Folgen von Hochwasser Naturoase in Pleidelsheim: Rettung von bedrohtem See wurde abgeblasen

Der See ist bedroht – inzwischen sind auch die Anzahl der Arten rückläufig. Foto: Werner Kuhnle

Der Baggersee im Pleidelsheimer Wiesental (Kreis Ludwigsburg) droht zu verlanden. Ein Sanierungskonzept lag auf dem Tisch. Doch zur Umsetzung kam es bis heute nicht. Die Auswirkungen sind schon zu spüren.

Der Baggersee im Pleidelsheimer Wiesental ist ein Geheimtipp bei Naturfreunden. Ein Storchenpaar klapperte dort mehrere Jahre in Folge. Seltene Vogelarten konnten rund um das Gewässer beim Jagen und Nestbau beobachtet werden. Allerdings ist der Zauber zuletzt mehr und mehr verloren gegangen. Die Naturoase droht zu verschlammen, der Wasserstand sinkt, Tiere machen immer häufiger einen Bogen um das Kleinod. Das Land hatte das Problem erkannt, wollte in diesem Winter eine Sanierung in Angriff nehmen. Das ist allerdings bislang nicht geschehen. Und so schnell werden die Bagger auch nicht anrücken.

 

„Zum jetzigen Zeitpunkt steht noch nicht fest, wann die Maßnahme realisiert werden kann“, erklärt Stefanie Paprotka, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart (RP). Es sei aber mit einer Verzögerung von mindestens einem Jahr zu rechnen. Grund dafür, dass das Ausbaggern abgeblasen werden musste, sei das Hochwasser Anfang Juni 2024. Dabei sei das gesamte Wiesental überschwemmt und zusätzliches Sediment in den See gespült worden. Wie viel genau, ist noch unbekannt, aber maßgeblich für das weitere Vorgehen.

Das liegt am Sanierungskonzept. Demnach soll der Schlamm vom Boden in einem Teil des Gewässers konzentriert, also von A nach B befördert werden. Angedacht ist, dass ein Damm die beiden Sektoren trennt. Dieser Ansatz bedingt, dass ein Teil des Gewässers aufgegeben wird, von rund einem Drittel der Fläche war die Rede. Das Problem ist nun aber, dass sich durch die neuerlichen Sedimenteintragungen die Berechnungsgrundlage zur Lage und Dimensionierung des Damms verändert haben könnte. „Das bisherige Sanierungskonzept ging von einem Schlammvolumen von 46 500 Kubikmetern aus“, konstatiert Stefanie Paprotka. Weil diese Zahl aber nach dem Hochwasser Makulatur sein könnte, werde der Wasser- und Schlammkörper abermals vermessen. Dies solle in den nächsten Wochen geschehen. Zudem müsse die Standsicherheit des bestehenden Damms zum Altneckar hin überprüft werden, der bei dem Hochwasser an manchen Stellen in Mitleidenschaft gezogen worden sei. Auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse werde letztlich entschieden, ob das Sanierungskonzept weiter umgesetzt werden kann oder es angepasst beziehungsweise überarbeitet werden müsse.

Störche gehörten einige Jahre zu den Stammgästen im Wiesental. Diese Zeiten sind vorbei. Foto: Archiv /(Claus König)

Der Damm zum Altneckar und seine Abdichtung spielt deshalb für die Gesamtgemengelage eine Rolle, weil in dem Flussarm verhältnismäßig viele Eintragungen schwimmen, die bei einem Hochwasser in den Baggersee schwappen könnten, erläutert der Pleidelsheimer Bürgermeister Ralf Trettner. Der Rathauschef kann nachvollziehen, warum das Land die Sanierung des Gewässers nun aufschiebt. „Allerdings ist die Frustration inzwischen auch hoch“, sagt er. „Man diskutiert seit zehn Jahren über die Sanierung des Sees. Doch passiert ist bis heute nichts“, erklärt Trettner.

Seiner Einschätzung nach sei die Anzahl an Arten mittlerweile rückläufig. Nachtreiher bauten ihre Nester jetzt beispielsweise am Monrepos-See. Die Vogelfauna im Naturschutzgebiet habe sich verringert, sagt auch der renommierte Ludwigsburger Ornithologe Claus König. Das sei auf die Eutrophierung zurückzuführen, also den Nährstoffüberschuss, den der See wegen der dicken Sedimentschicht zu verzeichnen hat. Die streng geschützten Nachtreiher seien tatsächlich weggezogen, die Störche hätten sich zudem im benachbarten Freiberg-Geisingen angesiedelt, erklärt König. Es hielten sich mittlerweile auch deutlich weniger Graureiher und Kormorane in dem Gebiet auf als früher.

Der Pleidelsheimer Bürgermeister Ralf Trettner ist frustriert, weil die Sanierung des Sees bis heute auf sich warten lässt. Foto: Werner Kuhnle

Das RP ergänzt, dass bereits 2023 „mehrere Vogelarten ihre Brut im Gebiet abgebrochen“ hätten. Dies könne allerdings mehrere Ursachen haben, erklärt Pressesprecherin Stefanie Paprotka. „Ohne vertiefte Untersuchungen vorgenommen zu haben, gehen wir jedoch davon aus, dass Prädatoren, also Fressfeinde wie der Waschbär, ausschlaggebend gewesen sein könnten“, sagt sie. Davon abgesehen sei es aber offenkundig, dass sich der See seit vielen Jahren in einem natürlichen Verlandungsprozess befinde. Diese Entwicklung bedinge eine Veränderung des Artenspektrums. Die Anzahl wassergebundener Arten habe dadurch abgenommen.

Beschleunigt wurde die Verschlammung des Gewässers dadurch, dass es seit Jahren von einem Teppich aus Wasserlinsen bedeckt war. Eine Pflanzengattung, die die vielen Nährstoffe liebt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer könnte deshalb sein, dass bei der Überschwemmung vom Juni ein Teil der Wasserlinsen ausgespült wurde. Beim RP ist man aber eher skeptisch ob der möglichen heilenden Wirkung.

Naturparadies auf sechs Fußballfeldern

Sedimente
Der Baggersee im Wiesental ist aus einer ehemaligen Kiesgrube entstanden. Er liegt in einem Naturschutzgebiet in der Nähe des Neckars zwischen Ingersheim und Pleidelsheim. Die Wasseroberfläche misst ungefähr 4,3 Hektar. Das entspricht ganz grob sechs Fußballfeldern. Im Laufe der Zeit haben sich unter anderem durch organisches Material wie Laub Sedimente am Boden abgesetzt, die Schicht wird immer dicker. Ohne künstlichen Eingriff würde das Gewässer irgendwann verschwinden.

Konzept
Das Sanierungskonzept sieht vor, einen künstlichen Damm in dem See einzubauen. Mit einem Schwimmbagger soll dann der Schlamm von einem Teil des Gewässers in den anderen gepumpt werden. Gut ein Drittel der Seefläche würde dadurch aufgegeben, aber immerhin der größere Rest inklusive einer Vogelinsel erhalten bleiben.

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