Paris - Es sind dramatische Sekunden an Bord der Concorde F-BTSC am Nachmittag des 25. Juli 2000, kurz nach dem Start vom Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Wie sich später herausstellt, rollt kurz vor dem Abheben das vordere rechte Rad des linken Hauptfahrwerks über ein 43 Zentimeter langes Metallteil, das wohl ein zuvor gestartetes Verkehrsflugzeug auf der Startbahn verloren hat. Der Reifen wird zerfetzt, Teile davon richten massive Schäden „an der Struktur des Flugzeugs“ an, wie es später im Untersuchungsbericht heißt. Aus dem randvollen Tank im linken Flügel läuft Flugbenzin aus, das sich sofort entzündet.
Die Piloten haben nicht den Hauch einer Chance
Augenzeugen beobachten Flammen an der startenden Concorde. Doch der Superflieger ist bereits zu schnell unterwegs, um noch anhalten zu können. Weil bald beide Triebwerke auf der linken Seite Probleme bereiten und abgeschaltet werden müssen, fehlt andererseits der Schub, um noch an Höhe gewinnen oder gar zum Flugplatz zurückfliegen zu können. So haben die Piloten nicht den Hauch einer Chance: Nur etwa eine Minute lang können sie den brennenden Flieger bei einer Geschwindigkeit von etwa 370 Kilometer pro Stunde in knapp 70 Meter Höhe in der Luft halten, dann stürzt die Maschine um 16.44 Uhr in ein Hotel im Vorort Gonesse. Alle 109 Insassen an Bord und vier Menschen am Boden kommen ums Leben. 99 Passagiere wollten nach New York zu einem Kreuzfahrt-Urlaub fliegen, fast alle kamen aus Deutschland.
Mit diesem Absturz zerschellt nicht nur ein Flugzeug am Boden, sondern ein Wahrzeichen für die Ingenieurskunst der europäischen Flugzeugbauer. Sie hatten den prestigeträchtigen Kampf um das erste Überschall-Verkehrsflugzeug gewonnen. Die Russen hatten zwar mit der Tupolew TU-144 ebenfalls einen Überschallflieger gebaut. Die wegen des beinahe identischen Aussehens mit der Concorde auch spöttisch Konkordski genannte Maschine war aber nur wenige Monate in Betrieb – technische Schwierigkeiten und ein Unfall führten zu dem frühen Ende. Auch die Amerikaner stellten ihre Planungen für ein Überschallflugzeug ein.
Der Spritverbrauch war enorm hoch
So waren die beiden Fluggesellschaften Air France und British Airways konkurrenzlos, als sie 1976 die Concorde auch aus Prestigegründen in Dienst stellten. Doch wirtschaftlich war das Prestigeobjekt kein großer Erfolg – zu groß waren die Beschränkungen. Weil der Flieger zu laut war, durfte er auf vielen Flughäfen nicht landen. Und wegen des Überschallknalls durfte er nur über dem Meer seine größte Stärke ausspielen: Bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa 2200 Kilometer pro Stunde bewältigte die Concorde die Strecke von Paris oder London nach New York in nur drei bis dreieinhalb Stunden und damit doppelt so schnell wie ein normaler Flieger. Für weiter entfernt gelegene Ziele musste aber zum Tanken zwischengelandet werden – der Spritverbrauch war eben enorm hoch.
Die zahlende Kundschaft blieb weitgehend aus
Zu den wirtschaftlichen Problemen kam nach dem Absturz von Paris auch noch der massive Vertrauensverlust der betuchten Kundschaft. Während die Franzosen den Flugbetrieb sofort einstellten, ließen die Briten den Prestigeflieger noch einige Zeit in der Luft, mussten dann aber auch den Flugbetrieb einstellen. Nach umfangreichen und teuren Sicherheitsmaßnahmen sollte die Concorde ab November 2001 wieder durchstarten. Doch die zahlende Kundschaft blieb weitgehend aus. So war mit dem letzten kommerziellen Flug am 24. Oktober 2003 ihr Schicksal besiegelt. Heute lässt sich das Meisterwerk europäischer Ingenieurskunst zum Beispiel im Technikmuseum in Sinsheim bewundern – und direkt daneben mit der TU-144 auch die russische Version.
Noch müssen sich Technikfans mit solchen Museumsstücken begnügen. Allerdings laufen seit Jahren weltweit einige Projekte, wieder ein Überschall-Verkehrsflugzeug in die Luft zu bekommen. Doch die Aussichten waren aus wirtschaftlichen Gründen schon bisher nicht sonderlich gut, dass technikbegeisterte Fluggäste mit Zeitdruck und dem nötigen Kleingeld in absehbarer Zeit so flott unterwegs sein werden. Und nachdem nun das Coronavirus den weltweiten Flugverkehr in eine existenzbedrohende Krise gestürzt hat, dürften sie zumindest für die nächsten Jahre weiter stark gesunken sein.
Projekte für ein Überschall-Verkehrsflugzeug
Immer wieder haben die Flugzeugbauer Projekte für Flugzeuge vorgestellt, die im Überschall- oder gar Hyperschallbereich fliegen sollen. So präsentierte etwa Boeing 2018 ein erstes Hyperschall-Konzept für einen Passagierflieger. Dieser sollte bis zu Mach 5 schnell sein, also fünf Mal so schnell wie der Schall. Als Zeitraum für die Entwicklung werden 20 bis 30 Jahre angegeben. Recht weit ist offenbar das amerikanische Unternehmen Boom. Der von dem 2014 gegründeten Start-up entwickelte Jet namens „Overture“ soll wie die Concorde mit etwa Mach 2,2 fliegen und 55 Passagieren Platz bieten. Bis zu zwölf Passagiere will das US-Unternehmen Aerion mit dem Businessjet AS2 mit bis zu 1500 Kilometer pro Stunde (Mach 1,4) befördern. Nach jüngsten Änderungen soll der Erstflug nun 2024 stattfinden.