InterviewFolgen der Geldpolitik „Die niedrigen Zinsen haben fatale Nebenwirkungen“

Von Sabine Marquard 

Die Menschen müssen im Alter mit erheblichen Einschnitten rechnen, warnt Peter Schneider. Der Präsident des Sparkassenverbands führt aus, warum es fatal wäre, „wenn wir noch Jahre die expansive Geldpolitik aushalten müssten“.

Der baden-württembergische Verbandspräsident Peter Schneider sieht es kritisch, wenn chinesische Investoren gezielt deutsche Firmen mit ihrem Know-how aufkaufen, die „uns die Stellung als Marktführer sichern“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der baden-württembergische Verbandspräsident Peter Schneider sieht es kritisch, wenn chinesische Investoren gezielt deutsche Firmen mit ihrem Know-how aufkaufen, die „uns die Stellung als Marktführer sichern“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Chinesische Investoren kaufen gezielt Anteile an deutschen Firmen, die in Forschung und Entwicklung führend sind, sagt der Präsident des Sparkassenverbands Peter Schneider und warnt: „Wir sollten auf die Kronjuwelen in unserem Land besser aufpassen“.

Herr Schneider, die Sparkassen lechzen nach Zinserhöhungen, haben sie unlängst gesagt. Viele Sparer auch. Aber eine spürbare Zinserhöhung wird vorerst ausbleiben?

Unsere Prognosen sind seit langem, dass es während der Präsidentschaft von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank keine Abkehr von der Niedrigzinsphase geben wird. Jetzt ist die Frage: Was kommt danach? Die Entscheidung, wer Nachfolger wird, hängt von vielem ab. Ich würde mir eine Rückkehr zur Normalität wünschen – so wie sie die Amerikaner eingeleitet haben.

Sie rechnen in absehbarer Zeit damit?

Es wäre fatal, wenn wir noch Jahre diese expansive Geldpolitik aushalten müssten. Der Druck für das Finanzgewerbe insgesamt in Deutschland wird immer größer: Der Wettbewerb ist enorm, die Margen sind miserabel und die Regulierungskosten hoch. Das hängt auch mit der EZB-Politik zusammen. Und wir müssen feststellen, dass Banken und Hedgefonds in Amerika Geld verdienen und hier auf Einkaufstour gehen, während wir darben. Ich werbe sehr dafür, den Blick zu weiten.

Für die Bundeskanzlerin ist es anscheinend wichtiger, dass ein Deutscher EU-Kommissionspräsident wird, als dass er EZB-Präsident wird. Enttäuscht Sie das?

Aus Sicht der Finanzwirtschaft könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass Bundeskanzlerin Merkel sich für den Chefposten der EZB stark machen und damit Bundesbankpräsident Weidmann unterstützen würde. Er ist ein Spitzenmann – und es wäre endlich an der Zeit, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft in Europa auch einmal den EZB-Präsidenten stellt.

Ein deutscher EZB-Präsident könnte an der Geldpolitik vermutlich auch nicht viel ändern, weil es sonst die Währungsunion zerreißt.

Es ist klar, dass wir absehbar nicht mehr auf die Zinshöhen von einst kommen werden. Aber erfahrungsgemäß ist das Wort des EZB-Präsidenten in Fragen der Geldpolitik schon sehr gewichtig. Wir reden nicht von Zinsen in Höhe von fünf oder sechs Prozent, wir reden von einer Zinserhöhung im Null-Komma-Bereich. Ein Signal in die richtige Richtung wäre schon gut.

Viele Menschen ahnen noch gar nicht, wie löchrig ihre private Vorsorge durch die Niedrigzinspolitik geworden ist. Müssten Sparkassen nicht viel mehr aufklären?

Wir sagen bei jeder Gelegenheit: Die Niedrigzinspolitik hat für die Altersvorsorge fatale Nebenwirkungen. Sie führt dazu, dass wir unseren Lebensstandard im Alter trotz betrieblicher oder privater Altersvorsorge nicht werden halten können. Wir sehen zum einen die enorme Belastung von Unternehmen, die ihre Rückstellungen aufstocken müssen, um die Zusagen in der betrieblichen Altersvorsorge einhalten zu können. Sollte sich die Konjunktur verschlechtern, werden das einige Firmen nicht mehr packen. Auch bei der privaten Altersvorsorge, die überwiegend auf Zinspapieren basiert, müssen die Menschen erhebliche Einschnitte verkraften. Es ist falsch, wenn die EZB-Spitze sagt, die Deutschen sind halt Sparbuch-verliebt und sie sollen statt dessen lieber mehr in Aktien anlegen. Das allein ist doch keine Antwort für die Mehrzahl der Menschen in diesem Land.

Wie lange halten Banken und Sparkassen die Niedrigzinspolitik noch aus?

Die Sparkassen werden die Situation sicher am längsten durchhalten. Wir sind am Eigenkapital-stärksten, wir haben Substanz, wir haben noch ordentliche Erträge. Aber es wird immer schwieriger, das wegbrechende Zinsergebnis durch Einsparen von Kosten aufzufangen. Dem sind irgendwann Grenzen gesetzt. Noch zehn Jahre mit dieser Niedrigzinspolitik und auch wir haben keine Reserven mehr, um unser breites Angebot aufrechtzuerhalten.

Der frühere EZB-Präsident Trichet schätzt die Lage an den Finanzmärkten heute genauso gefährlich ein wie zu Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren. Ist das so?

Aus unserer Perspektive des Privat- und Firmenkundengeschäfts in Baden-Württemberg kann ich sagen, dass die vergangenen zehn Jahre zu mehr Stabilität in der Finanzwirtschaft geführt haben. Aus internationaler Sicht ist aber klar, dass etwa die Staatsschuldenkrise nicht gelöst ist. Im Gegenteil: die Schulden weltweit sind heute höher als vor der Finanzkrise.

Ist der Euro stabil genug, eine erneute große Krise auszuhalten?

Die europäische Notenbank hat ihr Pulver zum größten Teil verschossen, sie könnte in einer Krise nicht nachlegen. Ein Grundproblem des Euros ist, dass die Verstöße gegen die Maastricht-Kriterien weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart geahndet werden. Dadurch läuft die Verschuldung vieler Euroländer immer weiter nach oben. Von daher ist der Euro nicht stabiler geworden.

Bis jetzt haben baden-württembergische Unternehmen den Handelskrieg mit den USA ganz gut weggesteckt. Wird das so bleiben?

Noch wissen wir nicht, wie der Handelsstreit weitergeht, insofern bin ich mit einer Bewertung vorsichtig. Unsere Firmenkunden, die mit den USA in Handelsbeziehungen stehen, sind unterschiedlich betroffen, aber Existenznöte gibt es nicht. Es gibt Bremsspuren bei einigen Unternehmen, zum Teil auch Gewinnwarnungen. Die ganze Entwicklung tut uns nicht gut. Wir haben in der Finanzgruppe Szenarien durchgerechnet. Danach könnten die Ergebnisse einzelner Firmen um zehn bis 15 Prozent geringer ausfallen, je nachdem welche Kreise der Zollstreit noch zieht.

Chinesische Investoren sind sehr aktiv in Deutschland. Im August hat die Bundesregierung erstmals ihr Veto gegen eine Übernahme durch einen ausländischen Investor eingelegt aus sicherheitspolitischen Gründen. Ist das ein richtiger Weg?

Ja! Wir waren hier in der Vergangenheit zu blauäugig. Wir haben dem auch in Baden-Württemberg viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Chinesen investieren immer mehr in Deutschland, sie gehen dabei sehr strategisch vor. Aber das ist weitgehend eine Einbahnstraße, denn deutsche Unternehmen dürfen umgekehrt nicht ohne Restriktionen in China investieren. Wir wären gut beraten, in unserem Land den hohen Stand an Know-how, an Forschung und Entwicklung besser zu schützen. Insofern begrüße ich, dass der Bund vorhat, die Hürde für ein Veto der Bundesregierung bei Unternehmensbeteiligungen von 25 auf 15 Prozent zu senken.

Die Wirtschaft sieht das Vetorecht der Bundesregierung aber sehr kritisch.

Auch ich will nicht einer generellen China-Skepsis das Wort reden. Das Land wird kommunistisch regiert, gleichzeitig verfährt China wirtschaftlich höchst pragmatisch und hat einen Staatsfonds im Rücken, der gewaltig ist. China ist für uns ein interessanter Markt, aber wir sollten auf die Kronjuwelen in unserem Land besser aufpassen. Damit meine ich solche Unternehmen, die mit ihrem Know-how uns die Stellung als Marktführer sichern. Chinesische Investoren kaufen gezielt solche Firmenanteile.