Folgen von Baukosten- und Zinsexplosion Geplanter Bau von Sozialwohnungen wird zum Albtraum

Am Killesberg sollen geförderte Mietwohnungen entstehen. Foto: Archy Nova

Ein Neubauprojekt mit nachhaltigen und bezahlbaren Wohnungen am Killesberg wird zum Problemfall für die Stadt Stuttgart. Nun droht ein Rechtsstreit, in dem es um viele Millionen Euro geht.

Die Landeshauptstadt steht am beliebten Wohngebiet Killesberg vor einem Scherbenhaufen. In der Hochpreislage sollte beispielhaft und als Vorzeigeprojekt der Internationalen Bauausstellung IBA 2027 auf dem früheren Messeparkplatz Rote Wand ein bezahlbarer, nachhaltiger Wohnmix mit dem neuesten Energiestandard gezeigt werden. Zwar wachsen dort inzwischen zwei der geplanten „Wolkenhäuser“ durch Baugemeinschaften in die Höhe, doch eine Einheit in der Baugemeinschaft Wolkenheim schlägt mit 10 000 Euro pro Quadratmeter zu Buche. Mehrere sind noch frei.

 

Bald sind wohl Anwälte beschäftigt

Die versprochenen preisgünstigen Mietwohnungen aus einem städtischen Programm für mittlere Einkommensbezieher und 45 Sozialwohnungen sind nicht im Sicht. Statt Rohbauern könnte das aus dem Ruder gelaufene Vorhaben bald Anwälte beschäftigen, die um Millionen streiten. Denn der Ankerinvestor Archy Nova, der dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert, hat die Reißleine gezogen. Die Beziehung zur Stadt könnte man inzwischen wohl als zerrüttet bezeichnen. In dem von OB Frank Nopper (CDU) ausgerufenen neuen Bündnis für Wohnen ist Archy Nova nicht mehr vertreten. Man sei zur Fortsetzung der Partnerschaft zwischen Kommune und Wohnbauträgern gar nicht mehr eingeladen worden, sagt Archy Nova Geschäftsführer Gerd Hansen. Was ihn verwundere, „wir sind schließlich keine Heuschrecken“.

Vier Prozent, sagt Hansen, diese „relativ schlanke Eigenkapitalrendite“ sei im Rahmen des alten Bündnisses für Wohnen zugesagt worden, auch für das Areal Rote Wand am Killesberg. In der Genehmigungsphase, dem ein teurer Wettbewerb und Ingenieuraufträge vorausgingen, habe man durch langwierige Prozesse bei der Stadt viel Zeit verloren. Auch für die Baugemeinschaften tätige Planer hadern mit der Stadtverwaltung. Das Stuttgarter Baurechtsamt habe sich als wenig kooperativ, dafür als schwerfällig gezeigt.

Zuschuss von 120 000 Euro nötig

Für alle Bauherren folgten Baupreisexplosion, eine galoppierende Inflation und stark steigende Zinsen. Keiner könne mehr zu den Konditionen des Jahres 2018 bauen, klagt der Investor Hansen. Dennoch sollen Am Kochenhof weiterhin 75 Prozent der 88 Wohnungen zu günstigen Mietpreisen angeboten werden. Die Filderbaugenossenschaft, die die Konditionen ebenfalls nicht mehr erfüllen kann, sollte 17 Mietwohnungen für mittlere Einkommensbezieher zu 8,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter bereitstellen, die Sozialwohnungen sollten 9,50 Euro pro Quadratmeter und Monat kosten, die Stadt hätte darauf 25 Jahren lang Zugriff.

Um diese Grenzen einzuhalten, sei von der Stadt ein Baukostenzuschuss von wenigstens 120 000 Euro nötig, so Hansen, und zwar pro Wohnung. Das sei der letzte Stand der Kalkulation aus dem Jahr 2022. Stadtverwaltung und Gemeinderat wollten sich auf eine derart hohe Subvention nicht einlassen, man wolle keine Lex Killesberg hieß es, damit könnte man eine Lawine weiterer Forderungen lostreten. Die Rote Wand steht symptomatisch für die sich kumulierenden Wohnungsbauprobleme. 30 000 Euro seien letztlich von Baubürgermeister Peter Pätzold angeboten worden, sagt Hansen. Das deckt sich mit jenen Summen, die die Stadt an anderer Stelle aufbietet, um den Sozialwohnungsbau zu retten.

Übernimmt die stätische SWSG?

Archy Nova, die die 6692 Quadratmeter Bauland nicht erworben hatte, will aussteigen und setzt darauf, dass die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft übernimmt. Der Einstieg der SWSG in die Planung sei von Pätzold (Grüne) mit dem Hinweis auf die Finanzspritze der Stadt an die SWSG angekündigt worden. Bei 200 Millionen Euro zusätzlichem Eigenkapital seien die Einheiten Am Kochenhof für die SWSG wohl machbar. Ein Trugschluss. „Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft übernimmt das Projekt nicht“, weiß Hansen heute. Gründe für die Absage seien keine genannt worden, berichtet Co-Geschäftsführer Yannik Hansen-Schütz. Angesichts der aktuellen Situation am Wohnungsmarkt könne die Stadt das Projekt aber „nicht einfach liegen lassen“. Oder doch?

Eine Ablösesumme für die Planung ist üblich

Archy Nova wolle bauen oder das Projekt, für das man inzwischen rund vier Millionen Euro aufgewendet habe, abgeben. „Wir müssen über die entstandenen Kosten sprechen. Wenn wir uns mit der Stadt nicht einigen können, müssen wir vor Gericht gehen“, sagt Gerd Hansen. Eine Ablöse, hatte Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann angedeutet, sei durchaus üblich. Ob das allerdings auch für dieses Vorhaben gilt? Alle Fragen unserer Zeitung zum Sachstand des Projekts wurden von der Stadt nicht beantwortet. Es handele sich um ein offenes Verfahren, man befinde sich noch in Gesprächen mit Archy Nova. „Gespräche hat die Stadt eingestellt und meldet sich seit Monaten nicht mehr auf unsere Anfragen“, sagt Hansen.

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