Flüchtlingsunterkunft in Heslach Manchmal hilft in den Arm nehmen

Von Petra Mostbacher-Dix 

Marie Bauer und Jana Breh engagieren sich in der Flüchtlingsunterkunft Böblinger Straße.

Die Schülerinnen Marie Bauer und Jana Breh kümmern sich um Flüchtlingskinder aus dem Stadtbezirk Süd. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Die Schülerinnen Marie Bauer und Jana Breh kümmern sich um Flüchtlingskinder aus dem Stadtbezirk Süd. Foto: Petra Mostbacher-Dix

S-Süd - Neugierig deckt Ahmed zwei Kärtchen auf – und wieder zu. „Baum“ sagt er und schaut erwartungsvoll zu Marie. Die nickt: „Und was noch“, fragt sie. „Ein Hund“, antwortet der Grundschüler. Er ist einer von sechs geflüchteten Kindern, mit denen Marie Bauer und Jana Breh Memory üben. Das Erinnerungsspiel ist gut für das Gedächtnis und um Deutsch zu üben. Es bringt Ruhe in das kleine Zimmer, in dem allerlei Spielsachen aufgereiht sind. Noch kurz zuvor, als die beiden Mädchen ein Keyboard aufgebaut hatten, ging es wilder zu. Einige Jungs balgten sich darum, wer in die Tasten hauen darf. „Dann packen wir es wieder weg“, hatte Jana kurzerhand entschieden, während Marie das Memory ins Spiel brachte. „Man muss konsequent sein – manchmal hilft es , sie einfach in den Arm zu nehmen, aber anfangs habe ich mich das nicht getraut“, sagt sie. Nun, mit der Erfahrung, die sie in einem Jahr gesammelt hat, ist das anders. So lange helfen die Schülerinnen des Mörike-Gymnasiums bereits, die Kinder im Flüchtlingsheim Böblinger Straße zu betreuen. „Als wir das damals mit den Flüchtlingen gesehen hatten, wollten wir etwas tun“, schildert Jana. Und Marie ergänzt: „Wir haben den Freundeskreis kontaktiert, die sagten, wir sollen einfach mal im Heim vorbeikommen.“

Viele Kinder haben in dem einen Jahr schon Fortschritte gemacht

Seitdem sind die 16-Jährigen jeden Freitagnachmittag da und unterstützen die Mitarbeiter der Apis, Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg, bei ihrer Flüchtlingsheimarbeit mit Kindern ab vier Jahren. „Es kommen unterschiedlich viele Kinder, manchmal sind es bis zu zwölf“, so Jana. „Manchmal kommen neue, aber meist sind es dieselben. Das ist gut so, weil man Vertrauen aufbauen muss. Es ist schön, wenn ein Kind Fortschritte über die Zeit hinweg gemacht hat.“ Bei schwierigen Kandidaten hätte sich das Verhalten gebessert. So bei Jungs, die sich erst daran gewöhnen mussten, dass zwei jungen Frauen die Zügel in der Hand hatten. „Nun sind sie freundlich. Allgemein sind die Jungs wilder, aber jedes Kind ist anders.“

Auch spreche manches Kind mittlerweile besser Deutsch als seine Eltern – durch die Schule oder den Kindergarten. „Sie übersetzen für ihre Eltern. Die Mütter und Väter sehen wir selten, nur wenn wir die Kinder in ihren Zimmern abholen“, erklärt Marie. Einmal pro Woche bietet das Mörike-Gymnasium ein Sportprogramm für die geflüchteten Kindern. Auch ein Nachhilfeprojekt starteten die Schüler des Gymnasiums über die Sommerferien, in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe. So habe es eine 12-jährige Syrerin in eine Regelklasse des Mörikes geschafft. „Davor war sie in der ersten Klasse eingestuft und entsprechend unglücklich“, berichtet Marie. „Nun ist sie eine der ambitioniertesten, strengt sich mehr an wie manche Deutsche.“ Das zeige, was alles möglich sei, wenn man Menschen eine Chance gebe, ergänzt Jana. Nicht von allen Kindern wissen sie, woher sie kommen. „Einige aus Ländern des Balkans, Syrien und auch Afrika. Wir fragen nicht, das wollen wir nicht. Wer weiß, welche Traumata sie haben“, erklärt Marie. Jana betont, dass es bei der Betreuung darum geht, Kind sein zu dürfen, um Spaß. „Wenn sie über ihre Flucht erzählen wollen, hören wir zu.“

Am Ende gibt es eine Reflexionsrunde

Unterstützt werden sie dabei unter anderem von Laurie, die bei der Apis ein Praktikum als Erzieherin macht. Sie ist es, die am Schluss eine Reflexionsrunde einberuft, um abzuklären, wie es war. „Bei uns waren zu viele heute, das bringt Unruhe“, so Jana. Marie berichtet, dass ein aufbrausender Junge zum ersten Mal gelacht habe. „Der hat sich sehr verbessert, super mitgemacht.“ Beide betonen, wie viel sie durch dieses Engagement für sich mitnähmen, Geduld, kulturelle Kompetenz, Offenheit. „Manche Menschen haben Vorurteile, ohne sich persönlich ein Bild gemacht zu haben“, so Jana. „Sie sollten selbst mithelfen, dann sehen sie, dass es ganz anders ist.“

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