Folgen des Brexit In Nordirland leeren sich bereits die Regale
Bereits wenige Wochen nach dem vollzogenen Brexit stöhnen viele Briten. Sie bekommen in diesem Januar schon die ersten Folgen eines harten Brexit zu spüren. Das kostet richtig viel Geld.
Bereits wenige Wochen nach dem vollzogenen Brexit stöhnen viele Briten. Sie bekommen in diesem Januar schon die ersten Folgen eines harten Brexit zu spüren. Das kostet richtig viel Geld.
London - In Nordirland bemerkte man zuerst, dass etwas nicht stimmte. Kaum war das neue Jahr da, tauchten erste Lücken in den Supermärkten auf. In den darauffolgenden Tagen weiteten sich diese Lücken in vielen Regalen zu gähnender Leere. Verstört rieben sich die Einheimischen die Augen. Vertraute Ware aus England, Wales und Schottland kamen post Brexit nicht mehr über die Irische See.
Zur selben Zeit machten schottische Fischer die schockierende Entdeckung, dass sie ihre Fische nicht mehr „in Europa“ absetzen konnten. Viele der Schwertransporter, die den frischen Fisch nach Frankreich transportieren sollten, stecken mittlerweile entweder schon auf der englischen Seite oder gleich hinterm Ärmelkanal fest. Statt zwölf bis 24 Stunden brauchen Laster für ihren Trip zum Markt in Boulogne plötzlich fünf Tage. Bis sie ans Ziel kommen, ist ihre Fracht vergammelt.
Ähnlich geht es mit Fleischtransporten, die wegen fehlerhafter Papiere und penibler Kontrollen partout nicht über Calais hinaus kommen. Sind zum Beispiel Gesundheitszertifikate falsch ausgefüllt, kann es zu tagelangen Verzögerungen kommen – und zu Tonnen verrottenden Fleisches. Zudem haben Gross-Kaufhäuser und viele kleine und mittlere Betriebe im Vereinigten Königreich seit Anfang Januar beschlossen, dass sich der Transport ihrer Ware zum Kontinent schon allein wegen der neuen Bürokratie und hoher Kosten nicht mehr lohnt.
Umgekehrt haben im Laufe der letzten drei Wochen auch manche europäische Firmen ihre Exporte nach Großbritannien eingestellt. Britische Konsumenten wiederum, die arglos Waren „aus Europa“ bestellten, trauen ihren Augen nicht, wenn ihnen Kuriere vor Übergabe der Ware an ihrer Haustür enorme Summen zusätzlich abverlangen, von denen bei der Bestellung nie die Rede war. Neue Mehrwertsteuern, hohe Zollgebühren und beträchtliche Kurier-Aufschläge haben die Preise der bestellten Ware von einem Tag zum andern steil in die Höhe getrieben. „Käufer zahlen ein Drittel extra für Waren aus der EU“, klagte die „Londoner Times“. Damit hatte niemand gerechnet, als Premier Boris Johnson zu Weihnachten verkündete, ein „fantastischer Deal“ für die Handelsbeziehungen mit der EU sei gefunden.
Etwas vorsichtiger äußerte sich der für die Brexit-Umsetzung zuständige Minister Michael Gove, ein Brexit-Mitkämpfer Johnsons. Sein Land werde sich wohl oder übel auf „erhebliche Störungen an der Grenze“ einstellen müssen, warnte Gove. Und nicht nur darauf. Britische Musiker haben bereits Alarm geschlagen, weil ihnen neue Visumsregeln das Bereisen der EU erschweren oder Touren sogar unmöglich machen. Ähnliche Klagen gibt es bei allen möglichen Branchen, vom Rennsport bis zur Mode-Industrie.
Der Polizei fehlen wichtige Daten, die ihnen kürzlich noch zur Verfügung standen. Britische Universitäten melden, nicht nur wegen Covid, geringeren Zustrom aus der EU. Bei der Automobil-Produktion, die noch immer mehr als 800 000 Menschen beschäftigt, halten sich weiter ernste Fragen. Und die Zukunft der britischen Finanzwirtschaft, die immerhin 80 Prozent der nationalen Wirtschaftskraft bestreitet, ist noch völlig offen.
Als erste Berufsgruppe haben allerdings die Fischer und die fischverarbeitende Industrie, die hauptsächlich in Schottland angesiedelt sind, die Krise zu spüren bekommen. Sie haben bereits in der ersten Januarhälfte Verluste von mehr als einer Million Euro am Tag für ihre Branche gemeldet. Im Protest zogen sie an einem Tag der Vorwoche mit Wagenladungen voll unverkäuflicher Krabben, Hummern, Langusten und Lachse nach Westminster und drohten ihre Fracht vor dem Parlament auf die Straße zu kippen. Mit einem eilends eingerichteten Fonds in Höhe von 23 Millionen Pfund suchte die Regierung die erzürnten Gemüter zu beruhigen. Aber das änderte nichts an der Überzeugung des schottischen Fischerei-Verbandes, dass London einen „durch und durch jämmerlichen“ Deal ausgehandelt habe.
Vor allem in schottischen Küstengebieten, die früher einmal begeistert für den Brexit waren, ist die Stimmung in kurzer Zeit spürbar umgeschlagen. Dort müssen konservative Abgeordnete des schottischen Parlaments nun um ihre Wahlkreise fürchten, wenn dieses Parlament in vier Monaten neu gewählt wird – und sich die Schottische Nationalpartei, die den Unmut mit London nutzen und Schottland zur Unabhängigkeit führen will, eine absolute Mehrheit erhofft.
Gefahr im Verzug für die britische Einheit sehen Beobachter aber auch in Nordirland. In der alten Kronprovinz jenseits der Irischen See gelten ja, weil man eine „harte Grenze“ zum irischen Süden zu vermeiden hatte, weiter Binnenmarkts- und Zollunions-Regeln der EU. Aus diesem Grund sind für den Transport von Waren vom britischen „Festland“ nach Nordirland ebenfalls gewisse Kontrollen und bürokratische Prozesse nötig geworden. Diese haben jetzt zu den leeren Regalen in Nordirland geführt – und zur Erklärung einer ganzen Reihe britischer Firmen, eine weitere Belieferung der Provinz sei der Aufwand nicht mehr wert.