Folgen einer Affäre Die Geliebte

Von  

Nur ein bisschen Sex, das war der Plan. Bloß keinen verquasten Liebesquatsch. Aber dann ist alles aus den Fugen geraten: die Geschichte einer Frau und ihrer Beziehung zu einem verheirateten Mann.

Heimliche Treffen im Hotel: irgendwann kam ihr Mann dahinter. Foto: Gottfried Stoppel
Heimliche Treffen im Hotel: irgendwann kam ihr Mann dahinter. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Nur ein bisschen Sex, das war der Plan. Bloß keinen verquasten Liebesquatsch. Michaela (Namen geändert) glaubte, mit 40 Jahren über die nötige Contenance für ein lässiges Techtelmechtel zu verfügen, das nicht gleich ihre familiäre Existenz infrage stellt. Sie wusste, was sie wollte, als sie ihre Anzeige bei einer Online-Kontaktbörse einstellte und bald auch schon Bernd aus dem Internet fischte. So ungewöhnlich war das gar nicht: Immerhin drei Millionen Deutsche tollen sich in heimlichen Nebenbeziehungen aus, besagt eine Schätzung der Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung in Hamburg.

Im Sommer vor acht Jahren stieg Michaela also in ihr kleines Auto und brauste zu ihrem ersten Rendezvous mit Bernd, der fünf Jahre älter ist. Der Treffpunkt war ein Draußen-Bloß-Kännchen-Café irgendwo tief im Oberschwäbischen, weit weg von ihrem und seinem Wohnort. Ein bisschen wusste sie schon von ihm. Er hatte geschrieben, dass er zwei Kinder habe, seine Ehe unglücklich sei und er seit Jahren keinen Sex mehr erlebt habe. Seine Offenheit hatte sie berührt. Für sie war ungewohnt, dass ein Mann seine Gefühle mitteilt. Trotzdem war sie skeptisch. Im Grunde ging das Michaela gefühlsmäßig schon viel zu nahe. Sie dachte, das ist eigentlich nicht der Typ Lover, der ihr ohne Umschweife in gestärkter Hotelbettwäsche all jene zärtliche Aufmerksamkeit schenken würde, die sie in ihrer Ehe seit jeher vermisste.

Doch dann traf sie an diesem warmen Sommertag auf einen Zauberer: Bernd zog tatsächlich ein seidiges Tuch aus der Tasche, ließ sie eine Ecke abschneiden und strich es mit einer eleganten Geste wieder heil. Die Täuschung beherrschte der Hobby-Zauberer aus dem Effeff. An diesem Nachmittag brachte er das Kunststück fertig, Michaela um den Finger zu wickeln und zugleich den Eindruck zu hinterlassen, ein unbeholfenes Lämmchen zu sein. „Er hat damals geküsst wie ein Schüler“, erzählt sie noch immer verzückt.

Die eigenen Kinder als Gegner

Ein Mann, eine Ehefrau, eine Geliebte: Aus Sicht von Hans Jellouschek ist das der Klassiker unter den Dreiecksbeziehungen. Der Psychotherapeut aus Entringen bei Tübingen berät seit 1975 Paare und hat darüber mehr als ein Duzend Bücher geschrieben. Jellouscheks Erfahrung: „Wenn eine Affäre über längere Zeit hinweg läuft, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Stammbeziehung nicht mehr befriedigend gestaltet wird. Der oder die Geliebte springt in diese Lücke.“

Acht Jahre später ist bei Bernd alles beim Alten und bei ihr alles aus den Fugen. Er sei bei seiner herrschsüchtigen Ehefrau und den inzwischen erwachsenen Kindern geblieben und stehe heute kurz vor dem Burn-Out, sagt Michaela. Ihre eigene Ehe ist längst zerbrochen. Nach drei Jahren war ihr Mann hinter die Affäre gestiegen, er hatte eine SMS auf ihrem Handy gelesen. Es gab einen hässlichen Streit, und die Kinder waren stinkig und blieben es noch ein paar Jahre lang. Michaela zog aus, machte sich als Physiotherapeutin selbstständig, die Kinder blieben bei ihrem Mann. Es war eine sehr harte Zeit, aber am Ende war es ihr lieber so. Sie war mit ihrem Mann nicht mehr glücklich gewesen, ihn zu hintergehen aber fand sie doch „unfair“.

Es wäre für Bernd der perfekte Augenblick gewesen, ebenfalls reinen Tisch zu machen. Doch er ließ die Gelegenheit verstreichen. Jetzt nicht, im Sommer, im Herbst, im nächsten Jahr, irgendwann bestimmt: Es fand sich immer ein Grund, weshalb er sich nicht von seiner Frau trennen konnte. „Ich vermute, der Mann schafft es nicht wegen einer ungelösten Mutterabhängigkeit“, analysiert Hans Jellouschek. Seit acht Jahren führt Bernd ein Doppelleben, lügt seine Frau an und hält seine Geliebte mit Versprechungen bei der Stange. Solche Beharrlichkeit ist selbst dem Liebesexperten noch selten untergekommen: „Die meisten Menschen halten das gar nicht aus.“ Die ganze Konstellation, sagt Jellouschek, sei ein Hinweis auf ein ungelöstes Kindheitsthema.