Folgen des Klimawandels Auch Kliniken kämpfen mit der Hitze

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Ob beim Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart oder anderswo: auch Kliniken leiden unter den zunehmenden Hitzewellen. Mittelfristig soll mit mehr Klimaanlagen gegengesteuert werden – aber was hilft den Patienten kurzfristig?

Hier gibt es schon moderne Klimatechnik: der 2014 eröffnete „Atrium“-Bau des Robert-Bosch-Krankenhauses Foto: Achim Zweygarth - lichtgut
Hier gibt es schon moderne Klimatechnik: der 2014 eröffnete „Atrium“-Bau des Robert-Bosch-Krankenhauses Foto: Achim Zweygarth - lichtgut

Stuttgart - An seinen jüngsten Aufenthalt im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus erinnert sich Karl Metzner (Name geändert) mit sehr gemischten Gefühlen. Mit der Versorgung durch Ärzte und Pflegekräfte war der pensionierte Ministerialbeamte, wie stets, hoch zufrieden. Doch das Klima in der Klinik für Geriatrische Rehabilitation sei, bei Außentemperaturen von über 30 Grad, kaum erträglich gewesen. Auch im Inneren habe sich die Hitze ausgebreitet und den teils hoch betagten Patienten schwer zugesetzt, berichtet der fast 80-Jährige. Viele hätten sich bei den Übungen sichtlich gequält, manche litten nach seinem Eindruck sogar lebensbedrohlich. Die Zustände alarmierten Metzner derart, dass er sich an die leitenden Ärzte und die Landesregierung wandte. Seine Warnung: „Das können wir unseren alten Menschen nicht zumuten.“

Dort ist das Problem bekannt – im konkreten Einzelfall wie im Grundsatz. Auch in Baden-Württemberg führt der Klimawandel zu immer mehr Hitzeperioden, wie Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) erst kürzlich wieder darlegte. Doch viele Krankenhäuser sind dafür – ebenso wie Alten- und Pflegeheime - nur unzureichend gewappnet. Anders als etwa in modernen Hotels gehören Klimaanlagen noch nicht zum Gebäudestandard, oft ist die Klimatisierung auf Sonderräume wie OP-Säle beschränkt. Die Notwendigkeit dafür werde in den nächsten Jahren „mit Sicherheit zunehmen“, prophezeit Untersteller; bei Neubauten dürfte sie „an Bedeutung gewinnen“.

Keine belastbaren Zahlen über Todesfälle

Schon heute gebe es gesetzliche Vorgaben, um bei Klinikbaumaßnahmen „unnötigen Wärmeeintrag zu verringern“, bestätigt das Sozialministerium von Manfred Lucha (Grüne). Die Klimatisierung bestimmter Bereiche, direkte Wärmeabführung bei Großgeräten, der Einsatz von „Verschattungselementen“ - solche Maßnahmen würden mit Fördermitteln unterstützt. Gerade für kranke, alte und pflegebedürftige Menschen sei die Hitze schließlich besonders belastend. Inwieweit es dadurch bereits zu Todesfällen kam, kann das Lucha-Ressort nicht sicher sagen; eine Meldepflicht gebe es nicht. Einige statische Modelle deuteten zwar auf „erhöhte Sterbezahlen während Phasen extremer Hitze“ hin. Doch eine aktuelle Auswertung des Statistischen Landesamtes komme zum gegenteiligen Ergebnis: die Todesfälle wegen ungewöhnlich hoher Temperaturen hätten in den zurückliegenden Jahren danach nicht zugenommen.

Am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) kennt man die Problematik nur zu gut. Im Rahmen eines Landesprogramms zur Anpassung an den Klimawandel untersuchte just die Klinik für Geriatrische Rehabilitation im Hitzesommer 2015 die Folgen für ältere Menschen. Über Monate hinweg begleitete sie gut 80 Senioren in zehn Stuttgarter Anlagen für betreutes Wohnen. Erfasst wurden etwa Blutdruck, Kleidung, Trinkverhalten und soziale Teilhabe. Vor allem für schwächere ältere Menschen stelle die Hitze eine „außerordentliche Belastung“ dar, lautete das 2016 vorgestellte Ergebnis. Mit der sinkenden körperlichen Leistungsfähigkeit, warnten die Autoren, steige zudem das Sturzrisiko.

Neues Glas soll Entlastung bringen

Auch das Problem mit den eigenen Räumen ist der Klinik wohl bewusst. An den immer häufigeren heißen Tagen stoße die Lüftungsanlage an ihre Grenzen, sagt eine RBK-Sprecherin. Das 1998 eröffnete Gebäude sei noch in einer Zeit geplant worden, „als Tagestemperaturen von 35 Grad Celsius … in unseren Breiten eine extreme Ausnahme waren“. Wie andere Bauten aus jenen Jahren mit großen Glasflächen sei es besonders betroffen. Dort setzen auch die Gegenmaßnahmen an: bei einer ersten Teilsanierung der Fassade habe man 2016 neue Glasarten verwendet, die den Wärmeeintrag ins Innere deutlich reduzierten. Weitere Sanierungen auf der Basis von Gutachten seien vorgesehen, Bauphysiker arbeiteten gerade an Konzepten – etwa zu Änderungen an den Oberlichtern.

Auch kurzfristig, so die Sprecherin, versuche man die Probleme zu lindern. Die Stationen achteten etwa auf „angepasste Verdunkelung“ und geschlossene Fenster. Nur wenn von außen keine heiße Luft hineinströme, könne die Lüftungsanlage ihre volle Leistung entfalten. Die Patienten würden angehalten, ausreichend zu trinken und sich passend zu kleiden. Bei akuter Hitzebelastung biete auch ein Mittel Abhilfe, das in der klinikeigenen Studie empfohlen worden war: Kühlwesten, die sonst im Leistungssport oder beim Militär Verwendung fänden. Zudem verteile man großflächig die Broschüre „Gesundheitstipps für die heißen Tage“ der Stadt Stuttgart, auf dass sich die Patienten auch nach der Entlassung zuhause richtig verhielten.

Es fehlt am Geld für Investitionen

Bei Neubauten, sagt die Sprecherin, setze das RBK mit Blick auf den Klimawandel sogar höhere Standards, als sie mit den Mitteln der Landesförderung für Krankenhäuser möglich wären: das 2014 eröffnete Gebäude „Atrium“ etwa verfüge über eine moderne Lüftungsanlage mit Kühlung. Doch die Geldnot macht der Klinik gleich doppelt zu schaffen: zum einen sei der Bereich Geriatrische Rehabilitation „bekanntermaßen seit langem chronisch unterfinanziert“; die Mittel deckten nicht einmal die laufenden Ausgaben, für große Baumaßnahmen bleibe nichts übrig. Zum anderen gebe es an den Krankenhäusern ohnehin einen gewaltigen Sanierungsstau, wie eine aktuelle Studie bestätige; der Investitionsbedarf in Milliardenhöhe werde durch die Förderung nur etwa zur Hälfte abgedeckt.

Ob und wie man Kliniken bei Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel unterstütze, „wird man sich überlegen müssen“, meinte Umweltminister Untersteller unlängst vor Journalisten. Zusagen wolle er indes keine machen.

Bei Ärzten und Pflegern fand Karl Metzner für seinen Alarmruf übrigens viel Verständnis. Man leide ja selbst unter der Hitze und würde nur zu gerne stärker gegensteuern, hörte er öfter. Aber leider fehle dafür das nötige Geld.

Als wichtiges Instrument zur Anpassung an den Klimawandel nennt das Stuttgarter Umweltministerium das 2005 eingeführte deutschlandweite Hitzewarnsystem. Der Deutsche Wetterdienst reagierte damit auf die Hitzewelle des Sommers 2003. Gewarnt wird, wenn an mindestens zwei aufeinander folgenden Tagen eine „starke Wärmebelastung“ – also 32 bis 38 Grad – vorhergesagt wird und wenn der Schwellenwert zur „extremen Wärmebelastung“ (38 Grad gefühlter Temperatur) überschritten wird.

Wegen des relativ kurzen Bestehens bildet sich die Zunahme der Hitzetage laut Ministerium in den Warnungen noch nicht voll ab. In fünf von elf Jahren seien an mehr als 15 Tagen Hitzewarnungen ausgesprochen worden. Die höchste Anzahl habe es mit 27 Hitzewarnungen pro „Warnkreis“ im Sommer 2015 gegeben. Dieser gelte in Baden-Württemberg als der zweitwärmste Sommer nach der „Jahrhundertsommer“ 2003, heißt es im aktuellen Monitoring-Bericht des Ressorts zum Klimawandel.

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