Flüchtlingspolitik in Italien Neue Pläne für legales Einreisen

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Nach der Kollision mit einem Rettungsschiff will die italienische Regierung ein Flüchtlingsschiff mit mehreren hundert Toten bergen. Gleichzeitig sucht der Ministerpräsident nach mehr legalen Einwanderungsmöglichkeiten.

Flüchtlinge in einem sinkenden Schiff kurz vor ihrer Rettung. Foto: ONG SOS MEDITERRANEE
Flüchtlinge in einem sinkenden Schiff kurz vor ihrer Rettung. Foto: ONG SOS MEDITERRANEE

Rom - Während am Montag in ägyptischen Gewässern offenbar schon wieder 400 Flüchtlinge aus vier seeuntauglichen Booten ertrunken sind, hat Italien „aus humanitären Gründen“ mit einem grausigen Bergungsunternehmen begonnen: 200 Kilometer südlich der Insel Lampedusa soll jenes Fischerboot gehoben werden, das vor exakt einem Jahr bei der Kollision mit einem Rettungsschiff versunken ist. Im Inneren des Wracks, das in 370 Metern Tiefe liegt, befinden sich immer noch mehrere hundert Leichen.

Eine Frage der Menschlichkeit

Deren Bergung und respektvolle Bestattung auf dem Festland hatte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi bereits im Sommer vergangenen Jahres angekündigt – nicht nur, weil er darin „eine Frage der Menschlichkeit“ sieht: «Wir ziehen dieses Schiff hoch, und wenn‘s 15 oder 20 Millionen Euro kostet. Womöglich zahlt das die EU, wenn nicht, dann wir. Ich will, dass die Welt sieht, was passiert ist. Es ist unakzeptabel zu sagen: Was das Auge nicht sieht, das tut dem Herzen nicht weh.“

169 Tote – Somalier und Eritreer zumeist – sind gleich nach dem wohl größte Flüchtlingsunglück im Mittelmeer teils mit Tauchrobotern geborgen worden; nur 28 Menschen haben die Katastrophe überlebt. Aus ihren Aussagen schließt die Polizei, dass auf dem gut 20 Meter langen Boot mehr als 800 Personen zusammengepfercht gewesen sein könnten. In den kommenden zehn Tagen soll der versunkene Kutter mit Luftsäcken gehoben und in den sizilianischen Hafen Augusta geschleppt werden. Dort hoffen Gerichtsmediziner, die Leichen “als einen Dienst an den Angehörigen” identifizieren zu können. Gesucht wird derzeit noch nach einem Ort, der einen Friedhof bereitstellt; gemeldet hat sich ein Dorf aus Kalabrien, das ein Internierungslager aus dem Zweiten Weltkrieg umwidmen will.

Das Rettungsschiff „Aquarius“

Währenddessen werden die Toten dieser Tage geborgen: Sechs Leichen fanden Rettungsmannschaften an diesem Montag auf einem Schlauchboot, das mit Schwarzafrikanern in Richtung Italien unterwegs war; 30 Personen gelten als vermisst, 108 wurden vom privaten Rettungsschiff „Aquarius“ in Sicherheit gebracht, das der deutsche Kapitän Klaus Vogel in Eigenregie betreibt. Zum möglichen Unglück von 400 weiteren Flüchtlingen vor Ägypten, wie es der arabischsprachige Dienst der BBC gemeldet hatte, gab es bis zum Montag Nachmittag keine näheren Angaben. Im vergangenen Jahr sind nach halbwegs gesicherten Schätzungen von Hilfsorganisationen etwa 3800 Menschen im Mittelmeer ertrunken.

Neue Pläne aus Italien

Um künftige Tragödien in ähnlicher Weise zu vermeiden, wie dies auf dem Meer zwischen Kleinasien und den griechischen Inseln durch den EU-Vertrag mit der Türkei gelungen sei, hat Italien einen langfristig angelegten Plan nach Brüssel geschickt. Er geht davon aus, dass die Schengen-Freiheit im Inneren Europas und der Zusammenhalt der EU nur durch Beruhigung nach außen zu erhalten ist. Vorgeschlagen wird – soweit ist die Idee noch nicht neu – eine stärkere Zusammenarbeit in Sicherheits- und Rücknahmefragen mit den afrikanischen Herkunfts- und Durchzugsländern der Migranten vor. Neu ist, dass Italien stärkere wirtschaftliche Investitionen durch Europa-Afrika-Bonds finanziert wissen will. Ferner will Italien mehr legale Einwanderungsmöglichkeiten nach Europa schaffen, um die illegalen und lebensgefährlichen zu verringern.

Auf „humanitären Korridoren” eingereist sind in Italien bereits an die 100 Syrer. Sie, die zu „besonders verwundbaren Personengruppen” zählen, waren im Rahmen eines Projekts der christlichen Basisgemeinschaft Sant’Egidio, der evangelischen Kirchen und dem Innenministerium aus Flüchtlingslagern im Libanon geholt worden. Außenminister Paolo Gentiloni kündigte an, Italien werde für solche Personengruppen weitere 1500 Plätze bereitstellen. Auch Papst Franziskus hat von seinem Besuch auf der griechischen Insel Lesbos am vergangenen Samstag drei syrische Familien mitgebracht. Sie werden ebenfalls von Sant’Egidio betreut.