Ein Jahr nach der Flutkatastrophe im Wieslauftal wirken die betroffenen Orte wie Rudersberg wieder heil. Doch das Trauma sitzt tief – bei Menschen und Landschaft.
Von außen wirkt Rudersberg wie immer. Die Straßen sind sauber, Fassaden gestrichen, Gärten gepflegt. Wer heute durch den Ort geht, ahnt kaum, dass hier vor einem Jahr das Wasser tobte. Dass ein ganzes Tal unterging – binnen Minuten.
Doch wer genau hinschaut, erkennt eine kleine Plakette mit einer Höhenmarke. Sie ist erst vor wenigen Tagen beim örtlichen Metzger angebracht worden und macht deutlich: Hier stand das Wasser – 1,80 Meter hoch, mitten im Ort. Die Metzgerei Hinderer, aber auch der Edeka-Markt, Gastwirtschaften, das örtliche Sonnenstudio: überflutet, zerstört, aus dem Leben gerissen.
2. Juni 2024: Die Nacht, in der imWieslauftal alles wegbrach
Es begann am Abend. Innerhalb von einer Stunde stürzten mehr als 100 Liter pro Quadratmeter vom Himmel. Rückhaltebecken liefen über, der aufgeweichte Boden konnte nichts mehr halten. Im Wieslauftal stieg das Wasser mit jeder Sekunde. Menschen flüchteten auf Hausdächer. Fahrzeuge wurden fortgespült. Im Schorndorfer Ortsteil Miedelsbach starben zwei Menschen, ein Mann und seine Mutter, bei dem Versuch, ihren Keller leerzupumpen.
„Es sah aus wie ein Meer“, erinnert sich eine Anwohnerin aus Rudersberg. Ganze Hangstücke rutschten ab, Straßen barsten auf, Autos lagen auf dem Dach. Die örtliche Feuerwehr, selbst betroffen, verlor drei Fahrzeuge. Mehr als 200 Einsätze wurden registriert – viele der in Not geratenen Einwohner konnten gar nicht bedient werden. Die Retter hörten Hilferufe – und kamen nicht durch.
Schutt, Schlamm und Solidarität
Am Morgen danach: Verwüstung. Schlamm auf den Straßen, zerstörte Häuser, Trümmer überall. Und plötzlich war da etwas anderes: Menschen kamen – mit Eimern, Schaufeln und offenen Händen. Es war ein Moment kollektiver Kraft. Die Bilder dieser Tage wirken immer noch nach.
Auf dem Premiumspazierwanderweg „Feenspuren Römerwald“ kann man jetzt wieder wandeln. Foto: Gottfried Stoppel
In besonders sensiblen Bereichen, etwa an der Lein, kam sogar tierische Unterstützung zum Einsatz: Rückepferd Burli zog Baumstämme für neue Rastbänke. „Wir wollten nicht nur flicken“, sagt Welzheims Bürgermeister Thomas Bernlöhr. „Wir wollten es besser machen.“ 400 000 Euro flossen in die Sanierung der Wanderwege. Der Naturparkführer Walter Hieber hebt die Zusammenarbeit hervor: „Alle Beteiligten – Landratsamt, Forst, Gemeinden – haben an einem Strang gezogen.“
Doch es bleibt: Die Schlucht – ein Problemfall
Nicht alles ist wiederherstellbar. Die Wieslaufschlucht, einst beliebtes Wanderziel, bleibt zu weiten Teilen gesperrt. Die Schäden sind zu massiv. An manchen Stellen fehlen schlicht mehrere Meter Erdreich. Der Weg existiert nicht mehr. Juristische und artenschutzrechtliche Hürden machen eine Wiederherstellung unmöglich. „Wir müssen Umleitungen schaffen und mit dem leben, was geht“, sagt Thomas Bernlöhr. Mancher Weg musste neu geplant werden.
13,5 Millionen Euro für den Wiederaufbau im Rems-Murr-Kreis
Auch auf Landesebene wurde reagiert: Wie das Regierungspräsidium Stuttgart mitteilt, wurden rund 19 Millionen Euro aus einem zusätzlichen Hilfspaket des Landes Baden-Württemberg für den Regierungsbezirk Stuttgart bereitgestellt. 13,5 Millionen Euro Soforthilfe flossen direkt in den besonders betroffenen Rems-Murr-Kreis, dessen Schäden sich auf 332 Millionen Euro summieren. Die Regierungspräsidentin Susanne Bay betonte: „Schnelle und pragmatische Hilfe ist in einer solchen Lage wichtig.“
Erste Gelder flossen in Wiederaufbauprojekte: Unter anderem wurden 2,37 Millionen Euro über den Ausgleichstock bewilligt, fast zwei Millionen Euro aus der Tourismusförderung – davon allein 1,82 Millionen für die Schwäbische Waldbahn. Weitere Mittel kamen aus der Sportstättenbauförderung und dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum. Gut 9,4 Millionen Euro wurden im Rahmen des Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes in Aussicht gestellt.
Straßenbau: Ein Marathon statt Sprint
Die Sanierungen der Landes- und Kreisstraßen werden sich laut Auskunft des Landratsamts noch bis mindestens 2026 hinziehen. Besonders betroffen: die K 1883 zwischen Rudersberg-Oberndorf und Althütte-Lutzenberg, die K 1886 bei Walkersbach, die K 1916 bei Birkenweißbuch, die K 1873 zwischen Buhlbronn und Schornbach. Der Aufwand ist gewaltig: Geologische Gutachten müssen erstellt werden, Spezialbagger aus dem Allgäu beschafft, sieben Meter tiefe Hangsanierungen gemacht werden.
Bei der Lauffenmühle in Welzheim ist der Hang abgerutscht, die Straße wie abgeblättert. Foto: Frank Rodenhausen
„Was da geologisch im Untergrund schlummert, ist einfach superkompliziert“, berichtet der Landrat Richard Sigel. Verständlicherweise wächst derweil bei manchen Anwohnern die Ungeduld. Doch Eile, sagt Sigel, könne fatal sein – wenn sanierte Straßen erneut abrutschen.
Ein absoluter Lichtblick ist die Wieslauftalbahn. Seit Mai rollt das „Wiesel“ wieder – vorerst bis Rudersberg-Nord. Bis in einem Monat soll auch Oberndorf wieder erreicht werden. Vier neue Regio-Shuttles wurden angeschafft, Werkstatthallen saniert, Ersatzteillager aufgebaut. Und es gibt neue Pläne: Die Elektrifizierung der Strecke steht im Raum. Eine Machbarkeitsstudie dazu ist bereits beauftragt.
Vom Abstellgleis zurück auf die Schiene: Die Wieslauftalbahn ist ein Sinnbild für den Wiederaufbau. Foto: Rodenhausen, Stoppel
Hochwassermarken in Rudersberg – gegen das Vergessen
Doch bei allem Fortschritt, das Erinnern bleibt wichtig. Die Gemeinde Rudersberg hat begonnen, Hochwassermarken an besonders betroffenen Orten anzubringen – mit QR-Codes, die zu Bildern der Flut führen. „Damit wir nicht vergessen, was hier passiert ist“, sagt die Klimamanagerin Nadine Bathke.
Hochwassermarken mit QR-Codes sollen die Erinnerung wach halten. Foto: Gottfried Stoppel
Und das gilt nicht nur für die Gebäude. Auch seelisch sitzen die Erlebnisse tief. Der örtliche Metzger Hinderer, dessen Betrieb monatelang geschlossen war, wird fast täglich darauf angesprochen. Viele wollen reden. Manche können nicht mehr schlafen, wenn Regen auf das Dach trommelt.
Deshalb startet im Juni ein „Hochwasser-Café“ – ein Ort für Betroffene, mit Fachleuten für seelische und praktische Hilfe. Auch ein ökumenischer Blaulicht-Gottesdienst am 2. Juni in der Johanneskirche soll Raum für gemeinsames Gedenken bieten.
Kein Ende, aber ein Anfang
Ein Jahr nach der Katastrophe lebt das Wieslauftal weiter – mit einer Narbe. Die Natur erholt sich. Die Menschen bauen wieder auf. Doch vergessen will hier niemand.
Und vergessen darf man auch nicht: Solche Nächte können wiederkommen. Der Klimawandel macht aus „einmal in hundert Jahren“ ein „vielleicht bald wieder“. Das Wieslauftal hat gelernt. Es schützt sich – mit Aqualocks, Notfallplänen, Erinnerung. Und mit Menschen, die füreinander da sind. Auch wenn das Wasser längst wieder weg ist.