Krieg führt zu Tod, Leid und Heimatverlust. Dies ist die Geschichte einer besonderen Familie, die nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Ukraine im schwäbischen Schwieberdingen gelandet ist: Drei schwarze Schwestern, 34, 24 und 20 Jahre alt, Ukrainerinnen mit äthiopisch-jüdischen Wurzeln, die in ihrer Heimat Rapperinnen waren, finden sich gemeinsam mit ihren Eltern in der Provinz wieder, weil ein russischer Despot, dem das Testosteron zu den Ohren herauskommt, im Jahr 2022 meint, ein Land überfallen zu müssen.
Realität schlägt Fiktion im Jahr 2022
In diesen Tagen der Zeitenwende kann keine Fiktion mehr mithalten mit der Realität. Seit Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen ist, schlägt die Realität jede Fantasie. Die Serie „House of Cards“ über einen skrupellosen US-Präsidenten? Kinderkram im Vergleich zur Realität. Die Komödie „Don’t look up“ über einen Meteoriten, der auf die Erde zurast, und keiner nimmt die Gefahr so richtig ernst? In echt viel eindrucksvoller im Angesicht der Klimakatastrophe.
Folgendes Drehbuch hingegen wäre am Markt der Fiktionen wohl eher schwer vermittelbar: Zwei schwarze Studierende jüdischen Glaubens aus Äthiopien lernen sich in der Ukraine kennen, verlieben sich und bauen ein Haus für ihre drei Töchter. Die heranwachsenden Mädchen machen im Alltag Rassismuserfahrungen, weil Menschen mit schwarzer Hautfarbe in der Ostukraine eine Minderheit darstellen. „Du sprichst aber gut Russisch und Ukrainisch“, hören sie auf der Straße und ernten fassungslose Blicke, wenn sie erklären, dass sie Ukrainerinnen sind.
Die älteste Tochter rebelliert gegen ihre religiösen Eltern und überzeugt sie davon, dass man Judentum und Popmusik wunderbar unter einen Hut bringen kann. Betlehem, so heißt das Mädchen, erklärt ihrem Vater im Alter von sechs Jahren, dass sie später einmal in einem voll besetzten Stadion auftreten wird.
Rund 20 Jahre später macht sie ihre Ankündigung wahr: 2019 gründet sie mit ihren beiden Schwestern die Hip-Hop-Band Fo Sho, was im englischen Slang so viel wie „ganz im Ernst“ bedeutet. Mit ihren russischen Texten werden die Mädchen zu Popstars in der Ukraine. Sie treten auf Festivals auf und drehen psychedelische Werbeclips – zum Beispiel für einen Hersteller von Wurstwaren.
Dann beginnt der Krieg in der Ukraine. Das Haus der Familie Endale in Charkiw wird zerstört. Die Eltern und ihre drei Töchter finden im schwäbischen Schwieberdingen ein neues Zuhause, weil der Vater auf einer Konferenz in Polen einst einen guten Menschen kennenlernte, der wiederum Freunde im Schwäbischen hat. Während die mittlere Tochter Miriam nach der Flucht keinen Sinn mehr für Musik hat, sondern die Spenden für die in der Heimat Zurückgebliebenen in die richtigen Bahnen lenkt, machen zwei der drei jungen Frauen mit ihrer Band weiter, treten in Hamburg, Stuttgart und in Ungarn auf. Das klingt unrealistisch? Ist aber die Wahrheit.
Betty und Siona Endale bringen an diesem Sommermorgen große Weltpolitik nach Downtown Schwieberdingen. In einer Bäckerei mit angeschlossenem Café erzählen sie ihre Geschichte und untermauern einzelne Details mit Fotos und Videos auf ihren Handys: die abenteuerliche Flucht der Familie aus Charkiw mit Katze, aber zunächst ohne Betty, die erst in Kiew und dann in Odessa ist. Zwei lange Wochen im Bunker. Ein Kampf um die letzten freien Plätze im Zug. Erst die siebte Bahn nach Kiew soll es sein.
Panikattacken in Odessa
Siona erzählt von sanitären Anlagen, die nicht mehr funktionieren. Der Zielbahnhof von Kiew wird aus der Luft beschossen. Ihre Schwester Betty hat in Odessa Panikattacken, weil die Familie nicht mehr ans Telefon geht. Die Handys sollten nicht mehr benutzt werden, damit die russische Armee den Zug nicht orten kann. Langsam schleicht die Bahn ohne Beleuchtung in Richtung ukrainische Hauptstadt. Anschließend schafft es die Familie weiter bis nach Lwiw an der Grenze. Von dort aus geht es weiter nach Polen. „Nach 24 Stunden im Zug waren wir superschmutzig, es war eiskalt“, erinnert sich Siona.
Betty schafft es derweil von Odessa mit einem Bus der jüdischen Gemeinde über die Republik Moldau ins rumänische Bukarest und von dort aus mit dem Flieger nach Stuttgart, wo sie von der ihr bis dato völlig fremden Schwieberdingerin Jutta Planitzer am Flughafen abgeholt wird. „Ich lerne von Juttas Großzügigkeit. Dass sie eine ihr unbekannte Familie aufnimmt, ist so großherzig und großzügig“, sagt Betty. Nach zwei einsamen Tagen in Schwieberdingen, an denen sie die traditionelle Rote-Bete-Suppe Borschtsch kocht, kann sie ihre Familie endlich wieder in ihre Arme schließen.
Unbeholfene Fieldreporter-Frage: Wie geht es den Schwestern in Schwieberdingen, während ihre Heimat kaputtgebombt wird? „Hier ist es so friedlich, vom Kopf her sind wir aber immer noch im Krieg“, sagt Betty und zeigt Fotos von einem Regisseur und von Musikern, die ihre Instrumente gegen Waffen eintauschten und an der Front kämpfen.
Die Schwestern versuchen, ihr Land aus der Ferne zu unterstützen: „Wir sind im Krieg, die Ukraine verteidigt die Europäische Union. Warum kauft ihr in der Situation noch russisches Gas? Ihr seid von den Gaslieferungen abhängig und wir jetzt auch, wo wir hier in Deutschland sind. Man sollte aber aufhören, den Krieg zu sponsern“, sagt Betty.
Betlehem ist Zahnärztin und Rapperin
Wegen Michael Jackson und Boney M. fand sie einst zum Pop. Auf Wunsch der Eltern wurde sie neben der Musik Zahnärztin. Mit ihrer Band rappten die Schwestern dann auf Russisch. „Wir sprechen Russisch, wir denken Russisch, deshalb kam Putin, um uns zu befreien“, sagt Betty Endale mit einer großen Portion Sarkasmus und erzählt, wie sie mit russischem Fernsehen aufgewachsen ist – und wie hohler es von Jahr zu Jahr wurde.
„Russland ist außerhalb von Moskau, Sotschi oder St. Petersburg ein armes Land. Putin und seine hirnlosen Anhänger haben das Land in die Armut geführt und das Bildungssystem kaputt gemacht“, sagt Betty. In welcher Sprache träumen die Schwestern? „Russisch vermischt mit Ukrainisch“, sagt Siona. Seit Kriegsbeginn sprechen die Schwestern außerhalb ihrer Träume nur noch Ukrainisch.
Raus aus dem Café. Die Tauschbücherwand wird vor dem Fotoshooting als Schminkspiegel zweckentfremdet. Zwischen zwei Fotos erzählen die beiden davon, dass Charkiw – mit gehauchtem H am Wortanfang – die Hip-Hop-Stadt der Ukraine gewesen und dass Stuttgart auch eine Stadt der Hip-Hop-Kultur sei. Wie seltsam sich manchmal alles füge.
Zum Schluss geht es nach Ludwigsburg ins Landratsamt. Knapp vorbei an Bietigheim, Heimat erfolgreicher Deutschrapper. Wir legen Rin auf („Wow!“) und Shindy („Der klingt wie wir“) und spielen dann eine Fo-Sho-Single. Die Damen singen auf der Rücksitzbank mit. Ein Moment zum Festhalten. Musik bleibt einfach die schönste Sprache einer Welt. Auch Putin bringt sie nicht zum Verstummen.
Konzert Die Schwestern treten mit ihrer Band Fo Sho beim About-Pop-Festival am 23. Juli um 17.45 Uhr im Wizemann in Stuttgart auf.