen Erschöpfte vor dem Tod“, sagt die junge Frau aus Posen.

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Neben dem direkten Helfen will die „Grenzgruppe“, an der auch Juristen mitwirken, die Rechtsverletzungen dokumentieren. Medien werden bei manchen Einsätzen hinzugerufen, und Journalisten aus aller Welt gibt es derzeit viele nahe der grünen Grenze – zu viele, die hungrig auf eine Story lauern. Engagement gibt es auch in der Kleinstadt Michalowo, etwas weiter nördlich. Dass eine Familie mit Kindern vom dortigen Grenzschutz wieder zurück nach Weißrussland geschickt wurde, sorgte für Aufsehen – vor Ort wie in ganz Polen.

Ein Frau bricht in Tränen aus

„Wissen sie, wo die Kinder sind?“, fragt daher den Reporter eine Frau, die mit ihrem Sohn zwei Plastiksäcke mit Kleidung hält und plötzlich in Tränen ausbricht. Die Textilien will sie in der Feuerwehrwache abgeben, diese hat in Zusammenarbeit mit dem Rathaus eine „Wärmestube“ eingerichtet – für Flüchtlinge und andere Bedürftige.

Agnieszka Rownika, eine Unternehmerin aus Warschau, ist extra in die Grenzstadt gekommen, um Kleider zu bringen, und erinnert an die Zeit der Freiheitsbewegung Solidarnosc. Eine Frage, die die Kleinstadt aber auch Polen zu spalten scheint, ist: Was wiegt mehr, die Verteidigung der Grenzen oder die Wahrung der menschlichen Solidarität?

Die örtlichen Feuerwehrleute üben sich in Solidarität

Die örtlichen Feuerwehrleute glauben an letzteres. „Wir geben ihnen Decken und etwas Warmes zu trinken, wir finden sie überall, aber sie wollen nicht mitfahren, da sie schon jemanden organisiert haben, der sie weiter transportiert“, sagt Krzysztof Oczko, Kommandant der hiesigen Feuerwehr. Die Männer wollen gerne helfen – die Bemerkung, dass die Smartphones der Migranten oft weit teurer als ihre seien, wollen sie jedoch nicht unterschlagen.

Seitdem die Wärmestube und die Hilfsaktionen am 6. Oktober initiiert wurden, gibt es auch hier viele Medienvertreter, die über die hilfsbereiten Kleinstädter berichten wollen – doch bis Samstag kam kein Flüchtender vorbei. Dann fährt ein kleiner Lieferwagen vor, und ein südländisch aussehender junger Mann wird von dem Fahrer in das Feuerwehrhaus geleitet.

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Da dieser neben Arabisch und Kurdisch nur noch Deutsch spricht, wird der Reporter zum Übersetzer. Der Iraker Barakat Merza Amir berichtet unter Tränen, von den Grenzbeamten geschlagen worden zu sein. Man habe ihm auch sein Telefon weggenommen, ihn ausgeraubt. Er würde seit einigen Jahren in Gießen wohnen und sei allein zum Urlaub hier gewesen. Dies wird später von Oczko revidiert. Der junge Kurde habe Mitglieder seiner Familie im Grenzbereich abholen wollen.

Widersprüchliche Angaben

In Deutschland ist seine Aufenthaltserlaubnis seit 2018 abgelaufen, die Angaben von Amir sind teils widersprüchlich, zwei oder drei Tage habe ihn der Grenzschutz festgehalten, die Polizei habe ihn auch befragt, doch die Angst erscheint nicht gespielt. Ein Beamter des Grenzschutzes kommt schließlich kurz bei der Feuerwehr vorbei, ein Mann mit schutzsicherer Weste und tiefer Stirnfalte. Er würdigt den jungen Iraker keines Blickes. „Der durfte raus, wir haben das überprüft“, meint der Uniformierte und geht wieder.

Warschau -

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