Herr Wohlleben, warum interessieren die Menschen sich so sehr für den Wald?
Viele Menschen, die in dicht besiedelten Landschaften leben, sehnen sich nach Ursprünglichkeit und Geborgenheit – und die finden sie im Wald. Bei den Gebrüdern Grimm hat der dunkle Wald noch etwas Bedrohliches. Aber jetzt merken wir: „Immer größere Teile unserer grünen Lunge sind geschädigt oder komplett zerstört.“ Das führt zur Erkenntnis: „Wir wollten doch gar nicht so mit ihm umgehen. Wir müssen die verbleibenden Wälder schützen.“
Wie geht es dem deutschen Wald?
Dem noch halbwegs ursprünglichen Wald geht es gut. Den alten, intakten Laubwäldern haben die trockenen und heißen Sommer der letzten Jahre nicht allzu sehr geschadet. Aber den stark bewirtschafteten Forstplantagen geht es schlecht bis katastrophal. Deutschland verliert derzeit nach offiziellen Angaben pro Jahr ein bis anderthalb Prozent seiner Waldfläche, de facto ist es wahrscheinlich noch deutlich mehr. Durch den Klimawandel beschleunigt sich diese Entwicklung rasant. Wir werden so in Deutschland innerhalb der nächsten zehn Jahre voraussichtlich die Hälfte der Waldfläche verlieren.
Was setzt dem Wald zu?
Der größte Stressfaktor für den Wald ist die Forstwirtschaft. Über die Hälfte der Bäume in unseren Wäldern sind nicht heimische Nadelbäume. Sie wachsen vor allem in großen Fichten- und Kiefern-Plantagen. Diese Bäume sterben jetzt großflächig ab, weil es Baumarten aus dem hohen Norden sind, die es kalt und feucht brauchen. Bis zu 70 Tonnen schwere Holzernte-Maschinen, sogenannte Harvester, verdichten den Waldboden so sehr, dass er im Winter nicht mehr genug Wasser für trockene Sommer speichern kann. Der Auslöser für das Waldsterben ist also der Klimawandel, die Ursache jedoch überwiegend die Forstwirtschaft.
Was muss sich ändern?
Wir müssen weg von der völlig auf Holzertrag fokussierten Bewirtschaftung unserer Wälder. Die Kühlungs- und die Wasserspeicherfunktion muss einen höheren Stellenwert erhalten. Wir müssen gewährleisten, dass das Ökosystem Wald arbeitsfähig bleibt. Erst dann können wir schauen, wie viel wir ihm trotz Klimawandel abverlangen können. Ich plädiere dafür, den Wald sich weitestgehend selbst zu überlassen. Er kann sich am besten selbst an die sich verändernden Bedingungen anpassen.
Viele fordern eine Ausdehnung der Jagd auf Rehe, weil sie gern junge Baumtriebe fressen. Kann der Wolf in Deutschland den Jäger ersetzen?
Zunächst einmal finde ich es gut, dass der Wolf nach Deutschland zurückgekehrt ist, denn er gehört hier hin. Aber der Wolf ist kein Heilsbringer. Er ist nur ein interessantes Tier. Genau wie eine Amsel oder ein Eichhörnchen. Aber bei denen fragt keiner: Wozu sind die gut? Beim Wolf hingegen wird immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht. Das wird dem Wolf nicht gerecht.
Kann der Wolf die Rehpopulation in Deutschland regulieren?
Der Wolf kann lokale Schwankungen in der Population hervorrufen und so vereinzelt dazu beitragen, dass junge Bäume besser wachsen. Aber er kann nicht flächendeckend Wildbestände signifikant reduzieren. Dazu gibt es in Deutschland viel zu wenig Wölfe.
Sie haben es geschafft, Popstar-Status zu erlangen. Aber weil Sie viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen scharf kritisieren, kritisieren viele Försterinnen und Förster auch Sie. Genießen Sie diese Außenseiterposition?
Nein, aber ich kann damit gut leben, auch weil ich in ein großes Netzwerk von Experten und Expertinnen aus Forstwirtschaft, Wissenschaft und Politik eingebettet bin. Mir geht es nicht ums Rechthaben. Mir geht es darum, dass wir ins Gespräch kommen und gemeinsam überlegen, was wir vom Wald wollen und was er für uns leisten kann.
Was kann jeder Einzelne tun, um den Wald zu schützen?
Ich bin kein Fan davon, die Verantwortung für den Schutz auf Einzelpersonen abzuschieben. Es sind staatliche Aufgaben. Nichtsdestotrotz kann jeder einzelne etwas tun. Weniger Fleisch essen zum Beispiel hilft, weil überall auf der Welt Wälder gerodet werden, um Weideflächen oder Äcker für den Futtermittelanbau zu schaffen.
Ich nehme an, Sie sind Vegetarier.
Ja, seit viereinhalb Jahren. Dabei finde ich Fleisch total lecker. Ich verzichte darauf aus ökologischen Gründen. Ich will niemandem den Fleischkonsum verbieten. Aber wenn wir in Deutschland zum klassischen Sonntagsbraten zurückkehren würden, also nur ein Mal in der Woche Fleisch essen würden, könnten wir 50 000 Quadratkilometer, mehr als die Fläche Niedersachsens, wiederbewalden und die deutsche Waldfläche um 50 Prozent erhöhen. Riesige Wälder könnten entstehen, es würde kühler und feuchter werden und mehr regnen.
Ihre Bestseller haben Sie reich gemacht. Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Das ist eine sehr private Frage, auf die meisten Menschen wahrscheinlich gar nicht antworten würden, aber ich mache es trotzdem. Ich habe eine gemeinnützige GmbH gegründet, die unter anderem gegen illegale Kahlschläge in Deutschland vorgeht. Der Großteil der Honorare fließt jedoch in Gebäude für die Waldakademie. Hier kann man sich zur zertifizierten Waldführerin oder zum zertifizierten Waldführer ausbilden lassen. Zudem bietet sie Walderlebnisse an. Außerdem beraten wir Waldbesitzende, Unternehmen und Kommunen, wie sie Wald schützen und nachhaltig nutzen können und arbeiten eng mit der Wissenschaft zusammen, um Forschung zu unterstützen und Wissen zu vermitteln. Und es gibt ein Urwaldprojekt, in dem alte Laubwälder in Deutschland angepachtet und geschützt werden.
Die Prognosen zum Waldsterben in Ihrem Buch „Waldwissen“ sind wenig optimistisch. Gibt es noch Hoffnung?
Ja. Ich habe das Buch zusammen mit Professor Pierre Ibisch geschrieben, eben weil der Wald noch zu retten ist. Aber um zu wissen, wie es um ihn steht, muss man erst mal eine ehrliche und schonungslose Bestandsaufnahme machen. Wenn wir weiterhin auf konventionelle Forstwirtschaft setzen, werden wir noch mehr Wald verlieren. Aber: Der Wald ist sehr wohl in der Lage, sich selbst zu regenerieren und an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen – wenn wir ihn nur lassen.
Es ist noch nicht zu spät?
Nein! Aber wir müssen jetzt reagieren. Je früher wir auf die Bremse treten, desto kürzer wird der Rückweg.