Ärzte und Sanitäter des Malteser-Hilfsdienstes kümmern sich in der Notunterkunft auf der Messe um die medizinische Versorgung der 1000 Flüchtlinge.

Filder-Zeitung: Norbert J. Leven (njl)

Leinfelden-Echterdingen - Um 22 Uhr geht das große Licht aus. Dann beginnt für aktuell circa 1000 Flüchtlinge in der zur Notunterkunft umfunktionierten Messehalle 9 die Nachtruhe. Ruhe? Davon spüren die Besucher im Sanitätszelt in der Halle nichts. Führende Vertreter des Malteser Hilfsdiensts und ihre Gäste reden am Montagabend gegen den aus der Unterkunft her-einschwappenden Geräuschpegel an.

In der Messehalle informieren sich der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Guido Wolf, und sein Tross zu später Stunde über die medizinische Versorgung der Menschen, die seit Kurzem dort ein Dach über dem Kopf gefunden haben. Der CDU-Landtagsabgeordnete im Filder-Wahlkreis und Malteser-Vorsitzende in Nürtingen, Thaddäus Kunzmann, hat das Treffen eingefädelt und zum Termin den Esslinger Landrat Heinz Eininger mitgebracht.

Kein Wahlkampftermin

Wolf, der Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl im März 2016 ist, ordnet seinen Besuch nicht als Wahlkampftermin ein. Er will die Arbeit der ehrenamtlichen Kräfte anerkennen. Gleichwohl sei die Politik „gut beraten, mit denen zu reden, die vor Ort Hilfe leisten“, sagt er. Der Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, Roland Klenk, und der Filder-städter Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) waren aus gleichen Motiven schon einige Tage früher vor Ort.

Der Besuch am späten Abend verhindert einerseits direkte Begegnungen mit Flüchtlingen. Andererseits wird so die medizinische Arbeit in der spartanisch ausgestatteten Sanitätsstation nicht gestört. Dort versorgen die Malteser Patienten von 12 bis 20 Uhr. „60 bis 80 Menschen kommen pro Tag zu uns“, sagt der Einsatzleiter Marc Lippe. Acht Prozent Krankheitsquote entspreche den Erfahrungswerten seiner Organisation. „Wir behandeln Krankheiten, wie sie in normalen Hausarztpraxen vorkommen, nichts Schlimmes“, sagt der Arzt Dr. Jochen Herkommer. „Großzügig“ verfahre man mit der Einweisung in Kliniken, weil in der Halle praktisch keine diagnostische Ausstattung vorhanden ist.

„Eine harte Nuss“

Vor zwei Wochen hatten Hilfskräfte – auch mit Unterstützung von Feuerwehr und DRK aus Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt – die Notunterkunft in der Messehalle 1 praktisch über Nacht für den Betrieb vorbereitet. Nach dem inzwischen erfolgten Umzug in die Halle 9 ist die Zahl der zu betreuenden Menschen von 2500 auf etwa 1000 reduziert worden. Kräfte der Malteser sind seit Beginn rund um die Uhr vor Ort. „Das ist eine harte Nuss, die wir knacken müssen“, sagt Lippe. Und eine große Belastung für die Freiwilligen. Sie werden bis Mitte November durchhalten müssen. Dann wird die Halle wieder für den Messebetrieb benötigt.

Landrat Eininger zollt den Hilfsorganisationen großen Respekt. „Ohne sie wären die letzten zwei Monate nicht zu stemmen gewesen“, sagt er angesichts einer täglich steigenden Zahl von Flüchtlingen, die er unterbringen muss. Wolf spricht von einem „Riesenkraftakt“ und weiß um die „Grenzen der Belastbarkeit“. Die Inanspruchnahme Ehrenamtlicher dürfe „kein Dauerzustand“ werden, sagt der Parlamentarier.

„Wir müssen sauber arbeiten“

Angesichts des Tempos, mit dem der Strom Schutz suchender Menschen zunehme, „darf die Unterbringung nicht an überzogener Bürokratie scheitern“, fordert Wolf. Landrat Eininger warnt aber vor großzügiger Auslegung von Vorschriften: „Wir werden auch beklagt. Deshalb müssen wir sauber arbeiten.“

Nach etwas mehr als einer Stunde gibt der CDU-Fraktionschef einem TV-Team noch ein kurzes Interview. Dann ist die Malteser-Nachtschicht wieder allein. Weil viele der 1000 Flüchtlinge keinen Schlaf finden, wird der Geräuschpegel auch in dieser Nacht kaum nachlassen.