Folgen der Arbeitslosigkeit Das Gefühl, überflüssig zu sein

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Ein Soziologe hat untersucht, wie Menschen reagieren, wenn sie ihren Job verlieren. Nicht jedem geht es schlecht dabei. Doch viele leiden unter Nervosität und Erschöpfung. Der Experte empfiehlt aber, nicht gleich auf Pillen und Psychotherapie zurückzugreifen.

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Bremen - Der Jurist ist 40 Jahre alt, kinderlos und freut sich nach 15 Jahren Führungsverantwortung auf eine berufliche Auszeit. Geschickt fädelt er seine Arbeitslosigkeit ein und bricht mit seiner Lebensgefährtin zu einer mehrmonatigen Weltreise auf. Wieder daheim, weiß er sein Leben mit Kochen, Sport, Sprachenlernen und Freunde treffen angenehm zu gestalten. „Die Auszeit empfindet der Mann deshalb als so erfüllend, weil er zum einen kulturelles Kapital wie Lesen und Sprachenlernen besitzt, sich also sinnvoll zu beschäftigen weiß, zweitens Sozialkapital in Form finanzieller Ressourcen hat und drittens in der Illusion lebt, jederzeit in den Beruf zurückzukönnen“, erklärt der Bremer Soziologe Benedikt Rogge.

Arbeitslosigkeit mache nicht immer krank, sie werde von manchen auch als Gewinn gesehen, korrigiert Rogge das Klischee. Für seine Studie „Wie uns Arbeitslosigkeit unter die Haut geht“ hat der Bremer Wissenschaftler 60 Interviews mit Kurz- und Langzeitarbeitslosen geführt. Ergebnis: männliche Singles haben ein besonders hohes Risiko, sich hängen zu lassen und ab­zurutschen. Am wenigsten belastet scheinen dagegen Arbeitslose zu sein, die in kinderlosen Partnerschaften leben. Familienväter und -mütter sind hingegen schwer belastet aufgrund ihrer Verantwortung für die Kinder; zugleich können Kinder aber auch eine positive Motivation sein.

Nicht nur der Familien-, auch der Bildungsstand bewirkt Unterschiede: So erholen sich Hochqualifizierte recht gut von ihrem Fall, während sich Personen der unteren Mittelschicht besonders mitgenommen fühlen. „Oft haben sie sich zuvor sozusagen nach Stammtischmanier von den Arbeitslosen distanziert und sind deshalb umso stärker betroffen, plötzlich selbst arbeitslos zu werden“, berichtet Rogge, der fünf Verhaltensmuster bei Arbeitslosen festgestellt hat.

Erwerbsarbeit ist nicht gleich Lebensqualität, sagt der Experte

So sehen sich gering qualifizierte Menschen mit prekären Erwerbsbiografien typischerweise als „normale Arbeitslose“. Ob sie arbeiten oder nicht, spielt für ihr persönliches Wohlbefinden keine große Rolle. Sie rechnen fest damit, immer wieder Arbeit zu finden, und sind bereit, sich in Niedriglohnjobs zu verdingen, falls das Arbeitslosengeld ausläuft.

Im „Befreiungsmodus“ befinden sich Arbeitslose wie der eingangs erwähnte Jurist. Sie verfügen über hohe materielle und berufliche Ressourcen und kultivieren ihre Freizeit. Arbeitslosigkeit bedeutet für sie höhere Lebensqualität, die sie oft selbst gewählt haben. Ihnen geht es psychisch oft besser als während der Berufstätigkeit. Dank ihrer guten Qualifikation rechnen sie fest mit einer Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Im „Kampfmodus“ befinden sich hingegen jene Arbeitslose, die Angst haben, auf Dauer sozial abzurutschen. Ihr Alltag besteht oft nur noch aus Arbeits­suche, Nervosität und Erschöpfung. Die sozialen Beziehungen leiden. In diesem Modus sind vor allem Familienväter und ­-mütter anzutreffen. Diese Gruppe weist Symp­tome für Depression, Ängstlichkeit und Aggressivität auf, die die Schwelle zur ­klinischen Relevanz bereits überschritten haben.

Zwei weitere Verhaltensmuster sieht Rogge bei Langzeitarbeitslosen. Die einen haben keine Hoffnung mehr, in ihr altes Leben zurückzukehren. Ihr Alltag ist von Resignation bestimmt, sozial sind sie abgekapselt. Die psychische Gesundheit auch dieser Gruppe ist stark beeinträchtigt.

Von „Transformationsmodus“ spricht Rogge hingegen bei Langzeitarbeitslosen, die sich mit ihrer Situation abgefunden haben. Sie entwickeln eine gelingende Lebensführung außerhalb des Arbeitsmarktes, solidarisieren sich mit anderen in ähnlichen Umständen, leben sparsam und deuten ihre Arbeitslosigkeit um, was sie vor Stigmatisierung schützt. Viele Betroffene haben zwar eine psychische Krise durchgemacht, ihr Gesundheitszustand hat sich aber wieder stabilisiert.

„Die schwarz-weiß-malerische Identifikation von Erwerbsarbeit gleich Lebensqualität greift zu kurz“, sagt Rogge. Ein „prekarisierter Arbeitsmarkt“ verwische zunehmend die Grenzen zwischen objektivem Erwerbsstatus und subjektivem Empfinden. Entscheidend für das psychische Wohlbefinden des Arbeitslosen sei zudem, ob und in welchem Ausmaß das Umfeld darauf reagiere. „Wo Arbeitslosigkeit flächendeckend stigmatisiert, tabuisiert oder katastrophiert wird, wächst der Druck auf die Betroffenen, was wiederum ihre psychische Gesundheit beeinträchtigt.“

Vom Befreiungsgefühl auf Kampfmodus umschalten

Das gelte auch für den privaten Bereich, betont Rogge: Wenn der Lebenspartner aggressiv die Devise „Fordern und Fördern“ vertrete, etwa indem er Rechenschaft über die erfolgten Bewerbungsbemühungen des Partners einfordere, beeinträchtige das dessen seelische Gesundheit. Werde Arbeitslosigkeit hingegen von den eigenen Bezugspersonen als „normal“ oder sogar „erstrebenswert“ betrachtet, reduziere sich auch die psychische Belastung.

Wer als Vater oder Mutter dem „Kampfmodus“ entkomme und seine Wunscharbeit gefunden habe, spüre meist eine sprunghafte Verbesserung seines Befindens. „Die psychischen und physischen Beschwerden sind dann oft wie weggeblasen“, sagt Rogge und sieht das auch als Beweis dafür, dass psychische Krankheit bei Arbeitslosen ein soziales und kein pathologisches Phänomen ist. Rogge lehnt es deshalb ab, Arbeitslosigkeit mit Pillen und Psychotherapie zu bekämpfen und von einer „posttraumatischen Verbitterungsstörung“ zu sprechen, wie es manche Mediziner tun: „Dadurch wird Arbeitslosigkeit primär zu einem Problem des Gesundheitssystems und nicht mehr der Sozialpolitik.“ Arbeitslose Menschen seien nicht zwingend psychisch krank, sondern aus sozialen Gründen „unnütz“ gewordene Normale und darüber natürlich verbittert.

Die Auszeit des 40-jährigen Juristen entpuppte sich übrigens als Falle, er blieb länger arbeitslos als geplant. Erst empfand er seine Arbeitslosigkeit als Befreiung, doch es blieb ihm nicht erspart, in den „Kampfmodus“ zu wechseln.

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