Die Krankenhäuser bekommen die laufende Reform zu spüren – etwa in Form von Mindestmengen bei Behandlungen. Auch Stuttgarter Kliniken geraten stärker in einen Konkurrenzkampf.
Es geht um Hochleistungsmedizin und die bestmögliche Versorgung von einer Gruppe lebensgefährlich erkrankten Patienten. Es geht aber auch um eine scharfe Konkurrenz der großen Stuttgarter Krankenhäuser untereinander – letztlich also um wirtschaftliche Interessen und den Einfluss auf die Politik. Selten wird der Wettbewerb so offenkundig wie am Beispiel einer hoch spezialisierten Nische.
Seit diesem Jahr gehen das Klinikum Stuttgart und das Marienhospital bei der Zelltherapie gemeinsame Wege: Patienten des Marienhospitals, die eine Stammzelltransplantation hauptsächlich gegen Blutkrebs benötigen, können am gemeinsamen Zentrum für Zelltherapie, das räumlich dem Klinikum angegliedert ist, stationär versorgt werden – dabei werden sie weiterhin von ihren Ärzten aus dem Marienhospital begleitet. Dies sei eine Kooperation zum Wohle der Patienten, betonen die Ärztlichen Direktoren Gerald Illerhaus vom Klinikum und Christian-Friedrich Jehn vom Marienhospital. „Die enge Zusammenarbeit schafft die Grundlage für individuell abgestimmte Therapiepläne, die die Heilungschancen deutlich verbessern“, sagt Jehn.
Der Zusammenschluss soll die Zahl der Behandlungen steigern
Der Zusammenschluss zeigt beispielhaft, wie Kliniken versuchen, den Strukturwandel der anstehenden Krankenhausreform zu überstehen, indem sie ihre Stellung festigen. So will das Klinikum Stuttgart seine Rolle als Maximalversorger ausbauen – gerade im Bereich der allogenen Stammzelltherapie. Bei dieser Behandlung erhalten schwerkranke Patienten Blutstammzellen von einem Spender übertragen.
Gerald Illerhaus (links) vom Klinikum Stuttgart und Christian-Friedrich Jehn vom Marienhospital arbeiten nun am gemeinsamen Zentrum für Zelltherapie. Die Foto: Tobias Grosser/Klinikum Stuttgart
Obwohl die strukturellen Voraussetzungen im Klinikum mit einem Neubau für fast 200 Millionen Euro und einer speziellen Transplantationsstation auf den neusten Stand gebracht worden sind, hapert es an den Patientenzahlen: Im Jahr 2022 – kurz nach Eröffnung des Neubaus des Zentrums für Zelltherapie – wurden nur wenige Patienten allogen transplantiert. Das soll sich infolge der Zusammenarbeit mit dem Marienhospital und künftigen weiteren Kooperationen mit Kliniken in der Region ändern.
Kliniken müssen eine Mindestanzahl von Patienten behandeln
Denn bei der allogenen Stammzelltransplantation müssen nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA ab diesem Jahr mindestens 40 Patienten mit gespendeten körperfremden Stammzellen pro Jahr und Krankenhausstandort therapiert werden. Damit soll eine möglichst hohe Behandlungsqualität gewährleistet werden. Liegen die Patientenzahlen darunter, darf eine Klinik diese Leistung nicht erbringen.
Klinikum erhält bundesweit einzige Ausnahmegenehmigung
Nun hat sich die Politik eingemischt. Die Landesregierung hat für das Klinikum Stuttgart eine Sondergenehmigung beim G-BA erreicht – die einzige bundesweit: „Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass das Klinikum mit Erfüllung sämtlicher Voraussetzungen für Stammzelltherapien in der näheren Zukunft für die Versorgung in diesem Bereich unerlässlich ist“, erklärt das Gesundheitsministerium.
Die Landesverbände der Krankenkassen und der Verband der Ersatzkassen haben der Entscheidung zugestimmt. Allerdings weist gerade die Landeshauptstadt eine hohe Dichte an Stammzelltherapie-Zentren auf. Denn auch das Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart (RBK) und das Diakonie-Klinikum (Diak) Stuttgart führen seit Jahren die allogene Stammzelltransplantationen durch. Beide Häuser erhielten für 2025 eine positive Prognose und können ihre Leistungen weiter anbieten.
Stuttgart hat nun drei Zentren für Stammzelltherapien
Umso mehr verwundert deren Klinikchefs das Vorgehen des Gesundheitsministeriums: „Das RBK hat im Jahr 2024 die Mindestmenge mit 44 Therapien erbracht“, sagt der medizinische Geschäftsführer Mark Dominik Alscher. Einen Versorgungsengpass, weshalb es im Stadtgebiet eine Sondergenehmigung für einzelne Kliniken brauche, sieht er nicht: „Das RBK kann ohne Weiteres mehr Leistungen übernehmen.“
Eine Stammzelltherapie kommt vor allem krebskranken Patienten zugute. Foto: Max Kovalenko
Auch im Diak stellt die Geschäftsführung klar: „Wir sehen die Mindestmengenregelung bei Stammzelltherapien wie die DGHO kritisch“, sagt der Geschäftsführer Bernd Rühle. Die fixe Zahl an durchgeführten Therapien lasse nur wenig Rückschlüsse auf die fachmedizinische Qualität der Behandlung zu. „Stattdessen sollte mehr Wert auf Erfahrung gelegt werden und, ob eine Klinik die nötigen medizinischen Strukturen vorweisen und aufrechterhalten kann.“ Im Diak habe man aus daher kürzlich diesen Klinikbereich ausbauen und modernisieren lassen – mit Reinluft-Zimmern, separater Dachterrasse und Sportangeboten.
Hohe Zahl an Zentren lässt sich in Stuttgart wohl nicht halten
Schon im Hinblick darauf hätte sich Rühle seitens des Landes „ein anderes Vorgehen gewünscht, um die bestehenden Zelltherapie-Zentren im Stadtgebiet zu fördern und die Versorgungsstruktur zu erhalten“, wie er sagt. „Unsere Sorge ist, dass es aufgrund der nun drei bestehenden Zentren alle schwer haben, die Mindestmenge auf lange Sicht einzuhalten.“ Auch weil es in der Region nicht so viele Schwerkranke gibt, die diese Behandlung benötigen.
Dass sich die Zahl der Zelltherapie-Zentren im Stadtgebiet Stuttgart verringern wird, das glaubt auch Gerald Illerhaus, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Zelltherapie am Klinikum: So kommt eine Stammzellspende zur Behandlung von Erkrankungen der Blutbildung oder des Immunsystems nur dann infrage, wenn andere Therapien nicht erfolgreich sind. „Gleichzeitig verbessert sich die Qualität der medizinischen Versorgung gerade in der Onkologie immer weiter.“ Die Notwendigkeit einer Stammzelltransplantation könnte so herausgezögert werden. „Ohne Zusammenschlüsse in diesem medizinisch hoch anspruchsvollen Bereich wird es für alle Zentren schwer werden, weiter zu bestehen“, so Illerhaus.
Zumindest für das Klinikum hat sich die Kooperation offenbar ausgezahlt: Nach Angaben der Geschäftsführung kann die Mindestmenge in diesem Jahr doch noch erfüllt werden.
Mit Stammzellen Leben retten
Stammzellen Stammzellen sind Vorläuferzellen aller Blutzellen: Sie befinden sich im Knochenmark und können sich zu verschiedenen Zellen des Blutes entwickeln. Bei schwerwiegenden Erkrankungen des Blutes wie Blutkrebs kann die Transplantation von Blutstammzellen eine aussichtsreiche Therapie sein.
Transplantation Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte benötigen pro Jahr mehr als 3300 Menschen eine sogenannte allogene Stammzelltransplantation. Dabei erhält der Patient Knochenmark oder Blutstammzellen eines Spenders. Sie kommt meist bei der Behandlung der akuten und chronischen Leukämien zum Einsatz. Bei der autologen Transplantation werden dem Patienten eigene Stammzellen übertragen, die ihm vor Beginn der Chemotherapie entnommen wurden. Sie wird bei der Behandlung von Tumoren des Knochens und Knochenmarks sowie bei Lymphomen eingesetzt – etwa bei 3600 Patienten pro Jahr.
Komplikationen Bei der allogenen Stammzelltransplantation kann es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommen, sagt Illerhaus – etwa, dass die mittels Transplantat übertragenen Immunzellen den Körper des Empfängers als fremd erkennen und angreifen. Diese Immunreaktion kann sich gegen Haut, Leber und Darm und andere Organe richten.
Stammzellspender Es kann sich jeder im Alter zwischen 17 und 55 Jahren als Stammzellspender registrieren – etwa bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS (dkms.de). Zwar dürfen 17-Jährige noch nicht spenden, werden aber ab dem 18. Geburtstag in der Datei aktiviert.