Folgen der KNV-Insolvenz Stuttgarter KNV-Insolvenz trifft die kleineren Verlage

Von Daniel Gräfe 

Der vorläufige Insolvenzverwalter des Stuttgarter Familienunternehmens und Buchgroßhändlers KNV ist zuversichtlich. Die Zahlungsausfälle könnten jedoch kritisch werden.

KNV übt eine entscheidende Scharnierfunktion zwischen Verlagen und Buchhändlern aus. Foto: dpa
KNV übt eine entscheidende Scharnierfunktion zwischen Verlagen und Buchhändlern aus. Foto: dpa

Stuttgart - Nach der überraschenden Insolvenz des wichtigsten deutschen Buchgroßhändlers Koch, Neff & Volckmar (KNV) schwankt die Branche zwischen Hoffnung und Zweifel. Während die Suche nach einem Investor für das Stuttgarter Familienunternehmen in Kürze beginnen soll, machen die Zahlungsausfälle den Verlagen zu schaffen. Ein Überblick.

Der Insolvenzverwalter

Nachdem der Stuttgarter Buchgroßhändler KNV am vergangenen Donnerstag überraschend Insolvenz beantragt hat, wirbt der vorläufige Insolvenzverwalter Tobias Wahl um Vertrauen. „Das Signal, das wir heute ausgeben können, ist, dass der Geschäftsbetrieb uneingeschränkt weiterläuft. Alle Mitarbeiter sind hoch motiviert und rücken weiter zusammen“, sagte er unserer Zeitung. Nach dem Insolvenzantrag von KNV habe er bereits tags darauf alle Geschäftskunden angeschrieben und um weitere Zusammenarbeit gebeten.

Das 1829 gegründete Stuttgarter Familienunternehmen zählt 1800 Mitarbeiter, unter anderem arbeiten 500 davon in der Zentrale in Stuttgart, rund 1000 im Logistikzentrum in Erfurt. KNV übt für die Buchbranche eine entscheidende Scharnierfunktion zwischen Verlagen und Buchhändlern aus, weil das Unternehmen Bücher liefert und diese als Zwischenhändler von Verlagen kauft.

Auch das Liefersystem von KNV sei sichergestellt, betonte Wahl am Montag. „Bestellungen für Waren gehen seit heute wieder an die Lieferanten.“ Wahl will sicherstellen, dass alle Bücher, die ab dem Insolvenzantrag von KNV gekauft werden, auch bezahlt werden, sofern er den Bestellungen zugestimmt habe. Das sehe auch das Insolvenzrecht so vor. Allerdings könne ein vorläufiger Insolvenzverwalter diese Zustimmung auch verweigern, wenn er dafür die wirtschaftlichen Grundlagen nicht gegeben sehe. Die Unterstützung sei groß. „Wir haben von zahlreichen Verlagen sehr positive Signale erhalten, dass sie uns in dieser schwierigen Zeit die Treue halten.“

Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels reagierte positiv. „Wir sind überzeugt, dass die jetzt handelnden Personen sich der hohen Verantwortung für die Branche bewusst sind und um Lösungen ringen werden, um den Geschäftsbetrieb langfristig aufrechtzuerhalten“, sagte Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Er riet den Verlagen, KNV während des Insolvenzverfahrens weiter zu beliefern.

Die Verlage

KNV kauft bei den Verlagen als sogenannter Barsortimenter auch Bücher ein. Die Verlage gewähren den Stuttgartern dafür einen Rabatt von rund 50 Prozent und haben damit meist ihren größten Abnehmer. KNV wiederum verkauft Bücher an die Buchhandlungen weiter und gewährt ihnen einen Rabatt auf den Festpreis in Höhe von rund 35 Prozent und streicht damit 15 Prozent für sich ein. Neben der Auslieferung muss KNV die Lagerkosten davon bezahlen.

Verlage, die in den vergangenen 60 bis 90 Tagen KNV Bücher geliefert haben, stehen allerdings vor einem Problem, denn oft sind die Rechnungen noch nicht bezahlt. Wann die Gläubiger und in welcher Höhe sie später eine Ausschüttung erhalten, ist noch offen. „Da rumpelt es bei den Verlagen gerade“, sagt ein Brancheninsider. Für Kleinverlage, die Titel an KNV geliefert haben, könne das existenzbedrohend sein. Selbst wenn sich Zahlungen nur verzögerten, könnten die Kleinen bis dahin nicht mehr liquide sein. Denn eine Versicherung gegen den Zahlungsausfall hätten die allerwenigsten.

Zurzeit bangen auch rund 20 Prozent der Verlage in Deutschland wegen eines möglichen KNV-Aus. Sie haben ihre Logistik komplett an KNV ausgelagert: das Lager, die Lieferungen. Unter ihnen sind Branchengrößen wie Suhrkamp, dtv und Piper. „Wenn die Verlagsauslieferung nicht funktionieren würde, dann wäre es schlimm“, sagt Börsenverein-Vorsteher Heinrich Riethmüller. „Die Verlage zittern derzeit am meisten.“ Auch hier gibt der vorläufige Insolvenzverwalter Entwarnung. Bei den Verlagsauslieferungen laufe der Geschäftsbetrieb „ohne wesentliche Einschränkungen“ weiter.

Die Buchhändler müssen sich zumindest derzeit am wenigsten Sorgen machen. Bestellen sie bei KNV ein Buch, wird dieses meist bis zum nächsten Morgen geliefert. Das System ist laut Wahl weiterhin intakt, nur selten sei mit Verzögerungen zu ­rechnen.

Die Buchhandlungen

Das Logistiksystem von KNV ist eng getaktet und basiert auf Vertrauen. Die Fahrer der sogenannten Bücherwagen haben auch die Schlüssel der Buchhandlungen, um die Titel über Nacht dort abzustellen. 5600 Buchhandlungen nutzen die KNV-Logistik. So auch Sabine Braun, Inhaberin der Stuttgarter Buchhandlung Pegasus. „Es gibt Buchhandlungen, die kaufen alles über KNV ein“, sagt sie. Bei ihr betrage der Anteil allerdings nur „zehn bis fünfzehn Prozent“.

Zurzeit erhalte sie bei Bestellungen bei KVN immer wieder die Meldenummer 15: kurzfristig nicht lieferbar. Braun hofft, dass die Lieferungen bald wieder im Takt sind. „Ich denke, dass das schnell über die Bühne geht.“ Das erhofft sich auch Riethmüller. „Das Transportwesen von KNV ist für den Buchhandel systemrelevant.“ Mitbewerber wie Libri aus Hamburg und Umbreit aus Bietigheim-Bissingen könnten bei einem KVN-Aus die Lücke nicht schließen. Eins wolle er aber betonen: „Auch wenn die KNV-Insolvenz Auswirkungen auf die Buchbranche hat, handelt es sich um keine Krise des deutschen Buchhandels. Die Umsätze dort sind stabil.“

Die Investorensuche

Unterdessen will Wahl in Kürze mit der Investorensuche beginnen. Erste Kontakte gebe es bereits. Man wolle bei der Suche aber „strukturiert vorgehen“, betont er: „Eine Insolvenz kann auch eine Chance sein, ein Unternehmen zu sanieren, damit es robust und nachhaltig im Markt aufgestellt wird.“ Zumindest der Zeitpunkt der Insolvenz hätte schlimmer kommen können, sagt Hubert Klöpfer vom Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag. Derzeit sei der Umsatz in der Branche turnusgemäß schwach. „Eine Insolvenz im Weihnachtsgeschäft wäre eine noch größere Katastrophe gewesen.“