Flugzeugbauer Roman Weller Der handgemachte Traum vom Fliegen

Erstflug einer Rebell, wie sie Roman Weller baut. Foto: Phillip Weingand

Seit seiner Jugend ist Roman Weller aus Schwäbisch Hall vom Fliegen besessen. Seinen Traum, Flugzeuge zu bauen, lebt er seit 30 Jahren. Seine Kunden sind Liebhaber, Museen und Produktionsfirmen.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Das Brummen wird lauter. Immer schneller bewegt sich das kleine rot-weiße Flugzeug über die Graspiste. Erst hebt sich das Spornrad, dann die vorderen Räder vom Boden. Die Maschine fliegt in den Frühlingshimmel, den Wolken entgegen. Dort drückt der Pilot sie in eine steile Linksdrehung und zieht Kreise. Vom Boden aus verfolgt ein Mann in Karohemd und Latzhose jede Bewegung. „Wenn er das macht“, sagt er und meint die Steilkurve, „ist alles in Ordnung. Sonst wäre er ganz schnell wieder zurückgekommen.“ Der Mann am Boden heißt Roman Weller, er hat den Flieger selbst entworfen und gebaut.

 

Rückblick. Ein paar Wochen zuvor fehlen dem Vogel aus Stahl, Plastik und Stoff noch die Flügel. Es riecht nach Lack und Metall in Roman Wellers Werkstatt in Bibersfeld, einem 1700-Einwohner-Stadtteil von Schwäbisch Hall. Hier, zwischen einer Besenwirtschaft und einem Friseursalon, lässt der Flugzeugbauer seit 35 Jahren einen Menschheitstraum wahr werden.

Mit der Serie „Die Grashüpfer“ fing alles an

Über dem Eingang zu seinem Büro hängt ein Holzpropeller aus dem Ersten Weltkrieg. Weller hat ihn bei einem Museumsflohmarkt abgestaubt, keiner wollte ihn haben. Im Büro hängen unzählige Fotos von Flugzeugen. Zu jedem hat der 62-Jährige eine Geschichte parat. „Mit dem Hanuschke-Eindecker bin ich mal in ein Bachbett gerollt und später aus 30 Metern Höhe abgestürzt“ – „Mit dem bin ich mal auf einem Acker gelandet – der Bauer war gerade Futter holen und ist, als er mich sah, mit der Mistgabel hinter mir her“. Aber ernsthaft passiert sei ihm noch nie etwas.

Mit der Fernsehserie „Die Grashüpfer“ hat es angefangen. In den 70er Jahren flimmern die Abenteuer der Flugpioniere von anno dazumal über den Bildschirm. Und der Malersohn Roman Weller beschließt im Alter von zwölf Jahren, Flugzeuge zu bauen.

Weller stammt aus einfachen Verhältnissen. Eine Mitgliedschaft im Segelfliegerclub oder ein Pilotenschein ist für die Familie nicht drin. Und so legt er eben auf eigene Faust los. Sein Baumaterial: vier Meter lange Bambusstangen aus dem Gartenbedarf. „Die Stangen unter dem einen Arm, die Schultasche unter dem anderen, damit bin ich dann sechs Kilometer nach Hause gelaufen.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Ein Airbus namens Murrhardt

Die Stangen verbindet er mit Resten von Abwasserrohren. Er kann in seinem Gleiter tatsächlich abheben. „Nur wurde der mit jedem Flug etwas kleiner, weil immer etwas abgebrochen ist.“ Den kleinen Garten der Familie belegt der Flugpionier bald komplett mit seinen Schöpfungen. Seine Mutter, eine sparsame schwäbische Hausfrau, verzweifelt angesichts des Gedankens, wie viele Bettlaken sie aus dem Stoff für die Bespannung der Flugzeuge hätte schneidern können.

Weller lässt sich nicht abbringen. Er will höher, weiter. Und einen Motor – was dem Vater Sorgen bereitet. „Mit dem Segelflug hatte er keine Probleme, er wusste ja, dass ich eh nicht hoch fliege.“ Der Nachbau einer Demoiselle, eines Eindeckers aus Pioniertagen, endet als Schrotthaufen. Der Vater zwingt den Sohn, den Flieger zu zerhacken. Wobei Roman Weller heute bezweifelt, dass seine Konstruktion überhaupt geflogen wäre: „Die Konstruktion war aus schweren Wasserleitungsrohren, der Motorradmotor leistete vielleicht aber gerade mal drei oder vier PS.“

Wer in ein Flugzeug von Roman Weller steigt, ist ein Kenner

Roman Weller wird Schlosser von Beruf. Doch sein Herz gehört weiter der Fliegerei. Über die Mitarbeit bei einem Flugzeugbauer in Pforzheim und über Lizenzbauten sammelt er Erfahrungen und macht sich mit der Zeit einen Namen in der Szene.

Er baut viele historische Maschinen nach – mal für sich selbst, mal im Auftrag für Filmdrehs oder Museen. Sein flugfähiger Lilienthal-Gleiter, Baujahr 1980, hängt im Technikmuseum Speyer. Und Wellers Nachbau eines Fokker-Kampfflugzeugs aus dem Ersten Weltkrieg hebt im Jahr 2015 ab. Das aktuelle, ganz und gar zivile Baumuster, das er entworfen hat, heißt Rebell, es ist die inzwischen zweite Version seines Ultraleichtflugzeugs. 21 Stück davon hat er bereits gebaut.

Andere Ultraleichtflugzeuge großer Hersteller sind in den vergangenen Jahren immer moderner und luxuriöser geworden. Die schnellsten Typen fliegen fast 390 Stundenkilometer schnell, in den Cockpits leuchten Bordcomputer und farbige Digitalanzeigen um die Wette. Aber das ist nicht die Art von Fliegen, für die Roman Weller sich begeistert. Wer in eine seiner Maschinen steigt, ist ein Connaisseur. Er will im offenen Cockpit sitzen, den Wind im Gesicht spüren und auf den Spuren der Pioniere wandeln. Fliegen in seiner reinsten Form.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Das Fliegerfest Aspach im Video

Schwerkraft, Vortrieb, Gewicht, Auftrieb – an diesen physikalischen Prinzipien, die auf jedes Luftfahrzeug einwirken, hat sich seit der Zeit von Otto Lilienthal und den Gebrüdern Wright nichts geändert. Für den Vortrieb die Rebell sorgt ein simpler Viertaktmotor mit rund 30 PS. Mit 125 Stundenkilometern fliegen die Rebellen der Lüfte ziemlich langsam. „Die Rebell ist ein gutmütiges Feierabendflugzeug“, sagt Weller. Er ist stolz auf sein Baby. Wenn der Prüfer und Testpilot mit dem nagelneuen Retroflieger über Schwäbisch Hall seine Runden zieht, leuchten die Augen des Erbauers.

Mit rund 40 000 Euro Neupreis ist ein Rebell sogar recht erschwinglich für ein Flugzeug. Die Maschinen gehören zu der sogenannten 120-Kilogramm-Klasse. Das bedeutet, dass an allen Ecken und Enden auf das Gewicht geachtet werden muss. Einen Passagier oder schweres Gepäck mitnehmen? Fehlanzeige.

Ultraleichtfliegen für – fast – jedermann

Luxus dürfen Käufer nicht erwarten, vielmehr den technischen Stand der 1930er Jahre. Der Rumpf einer Rebell besteht aus geschweißten Stahlrohren und Bespannung. Die Flügel sind aus extrem leichten Holzrippen und Schaum gebaut, die Impulse von Steuerknüppel und Pedalen werden direkt über Stangen und Stahlseile an die Ruder weitergegeben, nicht wie bei Hightech-Fliegern über elektronische Impulse.

Die Maschine ist so leicht, dass sie zerlegt auf einem Hänger transportiert wird, den ein Kompaktwagen ziehen kann. Die beiden Tragflächen wiegen zusammen nur 30 Kilogramm. Als Weller, seine Lebensgefährtin Ute sowie der Testpilot das Flugzeug für den Jungfernflug zusammenbauen und die Einzelteile auf der Graspiste bereitlegen, sieht das ein bisschen aus, als liege da der Bausatz eines Spielzeugfliegers. Nur größer.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Ultraleichtflugzeug rammt Traktor

Ob das Fliegen mit so einem Gerät riskant ist? Weller schmunzelt. „Auch nicht gefährlicher als mit anderen Flugzeugen. Man darf nur den Respekt nicht verlieren. Gerade bei starkem Wind merkt man schon, dass die Rebell sehr leicht ist.“ Erst am Wochenende habe ein Käufer seine Maschine „aufs Kreuz gelegt“. Er ist bei extrem starkem Seitenwind gelandet. „In ein paar Tagen bringt er mir die Reste zum Reparieren.“ Opfer müssen gebracht werden, so lauteten angeblich Otto Lilienthals letzte Worte.

Selbst geflogen ist Roman Weller schon eine ganze Weile nicht mehr. Aber wenn eine neue Rebell sich knatternd in Bewegung setzt und der Miniflieger seine Kreise über Bibersfeld zieht, gerät das in Vergessenheit. „Solange meine Arbeit mir Spaß macht, ist es doch gut“, meint Weller. Dass ihm das Geschäft eines Tages ausgeht, glaubt er nicht. Seine Warteliste ist so voll, dass er wohl noch bis weit ins Rentenalter hinein Rebellen der Lüfte bauen kann.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Planespotter – Zaungäste mit Zoomobjektiv

Weitere Themen