Flüchtlingsprojekt in Korntal-Münchingen Das Vorzeigeprojekt ist in der Erfolgsspur

Yusuf Salih ist der erste Lehrling im Kornhaus. Foto: factum/Andreas Weise

Stillstand ist ein Fremdwort im Kornhaus in Korntal-Münchingen: Die Macher hinter dem Saatkorn-Projekt zur Integration von Flüchtlingen haben jetzt einen Lehrling und mehr Deutschunterricht. Nachahmer hat das Projekt indes noch immer nicht gefunden.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Korntal-Münchingen - Welche Aufgaben ihm am meisten Spaß machen? Fast alle, sagt Yusuf Salih und lacht. Die Arbeit im Kornhaus gefalle ihm sehr gut. Er kenne das Team und bediene wirklich nette Kunden – die ihm im Gespräch obendrein gern etwa bei der Grammatik hülfen. „Mir ist es wichtig, einen Beruf zu haben“, sagt die 20 Jahre alte angehende Fachkraft im Gastgewerbe.

 

Yusuf Salih ist Flüchtling – und der erste Lehrling im Kornhaus im Ortsteil Korntal von Korntal-Münchingen. Das Kornhaus ist Café und Nudelmanufaktur zugleich. Wie es Yusuf Salih hierher verschlug? 2016 kam er aus Eritrea nach Deutschland. „Am 28. August“, sagt er. Dieses Datum hat er sofort parat. Er lebte in Korntal in einer Pflegefamilie, ehe er mit 18 Jahren ein Teil des Vorzeigeprojekts Saatkorn wurde.

Dahinter steckt der gleichnamige Verein – entstanden im August 2016 aus dem Zusammenschluss einer Privatinitiative – der sich, unterstützt von vielen Bürgern, der Integration verschrieben hat: Er bietet Geflüchteten zwischen 18 und 24 Jahren Wohnraum an und will sie gleichzeitig über die Arbeit in die Gesellschaft integrieren. Dazu mietete der Verein Wohnungen für maximal 14 Personen an und öffnete wenig später das Kornhaus. Dort arbeiten die Flüchtlinge ehrenamtlich, um die Abläufe und Gepflogenheiten in einem deutschen Betrieb kennenzulernen. Sie lernen zudem Deutsch und werden dabei unterstützt, einen guten Job oder eine Lehrstelle zu finden. Das ist das Ziel nach zwei Jahren Teilnahme am Projekt.

Positiv überrascht von der finanziellen Hilfsbereitschaft

Dass sie seit September nun selbst einen Ausbildungsplatz haben, erfüllt die Macher mit Stolz. Eine Mitarbeiterin habe sich zur Ausbilderin ausbilden lassen, nachdem die Industrie- und Handelskammer (IHK) grünes Licht für die Schaffung der Lehrstelle gab, berichtet die stellvertretende Vereinsvorsitzende Monika Klotz. „Die Kunden lieben Yusuf. Er ist an der Theke unschlagbar.“ Jedoch müsse er ein Fünftel der Ausbildungsinhalte in einem anderen Betrieb lernen. Was aber kein Problem sei – der Verein hat ein großes Netzwerk. „Eine Lehrstelle ist die Sicherheit dafür, dass die Flüchtlinge erst einmal hierbleiben können“, sagt der Sozialpädagoge Stefan Zimmermann. Auch ermögliche sie eine ganz andere Verantwortung als die ehrenamtliche Arbeit und zudem, den Lebensunterhalt unabhängig von staatlicher Unterstützung zu bestreiten – „die Grundlage für ein selbstständiges Leben“, sagt Zimmermann.

Nächstes Jahr dürfte der Verein einen zweiten Azubi beschäftigen. Zunächst will das Team aber abwarten, wie gut die neue Unternehmung klappt. „Es ist auch eine finanzielle Frage“, sagt Monika Klotz – der Verein lebt von den Einnahmen aus dem Kornhaus sowie von Spenden. „Ich bin positiv überrascht, wie viel Unterstützung wir erhalten“, so Klotz – vor allem von lokalen und Firmenstiftungen. Nach wie vor suche der Verein aber weitere Wege für die Finanzierung wie etwa Landesmittel.

Vorige Woche fand der erste Deutschkurs in Kooperation mit der Volkshochschule in den vereinseigenen Räumen statt. „Nach zwei Jahren können die Flüchtlinge ein gutes Alltagsdeutsch. Das große Manko bleibt, die deutsche Sprache zu lesen und zu verstehen, wenn es um komplexe Sachverhalte geht“, stellt Stefan Zimmermann fest. Daher sei es wichtig, den Deutschunterricht in größerem Umfang zu etablieren. Das ist jetzt gelungen.

„Unsere Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent“

Noch hat das Saatkorn-Projekt offenbar keine Nachahmer gefunden. Interessierte Kommunen haben laut Klotz allenfalls Teile übernommen oder dies geplant. „Wir sind sehr komplex aufgestellt. Es ist eine große Aufgabe, das Projekt auf andere Städte zu übertragen“, sagt die Vize-Vereinschefin. Zudem sei dann auch eine Person nötig, die sich so sehr reinhänge, wie sie es tue. Genau damit erklärt Monika Klotz den Erfolg des Projekts. „Unsere Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent“, sagt sie. So schafften die ersten Flüchtlinge jetzt den Realschulabschluss, drei begannen dieses Jahr eine Ausbildung, ein junger Mann schloss seine Lehre ab.

Trotz der aktuellen Corona-Beschränkungen berichtet Monika Klotz von einer sehr guten Stimmung. „Wir kommen mit den Beschränkungen gut zurecht. Wir haben definitiv im Frühjahr geübt. Dazu kommt, dass wir ins Weihnachtsgeschäft gestartet sind und einige größere Nudelbestellungen abarbeiten“, sagt sie. Auch der wiederaufgenommene Mitnahme-Service sei stabil angelaufen. „Es sieht so aus, als ob wir den ganzen Umsatz des Restaurantbereichs in den To-Go-Bereich rüberretten können. Das ist sehr ermutigend.“

Am Anfang herrschte Skepsis

Der Verein fühlt sich angesichts dieser Resonanz angekommen. „Wir erleben viel Zuspruch und freundliches Feedback“, sagt Monika Klotz. Was nicht immer so war: „Dieses Projekt, zahlreiche junge, ausschließlich männliche Geflüchtete in Korntal zu beheimaten, wurde verständlicherweise anfangs skeptisch beäugt und auch teilweise sehr kritisch kommentiert“, erinnert sich Monika Klotz. Sie nennt das Kornhaus eine „wertvolle Begegnungsfläche“ – für die Geflüchteten wie die Bürger.

Auch der Rathauschef ist begeistert. „Junge Erwachsene aus unseren Unterkünften bewerben sich in der Wohngruppe oder arbeiten im Kornhaus mit“, berichtet Joachim Wolf (parteilos). Dies sei folgerichtig konzipiert und eröffnet worden, nachdem der Verein festgestellt habe, dass Praktikums- und Arbeitsmöglichkeiten für die Bewohner fehlten. Viele Mitarbeiter der Verwaltung und von den umliegenden Firmen gingen dort gern in der Mittagspause essen. „Die Akzeptanz von Geflüchteten in der Stadt wird dadurch stark gefördert“, sagt Wolf. Das Projekt sei für Korntal-Münchingen eine hervorragende Sache, die „unsere eigenen Initiativen in nahezu idealer Weise ergänzt und die wir selbst in dieser Form mangels der erforderlichen Ressourcen so nicht hätten etablieren können“.

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