Flüge über Kriegsgebiete Piloten fordern ein Umdenken

Von Klaus Dieter Oehler 

Das Überfliegen von Krisengebieten in 10 000 Metern Höhe galt bisher als ungefährlich. Doch nach dem mutmaßlichen Abschuss von MH 17 über der Ostukraine werden Rufe laut, das Verhalten zu ändern.

Ticketschalter von  Malaysia Airlines auf dem Flughafen Schiphol Foto: Getty Images 16 Bilder
Ticketschalter von Malaysia Airlines auf dem Flughafen Schiphol Foto: Getty Images

Frankfurt - Der mutmaßliche Abschuss des Passagierflugzeuges der Malaysia Airlines hat selbst erfahrene Luftfahrtexperten überrascht. Bisher sei man immer davon ausgegangen, dass es in der Reiseflughöhe von mindestens 10000 Metern selbst über Krisengebieten keine Gefahr für zivile Maschinen gebe, heißt es in Luftfahrtkreisen. Auch Malaysias Regierungschef Najib Razak hatte nach dem Absturz betont, die Flugroute von Malaysia Airlines MH17 sei von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) vorab für sicher erklärt worden.

Erst wenn Flugrouten durch die Aufsichtsbehörden gesperrt werden, müssen sich die Fluggesellschaften andere Strecken aussuchen und genehmigen lassen. Dies hat die Europäische Flugsicherheitsorganisation Eurocontrol gestern für den Luftraum über dem Absturzort in der Ostukraine bis auf Weiteres veranlasst. Alle Fluggesellschaften, die diese Route fliegen wollen, würden abgewiesen, erklärte die 1960 gegründete Brüsseler Behörde. Eurocontrol ist für die Sicherheit im oberen Luftraum für alle internationalen Flüge der 37 Mitgliedsländer und der Europäischen Gemeinschaft zuständig. Mit über 2000 Mitarbeitern kontrolliert und steuert die Organisation den Flugverkehr über Europa, das sind durchschnittlich rund 26000 Flüge am Tag.

Längere Routen bedeuten höhere Kosten

Für die Piloten der Verkehrsmaschinen ist das Überfliegen von Krisenregionen zwar tägliche Praxis, doch habe man schon immer über die damit verbundenen Risiken diskutiert, sagte der Sprecher der Vereinigung Cockpit, Jörg Handwerg. Die Pilotenvereinigung, die rund 9300 Flugzeugführer vertritt, fordert daher nun ein Umdenken. „Ob Konfliktzonen, in denen vergleichbares Bedrohungspotenzial wie in der Ostukraine besteht, noch überflogen werden dürfen, muss hinterfragt werden.“

Umsetzen müssen die Änderung vor allem die Fluggesellschaften. Doch durch die Ausweichrouten steigen Flugzeit und Kerosinverbrauch, und in der Folge für die Fluglinie auch die Kosten. „Und wenn eine Airline nicht mitmacht und doch wieder durch ein Krisengebiet fliegt, sehen sich alle anderen gezwungen, nachzuziehen.“ Aus Sicht der Vereinigung Cockpit bedarf es nun weiterer Schritte, um die Sicherheit von Flugzeugen vor Angriffen vom Boden zu erhöhen. Es sei gefährlich, dass die Positionen von Verkehrsmaschinen auf speziellen Seiten im Internet verfolgt werden könnten, sagte Handwerg. Eigentlich haben nur Flugsicherung und Fluglinien Verwendung für die Daten. „Und nun können Terroristen darauf zugreifen.“

Kriegs- und Krisengebiete meiden

Neben der offiziellen Sperrung von Lufträumen können aber die Fluggesellschaften auch von sich aus entscheiden, ob sie bestimmte Gebiete meiden wollen. Seit gestern gibt es kein Unternehmen mehr, das die Hauptroute zwischen Europa und Asien über der Ost-Ukraine nutzen wird. Die Lufthansa habe sich entschieden, den Luftraum weiträumig zu umfliegen, teilte Deutschlands größte Fluggesellschaft bereits am Donnerstagabend mit. Air India und die indische Jet Airways leiteten ihre Flüge ebenfalls um. Emirates teilte mit, ein Flug nach Kiew sei umgekehrt und nach Dubai zurückgeflogen, alle Flüge nach Kiew seien auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Auch die chinesische Behörde für zivile Luftfahrt erklärte, man habe die dortigen Fluglinien angewiesen, nicht mehr über die Ukraine zu fliegen.

Einige andere Fluggesellschaften hatten schon vor Monaten entschieden, das Kampfgebiet im Osten der Ukraine nicht mehr zu überfliegen. Air Berlin erklärte, ihre Flugrouten führten seit dem Beginn der Krim-Krise nicht über den ostukrainischen Luftraum. Auch die Korean Air Line meidet die Route seit der Krimkrise vom März. Die australische Quantas fliegt ebenfalls seit Monaten nicht mehr über das Gebiet. Emirates meidet überdies seit längerem Teile Syriens, andere Airlines nutzen den Luftraum über dem Irak nur noch beschränkt. Die US-Behörden warnen vor den Lufträumen über dem Iran, Jemen, der Halbinsel Sinai und Nordkorea.

 Flugroute von Europa nach Südostasien - eine Auswahl von Routen die verschiedene Airlines in den vergangenen Wochen bei ihren Verbindungen Richtung Thailand/Malaysia nahmen