Folgen der Corona-Krise Vereine fürchten Welle von Nicht-Schwimmern

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Wegen des Lockdowns mussten viele Schwimmstunden ausfallen. Die ohnehin schon umfangreichen Wartelisten können kaum abgearbeitet werden, denn wegen der Abstandsregeln sind die Kapazitäten der Bäder stark begrenzt. Und es gibt noch ein anderes Problem.

Für einige Schwimmkurse könnte es künftig einen Corona-Zuschlag geben. Foto: dpa/Roland Weihrauch
Für einige Schwimmkurse könnte es künftig einen Corona-Zuschlag geben. Foto: dpa/Roland Weihrauch

Stuttgart/Filderstadt - Die Badeseen in der Region sind überfüllt. Die Freibäder auf der Filderebene, für die wegen der Pandemie Karten vorbestellt werden müssen, sind ausgebucht. Schwimmen als Freizeitbeschäftigung steht hoch im Kurs. Doch immer mehr Kinder sind unsicher im Wasser. Das mahnen Vereine wie die DLRG seit Jahren an. Und dieses Problem hat sich mit der Corona-Krise verschärft. Denn wegen des Lockdowns, waren die Hallenbäder im Land monatelang geschlossen. Schwimmkurse waren nicht mehr möglich. Die Landesschwimmverbände Baden und Württemberg fürchten nun eine Welle von Nicht-Schwimmern.

Erst seit dem 1. Juli sind Kurse mit Hilfestellung durch einen Übungsleiter wieder erlaubt. Doch zunächst war zu klären, was unter Corona-Bedingungen an Vorsichtsmaßnahmen nötig ist. Gemeinsam mit dem Deutschen Schwimm-Verband verfassten die Landeschwimmverbände einen Leitfaden. „Unsere Vereine haben diesen natürlich sofort anwenden wollen, sind aber gerade zu Beginn auf zurückhaltende Badbetreiber getroffen“, sagt Emanuel Vailakis. Dies habe mehrere Gründe gehabt, ergänzt der Geschäftsführer des Württembergischen Schwimm-Verbands: Auf der einen Seite Verunsicherung in Bezug auf die Ansteckungsrisiken bei der nicht-kontaktfreien Schwimmausbildung. Auf der anderen Seite das Bemühen, bei reduzierten Besucherzahlen die Betriebskosten zu senken beziehungsweise zahlende Gäste in die Bäder zu bekommen. „Das ist zwar aus ökonomischer Sicht nachvollziehbar, verschärft aber das gesellschaftliche Problem der nachlassenden Schwimmfähigkeit“, sagt Vailakis.

Wann machen die Hallenbäder nach der Freibadsaison wieder auf?

2019 hatten die 300 Schwimmvereine im Land mehr als 25 000 Schwimmabzeichen vergeben. Für 2020 rechnen die Verbände mit einem Rückgang von bis zu 80 Prozent. „Dies wären im schlimmsten Fall über 20 000 Kinder, die in diesem Jahr wortwörtlich auf dem Trockenen sitzen geblieben sind“, sagt Vailakis. Einen Masterplan, wie dies aufgearbeitet werden könne, gebe es nicht. Denn schon vor der Corona-Krise habe es lange Wartelisten für Schwimmkurse gegeben. Das Problem: Es fehlt an Wasserflächen. In Stuttgart wird darüber seit einiger Zeit immer wieder diskutiert. In der Corona-Krise spitze sich die Situation zu, sagt Vailakis. Denn unter Pandemiebedingungen sei es fraglich, welche Hallenbäder nach der Freibadsaison wann und in welchem Umfang wieder öffnen.

Alexander Wolff hat in Stuttgart den Überblick. Er ist der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft schwimmsporttreibender Vereine (AGS) und rechnet vor: Jährlich gebe es etwa 4700 Erstklässler, die potenziell einen Schwimmkurs brauchen. Die Kurskapazitäten reichen für etwa 3500 Kinder, der Rest kommt auf die Warteliste, wodurch es ohnehin schon einen Stau gebe. Wegen der Bäderschließungen aufgrund der Corona-Krise sei nun obendrein ein kompletter Zyklus ausgefallen, also etwa 50 Prozent der Kurse eines Jahres. Dadurch entstehe ein Nachholbedarf. Gleichzeitig müssen Kurse unter Pandemiebedingungen künftig kleiner sein, und zwei Kurse parallel geht nicht, weil die Abstände dann nicht mehr eingehalten werden können. Zudem werden die Zeiten knapper, weil häufiger und gründlicher geputzt werden muss.

Für viele Vereine sind Schwimmkurse ein wichtiger Pfeiler der Finanzierung

Für Vereine habe das auch eine finanzielle Komponente, denn für viele seien die Kurse ein wichtiger Pfeiler der Finanzierung, sagt Vailakis. Das bestätigt Alexander Wolff. „Es reißt Lücken“, sagt er – und spricht aus eigener Erfahrung. Denn Wolff ist auch der Vorsitzende des Schwimmerbunds Schwaben in Stuttgart-Schönberg. Der Verein wollte im kommenden Jahr sein Vereinsgebäude sanieren. Dafür hatten die Stadt und der Landessportbund bereits Zuschüsse in Höhe von etwa 60 Prozent der Gesamtkosten zugesagt. 40 Prozent hätte der Verein selbst gestemmt. „Dieses Geld habe ich nun nicht mehr“, sagt Wolff. Der Verein müsse darum mit den Zuschussgebern verhandeln, ob sich die Sanierung verschieben lasse.

Dennoch ist Wolff weit davon entfernt, kein Land mehr zu sehen. Von der Krise seien alle betroffen, sagt er. Und nur wenn alle zusammenhalten, lassen sich die Folgen abmildern. In diesem Zusammenhang lobt Wolff die konstruktive Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Bäderbetrieben. „Wir haben immer sehr schnell pragmatische Lösungen gefunden. Da war die AGS sehr zufrieden“, sagt Wolff. So hätten die Vereine aktuell zum Beispiel die Möglichkeit in den Freibädern in Vaihingen und Möhringen zu trainieren.

Für neue Kurse könnte es einen Corona-Aufschlag geben

Die Schwimmabteilung des TSV Bernhausen bietet keine klassischen Schwimmkurs an, dafür aber Wassergewöhnungskurse für Kindergartenkinder. In den vergangenen Monaten mussten die jedoch ausfallen. „Das kostet uns einige Tausend Euro, mit denen wir normalerweise unseren Wettkampfsport quersubventionieren“, sagt der Abteilungsleiter Siegfried Steiner. Auf der anderen Seite habe der Verein aktuell aber auch weniger Ausgaben, weil Anmeldegebühren für Wettkämpfe und Honorare für Trainer entfallen seien. „Und wir hatten Glück, dass wir Anfang März, also kurz vor dem Lockdown, noch unseren eigenen Wettkampf ausrichten konnten“, sagt Steiner. Dieser sei eine wichtige Einnahmequelle.

Sobald die Voraussetzungen gegeben sind, will der TSV Bernhausen bereits gebuchte aber ausgefallene Kurseinheiten nachholen – zu den alten Konditionen. Was neue Kurse betrifft, werde es womöglich einen Corona-Aufschlag geben, weil die Kurse kleiner sein müssen, so Steiner.

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