Förderprogramm an der Uni Konstanz „Die jungen Syrer sind überaus motiviert“

Von Willi Reiners 

Die Universität Konstanz hat 220 syrische Top-Studenten auf die Rückkehr in ihre Heimat vorbereitet. Der Kursleiter und Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibert zeigt sich begeistert von ihrem Niveau und ihrer Leistungsbereitschaft.

Zerstörte Metropole Aleppo: Der Wiederaufbau wird lange dauern. Foto: Uni Konstanz,  AP
Zerstörte Metropole Aleppo: Der Wiederaufbau wird lange dauern. Foto: Uni Konstanz, AP

Konstanz - Wie baut man ein vom Krieg zerstörtes Land wieder auf? Die Uni Konstanz hat junge Syrer dafür trainiert. Der Kursleiter und Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel zeigt sich begeistert von Niveau und Leistungsbereitschaft der Studenten.

Herr Seibel, Sie haben in den vergangenen Monaten syrische Studenten auf den Wiederaufbau ihres Landes vorbereitet. Welchen Eindruck haben Sie von ihnen gewonnen?
Einen sehr positiven. Die jungen Syrer sind überaus motiviert. Ihnen ist sehr bewusst, dass sie privilegiert sind. Sie sind dankbar dafür, dass sie in Deutschland studieren dürfen. Es gab ja mehr als 5000 Bewerber für das Förderprogramm. 220 haben es am Ende in das Programm geschafft, allesamt hoch intelligent und qualifiziert. Es hat Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten.
Der Bürgerkrieg hat weite Teile Syriens in Trümmer gelegt. Wie blicken die jungen Syrer auf ihre Heimat?
Die Unsicherheit ist natürlich groß. Viele haben den Bürgerkrieg selbst erlebt. Und viele haben nahe Angehörige im Land, von denen nicht alle in sicheren Gebieten leben. Entsprechend abwartend ist die Haltung der meisten jungen Syrer.
Wie beurteilen sie die politische Lage in ihrer Heimat?
Bei den Präsenzveranstaltungen in Konstanz waren etwa 200 Syrer dabei, die an 49 Hochschulen in ganz Deutschland studieren, darunter knapp 50 Prozent Frauen. Die Teilnehmer kannten sich ganz überwiegend nicht, als sie im vergangenen Herbst erstmals zusammentrafen. Alle politischen Überzeugungen und Lager waren vertreten, so wie wir das im Vorfeld auch erwartet hatten. Entsprechend gab es in den Workshops teils heftige Diskussionen.
Sie haben demnach auch einen Eindruck davon gewinnen können, wie zerrissen und verfeindet das Land ist?
Ja, allerdings haben wir von vornherein klar gemacht, dass wir unsererseits nicht über den Konflikt in Syrien reden. Weder in den Unterrichtseinheiten, die im Netz abrufbar waren für die Teilnehmer, noch bei den Veranstaltungen in Konstanz.
Welche Fähigkeiten braucht man, um ein Land wieder aufzubauen, das in jeder Hinsicht in Trümmern liegt? Wo haben Sie angesetzt?
Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hatte drei Schwerpunkte vorgegeben. Es ging uns darum, die Grundlagen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie des nachhaltigen Wirtschaftens zu vermitteln. Zudem wollten wir die persönliche Führungskompetenz stärken.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wir haben beispielsweise den angehenden Bauingenieuren erklärt, warum es wichtig ist, Planung und Bau einer Brücke korruptionsfrei abzuwickeln. Bestechung sorgt nämlich oft dafür, dass Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden.
Kann man unsere Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit auf ein Land wie Syrien übertragen?
Es geht sicher nicht um eine Übertragung im Maßstab eins zu eins. Aber Rechtsstaatlichkeit ist eine Voraussetzung dafür, dass eine Zivilgesellschaft entstehen kann. Ohne zivilgesellschaftliche Strukturen wiederum wird der Wiederaufbau sehr schwer. Angehende Ärzte, die Reihenimpfungen planen, oder künftige Apotheker, die Medikamente in großem Maßstab verteilen müssen, werden das ohne solche Strukturen kaum schaffen. Die staatliche Ordnung liegt ja vielerorts in Trümmern. Es geht in einer Nach-Bürgerkriegsgesellschaft vor allem darum, Vertrauen wieder herzustellen. Die Menschen müssen lernen, dass man zusammenarbeiten kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen – nämlich das Land wieder aufzubauen.
Haben die jungen Syrer diesen Spirit mitgenommen?
Unser Eindruck war, dass viele künftig einen Beitrag zum Wiederaufbau ihrer Heimat leisten möchten. Wir haben ihnen auch deutlich gemacht, dass aus der Chance, sich in Deutschland ausbilden lassen zu können, eine persönliche Verantwortung folgt, etwas zurückzugeben. Wann und unter welchen Umständen das geschieht, das kann natürlich derzeit niemand beantworten.
Das hängt von der weiteren Entwicklung in Syrien ab.
So ist es. Unser Programm zielt darauf ab, Hoffnung zu machen. Hunderttausende Menschen sind aus Syrien geflohen. Wir müssen ihnen die Zuversicht geben, dass es sich lohnt, zurückzukehren. Unsere Absolventen können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.