Flusspark Neckaraue in Tübingen Neue Flusswelt soll Hochwasserschutz und Erholungsort zugleich sein

Die Insel mit dem Baum war einmal Ufer, der Teil links davon wurde abgebaggert. Foto: Horst Haas

Was sie in Tübingen am Neckar seit einem Jahr bauen, ist einzigartig in Baden-Württemberg. Der Flusspark Neckaraue soll nicht nur Wohnhäuser und Gewerbe vor Hochwasser schützen, sondern auch ein neuer Lieblingsort für Menschen sein.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Man merkt Sebastian Krieg an, dass es sich bei diesem Projekt auch für ihn persönlich um etwas Besonderes handelt. „Es wird wohl das größte meiner Karriere bleiben“, sagt er. Dass der Projektleiter erst 39 ist, unterstreicht: Der Flusspark Neckaraue ist ein Vorzeigebeispiel. Nirgends in Baden-Württemberg wird so groß gedacht und gemacht wie hier in Tübingen: Seit einem Jahr entsteht eine komplett neue Flusslandschaft. Das hat mehrere Gründe.

 

Auf den 850 Meter, an denen seit einem Jahr gearbeitet wird, sind die Neckarauen selbst für Ortskundige nicht wiederzukennen. Es ist eine neue Welt aus Hügeln, einem kurvigen Hauptweg, schattigen Plätzchen und mit Zugang zum Fluss. Doch die Tübinger müssen sich noch gedulden. Zwar ist der Neckar inzwischen fertig umgebaut, aber der Park am Ufer entsteht erst in den kommenden Monaten. Die Eröffnung ist für Sommer oder Herbst 2025 geplant, wie Janina Partzsch von der Stadt Tübingen sagt.

Zwei Inseln sind im Neckar entstanden

Den Neckar verwandelt hat nicht die Stadt, sondern das Land. Um aus dem geraden Fluss einen Mix aus Stromschnellen und seichten Gewässern zu machen. Das meiste ist auf 250 Metern passiert, hier wurden 80 Prozent der insgesamt 40 000 Kubikmeter an Erdmassen bewegt, sagt Sebastian Krieg, Projektleiter bei der Umweltabteilung des Regierungspräsidiums Tübingen.

65 Prozent der knapp zehn Millionen Euro Gesamtkosten sind auf diesem Abschnitt entstanden. Konkret wurde ein ganzes Stück vom Ufer abgegraben. Ein Rest steht nun als neue Insel samt großem Baum mitten im Neckar, eine weitere Insel wurde mit Schotter aufgeschüttet. Der Fluss teilt sich also für kurze Zeit in zwei. „Wir haben aus zwei Ufern vier gemacht“, erklärt Krieg. Und Gestade sind wichtig für Wasserbewohner. An einem Ufer fischt gerade ein Schwan. Zudem verändert sich die Geschwindigkeit des Wassers und ermöglicht so neues Leben.

Schadensrisiko bei Hochwasser über 20 Millionen Euro

Schon um 1700 sei der Neckar von Flößern genutzt und dafür ausgebaut worden, berichtet der Fachmann. Und auch die Auen weckten Begehrlichkeiten, es entstanden Straßen und Wege, aber auch Gebäude in Flussnähe und nahmen dem Neckar den Raum, um sich bei Überschwemmungen auszubreiten. Das ist aber nicht nur eine ökologische Frage, sondern auch eine der Sicherheit. Deshalb war die Renaturierung und Umgestaltung des Flusses nicht der einzige Grund, weshalb das Land in Tübingen tätig wurde.

Sebastian Krieg zeigt auf die andere Uferseite, also dorthin, wo kein Auenpark sein wird. Stattdessen ragt dort eine Mauer empor. Sie soll das Gebiet südöstlich des Neckars vor Hochwasser schützen. „Da ist ein immenses Schadenspotenzial“, erklärt Krieg. Bei einem Hochwasser, wie es statistisch gesehen mindestens alle 100 Jahre einmal auftritt, hätten die Kosten vor den Arbeiten bei mehr als 20 Millionen Euro liegen können. Dies zu verhindern, dafür ist bei Gewässern erster Ordnung, zu denen der Neckar zählt, das Land zuständig.

Nicht verhehlen will Sebastian Krieg, dass für den Neckarumbau rund 200 Bäume gefällt werden mussten. „Das ist schon massiv“, sagt er. Und dass es nicht leicht gewesen sei, am Ufer entlang zu gehen und final Bäume für die Motorsäge auszuwählen. Mit ein Grund, weshalb es durchaus auch Vorbehalte in der Stadtbevölkerung gegen das Projekt gegeben habe. Sorgen gab es aber auch wegen der vielen Lastwagen, die die Erde abtransportiert haben, denn alles konnten sie für die neu modellierte Flusslandschaft nicht wiederverwenden.

Nach der Sommerpause macht sich die Stadt Tübingen ans Werk; die Auen werden dann so gestaltet, dass es sich dort gut aushalten lässt. Wenn die Menschen dort im Herbst 2025 flanieren, sollen sie beispielsweise Liege-, Spiel- oder Insektenwiesen vorfinden, sagt Janina Partzsch. Geplant sei aber auch ein Tiny Forest, den eine Schulklasse anlegen könnte. Dabei handelt es sich um einen Miniwald, in der Regel in einem dicht bebauten Gebiet. Der Flusspark Neckarauen ist nicht weniger als der Versuch, der Natur mitten in einer Stadt so viel Platz wie möglich zurückzugeben.

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