Flughafen Stuttgart Widerstand gegen neue Flugrouten wächst

Auf welcher Route überfliegen die Flugzeuge künftig die Region Stuttgart? Foto: imago images/Arnulf Hettric/h

Die geplante neue Abflugroute am Flughafen entzweit Kommunen – vor allem im Kreis Esslingen. Der Ton zwischen Befürwortern und Kritikern wird rauer. Muss die Entscheidung doch noch verschoben werden?

Esslingen - Kein Thema provoziert im Umfeld des Flughafens und im gesamten Kreis Esslingen zurzeit mehr Debatten als die geplante Änderung der Flugrouten. Vier neue Routen haben Lufthansa und Eurowings in Richtung Süden vorgeschlagen, alle mit einer engeren Kurve – und dem Ziel, in bevölkerungsreichen Gebieten die Lärmbelastung zu senken. Möglich wird der steilere Abflug dank neuer Navigationstechnik. Der unerwünschte Nebeneffekt: über manchen Orten würde es lauter werden. In den vergangenen Tagen haben die Betroffenen Stellung genommen – die Einschätzungen gehen weit auseinander. Ein Überblick.

 

Nürtingen kämpft gegen die geplante Änderung

Mit einem einstimmigen Votum hat der Gemeinderat Nürtingen die Routenänderung zurückgewiesen. Zuvor hatten die Piloten Valentin Reinhardt (Lufthansa) und Marc Hasenbein (Eurowings) für das Konzept geworben. Sie erklärten, dass sowieso nur ein bis zwei Flüge pro Stunde auf der neuen Route möglich seien, weil nicht alle Flieger die steile Steigungskurve schaffen würden. Entsprechend gering falle die Lärmbelästigung im Einzugsgebiet aus.

Die Skepsis in Nürtingen allerdings ist groß. „Je tiefer ich in die Thematik eingestiegen bin, umso mehr Fragen und Unstimmigkeiten haben sich für mich aufgetan“, erklärte der Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Wenn das von der Deutschen Flugsicherung betriebene Verfahren zur Änderung der Abflugroute durchgehen sollte, könnte die neue Route wohl im Probebetrieb ab August 2022 Wirklichkeit werden. „Das wäre eine Katastrophe für die Bürgerinnen und Bürger in Nürtingen“, sagt Fridrich.

Kritik an den Kritikern

Auch im Plochinger Gemeinderat waren die beiden Piloten zu Gast, trafen dort aber auf viel mehr Sympathie. Kein Wunder, denn sie erklärten dem Gremium, dass mit der neuen Route die Zahl der Flüge über Plochingen von drei auf zwei pro Stunde zurückgehen werde. Dies gelte aber nur an Tagen ohne Westwind, weil nur dann in Richtung Osten gestartet werden kann. Für Plochingen wird es also besser, aber nicht dramatisch besser.

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Doch diese Verbesserung dürfe man nicht kleinreden, betonte Bürgermeister Frank Buß. Der Rückgang der Lärmbelastung sei deutlich und werde rund 90 000 Menschen im Neckartal entlasten. „Es geht um eine faire Verteilung der Lasten“, so Buß. Wenn die Kritiker nun plötzlich Erholungssuchende in einem Wald als Gegenargumente heranziehen, „tue ich mich schwer mit dieser Argumentation“ – ein Seitenhieb gegen alle, die beklagen, dass auch das Naturschutzgebiet Sauhag unter der Route leiden werde.

Bürgermeister warnt vor Spaltung

Angesichts der Differenzen warnt Otto Ruppaner, der Bürgermeister von Köngen, vor einer „Spaltung der Raumschaft“. Köngen selbst lehnt die neue Route ab – das hat der Gemeinderat jetzt in einer Sondersitzung klargestellt. Der Lärm der Autobahn, bald der Lärm der Schnellbahnstrecke zwischen Stuttgart und Ulm – Köngen sei stark belastet. „Dass jetzt noch Fluglärm dazukommt, können wir den Menschen nicht zumuten“, so der Bürgermeister. „Wir brauchen eine Lösung, die allen entgegenkommt.“

Naturschützer sind sauer

Mit harscher Kritik reagiert auch die Schutzgemeinschaft (SG) Filder auf die Pläne. Das Verfahren sei intransparent, sagt der Vorsitzende Steffen Siegel. Die gesamte Argumentation sei fragwürdig, „weil der Ostwind den Lärm extrem stark weiterträgt, zum Beispiel direkt nach Neuhausen“. Die SG kritisiert, dass nach sehr langen, nicht öffentlichen Beratungen in der Lärmschutzkommission nun „plötzlich alles sehr schnell gehen muss“. Bei der öffentlichen Präsentation der Pläne sei „die bis dahin uninformierte Bevölkerung mit Folien voller Ungereimtheiten überfahren“ worden.

Vorgesehen ist, dass die Fluglärmkommission am 2. November entscheidet, ob die neue Route kommt oder nicht. Die Schutzgemeinschaft fordert, diesen Termin zu kippen. „Die Bevölkerung muss in diesen Entscheidungsprozess einbezogen werden.“

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