Nach den verheerenden Überschwemmungen im Juni mit einem geschätzten Schaden von 120 Millionen Euro wird die Gemeinde Rudersberg von einer weiteren Hiobsbotschaft getroffen. Die Fensterbau-Firma Weru, Top-Arbeitgeber in dem 11 500 Einwohner zählenden Ort im Wieslauftal, gibt ihre Produktion in Rudersberg wegen des Hochwassers komplett auf.
„Die Produktionshallen hatten die große Flutwelle vor der Stadt abgefangen, wurden dabei aber vollständig zerstört. Die Produktion hier vor Ort wiederaufzubauen, würde mindestens anderthalb Jahre dauern, der Markt braucht unsere Produkte aber zeitnah“, wird der Weru-Geschäftsführer Frank Fleissner in einer Mitteilung des mittlerweile zum dänischen Fensterbau-Konzern Dovista gehörenden Unternehmens zitiert.
In der Produktion sind am Stammsitz etwa 150 Mitarbeiter beschäftigt
Mit der Entscheidung fallen in Rudersberg voraussichtlich 150 Arbeitsplätze weg. Das ist gut die Hälfte der bisher am Stammsitz des Unternehmens existierenden Stellen. Ein millionenschwerer Neubau der Produktion ist aus Sicht des Firmenchefs nicht in Sicht. „Es ist ein schwerer Weg, aber ein Wiederaufbau wäre wirtschaftlich nicht tragbar“, erklärt Frank Fleissner. Die Beschäftigten und den Betriebsrat hatte die Firma bereits in der vergangenen Woche über die geplante Schließung informiert.
Den Mitarbeitenden soll die Möglichkeit angeboten werden, an anderen Produktionsstandorten des Unternehmens weiter beschäftigt zu werden. Gedacht ist offenbar vor allem an Thüringen. Der Hauptsitz des Unternehmens mit der Verwaltung soll im Rems-Murr-Kreis trotz der Verlagerung der Produktion angesiedelt bleiben. Rudersberg werde die Heimat von Weru bleiben. „Wir hoffen, für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung hier vor Ort bald wieder Büros zur Verfügung stellen zu können“, heißt es in der Mitteilung des im Jahr 1834 von dem Handwerker Christian Friedrich Eppensteiner eröffneten Betriebs.
Telefonisch ist die Weru-Zentrale noch immer nicht erreichbar
Tatsächlich ist die Weru-Zentrale nach dem Hochwasser telefonisch noch immer nicht zu erreichen. Bei einem Anruf ertönt nach wie vor eine Bandansage mit dem Hinweis: „Diese Rufnummer ist nicht vergeben.“ Weru galt bisher als einer der führenden Hersteller von Fenstern und Türen in Deutschland. In Rudersberg wurden bis zu der Hochwasserkatastrophe noch Haustüren hergestellt, auch eine Produktionslinie für teure Hebeschiebetüren war am Stammsitz angesiedelt. Verlagert werden sollen die zwei Bereiche an die Standorte Triptis und Gommla in Thüringen, wo Weru seit Jahren vor allem Glasfenster und Balkontüren herstellen lässt und der Dovista-Konzern ohnehin einen Produktionsstandort besitzt.
Der Umzug der beiden Rudersberger Herstellungslinien soll Weru in die Lage versetzen, das nachgefragte Programm zeitnah wieder liefern zu können. Im Internet sind bereits erste Warnhinweise zu finden, in denen etwa Schreinereien ihre Kundschaft über Lieferengpässe etwa bei Haustüren informieren. Das Unternehmen verweist in seiner Mitteilung ausdrücklich darauf, dass das Aus für die Produktion in Rudersberg die Zukunftsfähigkeit der Firma sichert. „Wir sind uns der Auswirkungen dieser Planung auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Familien bewusst und werden alles tun, um sie so gut wie möglich zu unterstützen“, sagt Frank Fleissner. Der Rudersberger Bürgermeister Raimon Ahrens hatte die Nachricht vom Produktions-Aus des Traditionsunternehmens nach dem Bekanntwerden als „große Enttäuschung“ bezeichnet. Die Gemeinde habe in engem Austausch versucht zu vermitteln und alles getan, um Lösungswege vor Ort aufzuzeigen.
Weru war erst Ende 2021 vom dänischen Dovista-Konzern übernommen worden, zu dem führende Fensterhersteller in ganz Europa gezählt werden. Produziert wird mit insgesamt 7500 Beschäftigten an 17 Standorten in neun Ländern. Der Fenster-Gigant aus Dänemark gehört zur VKR-Gruppe, bei der auch Konkurrent Velux beheimatet ist.