Flüchtlingskrise 2015 Warum viele Geflüchtete von 2015 keine Arbeit fanden

Geflüchtete kommen Anfang September 2015 auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof an. Foto: 7aktuell.de//Oskar Eyb

2015 erreichte eine große Zahl an Flüchtlingen Deutschland. Sieben Jahre danach hatten rund 40 Prozent aller Schutzsuchenden noch keinen Job gefunden, drei von vier Frauen arbeiten nicht. Was sind die Hintergründe? Und was müsste sich noch tun?

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Die Integration von Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt steht derzeit in der Diskussion, oft werden die Debatten zugespitzt oder Informationen verzerrt. Doch wie viele Geflüchtete haben tatsächlich Arbeit gefunden? Und wie unterscheidet sich ihre Situation von der anderer Arbeitssuchender? Die wichtigsten Fragen und Antworten – am Beispiel jener, die in der Flüchtlingskrise von 2015 nach Deutschland kamen.

 

Wie war die Situation der 2015 Geflüchteten?

Die meisten Schutzsuchenden kamen 2015 aus Syrien, den Balkanländern, Afghanistan und Irak, also aus Ländern, in denen sie oft (bürger-)kriegsähnliche Zustände oder die Verfolgung von Minderheiten erfahren hatten. Sie erreichten Deutschland nach Angaben der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex per Flug, über Land und über das Mittelmeer. Insbesondere die Mittelmeerroute war belastend. Laut einer Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatte hier jeder fünfte Geflüchtete Schiffbruch erlitten, zwei Drittel hatten Gewalt, Raub oder Gefängnis erlebt. Schutzsuchende sind Ausländerinnen und Ausländer, die sich nach Angaben des Ausländerzentralregisters (AZR) unter Berufung auf völkerrechtliche, humanitäre oder politische Gründe in Deutschland aufhalten.

Wer kam 2015?

Rund 70 Prozent der Geflüchteten waren Männer, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). 30 Prozent der Schutzsuchenden waren unter 18 Jahre, 40 Prozent zwischen 18 und 30 Jahre alt. Der physische Zustand ist mit dem der Bevölkerung in Deutschland zu vergleichen, allerdings litten etliche Geflüchtete unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder hatten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Depressionen.

Wie viele Geflüchtete von 2015 haben eine Arbeit?

54 Prozent der 2015 nach Deutschland Geflüchteten waren 2021 – also sechs Jahre später – erwerbstätig. Zwei Drittel davon sind vollzeitbeschäftigt.

Das zeigt eine in diesem Monat veröffentlichte repräsentative Studie, für die das IAB mehr als 2000 Geflüchtete ausführlich befragt hat. Die Forscher führen die Studie halbjährlich mit dem Bundesamt für Migration und dem Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) aus einem Pool von mehr als 10 000 Erwachsenen im erwerbstätigen Alter durch. Für das Jahr 2022 erwartet das IAB eine Erwerbstätigenquote von um die 60 Prozent.

Wie ist die Situation der Frauen?

Frauen sind weitaus seltener beschäftigt als Männer: Sechs Jahre nach dem Zuzug sind laut IAB unter den Geflüchteten 23 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer erwerbstätig, sieben Jahre und mehr nach dem Zuzug sind es 26 Prozent der Frauen und 76 Prozent der Männer.

Warum sind Frauen weitaus weniger beschäftigt?

In den Familien kümmern sich überwiegend Frauen um die Kinder, wie eine weitere IAB-Studie unter Leitung der Migrationsforscherin Yuliya Kosyakova zeigt. Rund 70 Prozent der Geflüchteten haben Kinder, oft unter drei Jahre alt. Der Schnitt von drei Kindern ist fast doppelt so hoch wie bei in Deutschland lebenden Frauen mit Kindern. Auch deshalb nehmen geflüchtete Frauen seltener an Sprach- und Ausbildungsprogrammen teil und sind weniger vernetzt. Zudem haben Frauen bei ihrer Ankunft weniger Berufserfahrungen als Männer. Kurz gesagt: Frauen kommen mit schlechteren Voraussetzungen an und lernen anfangs auch vor Ort weniger als Männer. „Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass traditionelle Rollenbilder kaum eine Rolle spielen“, betont IAB-Studienleiter und Migrationsforscher Herbert Brücker.

Wie viele Geflüchtete erhielten über die Jahre hinweg Arbeit?

Direkt nach der Flucht sind kaum Schutzsuchende erwerbstätig, oft unterliegen sie noch Beschäftigungsverboten oder befinden sich in Asylverfahren. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer kommen mehr in Arbeit. Sind laut der IAB-Studie nach einem Jahr im Schnitt lediglich sieben Prozent erwerbstätig, sind es nach zwei Jahren 20 Prozent, nach drei Jahren 33 Prozent, nach fünf Jahren 47 Prozent und nach sieben Jahren rund 60 Prozent. Migrationsforscher Brücker erhält eine Erwerbstätigenquoten bei Geflüchteten von 65 Prozent für realistisch. Im Vergleich dazu sind bei der einheimischen Bevölkerung rund 75 Prozent erwerbstätig. Das mittlere Bruttomonatsentgelt der vollzeiterwerbstätigen Geflüchteten steigt von 1660 Euro in den ersten beiden Jahren nach Ankunft auf 2037 Euro im sechsten Jahr.

Wie entwickelt sich das Ausbildungs- und Berufsniveau?

Direkt nach der Flucht sind kaum Schutzsuchende erwerbstätig, oft unterliegen sie noch Beschäftigungsverboten oder befinden sich in Asylverfahren. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer kommen mehr in Arbeit. Sind laut der IAB-Studie nach einem Jahr im Schnitt lediglich sieben Prozent erwerbstätig, sind es nach zwei Jahren 20 Prozent, nach drei Jahren 33 Prozent, nach fünf Jahren 47 Prozent und nach sieben Jahren rund 60 Prozent. Migrationsforscher Brücker erhält eine Erwerbstätigenquoten bei Geflüchteten von 65 Prozent für realistisch. Im Vergleich dazu sind bei der einheimischen Bevölkerung rund 75 Prozent erwerbstätig. Das mittlere Bruttomonatsentgelt der vollzeiterwerbstätigen Geflüchteten steigt von 1660 Euro in den ersten beiden Jahren nach Ankunft auf 2037 Euro im sechsten Jahr.

Warum ist es unrealistisch, dass Geflüchtete den Fachkräftemangel lindern können?

Hier lohnt sich ein Blick auf Migranten, die nicht als Schutzsuchende nach Deutschland kommen, zum Beispiel aus der EU. Sie reisen in der Regel ein, wenn sie bereits einen Arbeits- oder Studienplatz haben. Sie bereiten sich gezielt auf den Aufenthalt vor und haben oft auch schon Sprachkenntnisse. Geflüchtete hingegen müssen die Sprache oft erst lernen, wissen meist wenig über Deutschland und sind nicht vernetzt. Zudem entsprechen Bildung und Ausbildung viel weniger den Anforderungen in Deutschland: So sind in den meisten Herkunftsländern duale Berufsbildungswege weitgehend unbekannt, berufliche Qualifikationen werden oft „on the job“ erworben. Auch gibt es unter den Geflüchteten weniger Hochschulabsolventen im Vergleich zum Schnitt in Deutschland.

„Rechnet“ sich das Engagement für Schutzsuchende?

„Flucht und Migration kosten – das darf es auch, das ist eine humanitäre Aufgabe“, betont IAB-Forscher Brücker. „Am Anfang steht eine lange Phase, in der draufgezahlt wird. Aber je schneller und besser die Integration von Geflüchteten auch in den Arbeitsmarkt gelingt, desto geringer sind die Kosten.“

Was ließe sich tun, damit Geflüchtete schneller erwerbstätig werden?

Arbeitsmarktforscher sehen die Integration von geflüchteten Frauen in den Arbeitsmarkt als wichtigstes Ziel. Hierfür seien dieselben Mittel wichtig, mit denen sich generell die Erwerbstätigkeit von Frauen erhöhen lässt. Dazu zählen eine möglichst frühe und umfassende Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Integrations- und Qualifizierungsmaßnahmen und auch Jobberatungen sollten weiter ausgebaut und früher angeboten werden – was auch für geflüchtete Männer gelte. „Gerade beim schnellen Beginn der Integrationsmaßnahmen gibt es noch Defizite“, betont Brücker. Ideal wäre es, wenn die Dauer des Asylverfahrens entscheidend verringert würde, so Brücker. Zudem fordern die IAB-Forscher eine einfachere Anerkennung von bereits erworbenen Berufs- und Hochschulabschlüssen.

Wie viele Schutzsuchende gibt es derzeit?

Ende 2022 waren laut dem Statistischen Bundesamt 2,1 Millionen Schutzsuchende in Deutschland registriert – dazu kommen rund eine Millionen Menschen, die seit Kriegsausbruch aus der Ukraine geflohen sind. Von den Schutzsuchenden, jene aus der Ukraine herausgerechnet, hatten 69,5 Prozent einen anerkannten, 11,6 Prozent einen abgelehnten und 18,9 Prozent einen offenen Schutzstatus. Fast alle wollen lange oder dauerhaft in Deutschland bleiben.

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