Folgen der Bildungsreform Aus 15 werden 17 – Stuttgart gründet zwei weitere Realschulen
Die Stadt Stuttgart verabschiedet sich von der Werkrealschule. Was bedeutet das für die Schulstandorte? Und was für die Realschulen? Erste Antworten.
Die Stadt Stuttgart verabschiedet sich von der Werkrealschule. Was bedeutet das für die Schulstandorte? Und was für die Realschulen? Erste Antworten.
Die Stuttgarter Schullandschaft befindet sich wegen der Bildungsreform im Umbruch. Das betrifft nicht nur die in Zukunft neunjährigen Gymnasien, sondern wegen des Wegfalls des Werkrealschulabschlusses auch die Schulen der Sekundarstufe Eins. Noch gibt es in der Landeshauptstadt sieben Werkrealschulen, 15 Realschulen und acht Gemeinschaftsschulen. Doch dabei wird es nicht bleiben.
Die Stadt Stuttgart hat nun im Schulbeirat vorgestellt, wo die Reise für diese hingehen soll – und dabei auch versucht, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Man habe sich vorgenommen, sich nicht darauf zu fokussieren, Mängel zu verwalten, sondern im neuen Schulgesetz eine Chance zu sehen, sagte Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer. „Stuttgart hat die Chance, Vorreiter zu werden“, meinte Fezer. Sie reagierte damit auch auf den Bericht des geschäftsführenden Schulleiters Gerhard Menrad, dass ihn derzeit vor allem aus Realschulen „viele Bedenken“ und „Sorgen“ erreichten.
Doch was ist nun konkret geplant? Die Werkrealschule soll in Stuttgart tatsächlich zum Auslaufmodell werden. Die Stadt will sich von dieser Schulart sukzessive verabschieden – und dafür die Real- und Gemeinschaftsschulen stärken. Dies soll auch dadurch geschehen, dass mindestens zwei Werkrealschulen in Realschulen umgewandelt werden. Ausgewählt wurden laut Fezer:
Die übrigen Grund- und Werkrealschulen sollen zu reinen Grundschulen werden. Allerdings könnte in die Planungen noch Bewegung kommen, weil die Ergebnisse aus den Gesprächen in den Bezirken noch nicht komplett in die Planungen eingeflossen sind und zum Teil noch Gespräche laufen. Vor allem die Grund- und Werkrealschule in Wangen darf sich Hoffnungen machen. Sie ist die einzige weiterführende Schule in dem Bezirk – entsprechend groß ist dort die Sorge. Diesen Fall werde man sich nochmal genauer ansehen, versprach Fezer.
Dass die Stadt dringend handeln muss, zeigt sich auch an den aktuellen Anmeldezahlen für die Werkrealschule. Für das neue Schuljahr wurden nur noch 138 Schüler in ganz Stuttgart für diese Schulart angemeldet (minus 23,8 Prozent) – drei der sieben Werkrealschulen haben der Stadt zufolge weniger als 16 Anmeldungen, erfüllen also nicht die Mindestschüleranzahl. Sie können keine Eingangsklasse bilden. Dass neue Schüler an dieser nur noch den Hauptschulabschluss machen können, wirkt sich also deutlich aus.
Schon zuvor sei es laut Schulverwaltungsamt so gewesen, dass nur eine Minderheit der Viertklässler mit einer Empfehlung für die Werkrealschule überhaupt auf diese Schulart gewechselt sei. Im Schuljahr 2023/24 waren es gerade mal 16,4 Prozent. Die Schulbürgermeisterin erwartet weitere „Erosionsprozesse“, versprach aber auch, dass man die Werkrealschulen damit nicht allein lassen werde. Deren Unterstützung sei „ein zentraler Punkt“.
Im ihrem Referat geht man davon aus, dass wegen der sinkenden Nachfrage mehr Plätze an Gemeinschaftsschulen und Realschulen benötigt werden – und dass diese auch pädagogisch gestärkt werden müssen, um der Schülerschaft der Werkrealschule gerecht werden zu können. Man habe auch einen qualitativen Anspruch, so Schulverwaltungsamtsleiterin Kerstin Niendorf.
Der geschäftsführende Schulleiter der sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, Michael Hirn, wies auf den Aspekt hin, dass ein Teil der Schülerinnen und Schüler der Werkrealschule im Grenzbereich zum SBBZ, also zur Förderschule, seien. Diesen mache die Werkrealschule „oft ein gutes Angebot“. Die Realschulen müssten hier stärker „befähigt werden“.
Auch im Gemeinderat glaubt man, dass auf die Realschulen nun größere Belastungen zukommen. Entsprechend äußerten sich zum Beispiel CDU-Stadträtin Anita von Brühl, aber auch Manja Reinhold (Die Linke). Jasmin Meergans (SPD) machte keinen Hehl daraus, dass sie die Änderung des Schulgesetzes kritisch sieht, würdigte aber, dass die Stadt lieber „proaktiv“ handele als die Standorte der Werkrealschulen unkontrolliert auslaufen zu lassen. Grünen-Stadtrat Fabian Reger fragte, warum die Stadt nicht auch die Gründung einer Gemeinschaftsschule plane. Niels Foitzik (AfD) wiederum begrüßte, dass die Grundschulempfehlung verbindlicher werde. Die Hauptschule sei „keine Endhaltestelle“, sagte er.
Wie geht es nun weiter? Nach dem ersten „Sachstand“, wie Niendorf sagte, soll im Oktober die Vorlage über die Aufhebung der Werkrealschulen und Neuausrichtung der Schulen eingebracht werden. Die Beschlussfassung durch den Gemeinderat soll möglichst Anfang November erfolgen.