Herbert Schuck kennt Menschen, denen bereits sechs Mal der Keller vollgelaufen ist. Trotzdem denken sie nicht darüber nach, das eigene Haus besser vor Starkregen zu schützen – oder ob die Immobilie generell an einem sicheren Standort steht. „Die Starkregenereignisse der vergangenen Jahre sind immer schnell in Vergessenheit geraten“, sagt Schuck, der bei der Stadt Schorndorf als Fachbereichsleiter für Infrastruktur sowie als Technischer Werkleiter bei der dortigen Stadtentwässerung arbeitet. Erst der jüngste Starkregen Anfang Juni könnte zu einem Umdenken geführt haben, glaubt er.
Vor allem bei Häusern an Hanglagen und an kleineren Gewässern ist die Gefahr groß, dass bei einem starken Regen der Keller vollläuft – oder sogar Schlimmeres passiert. Aber auch brach liegende Ackerflächen, die wenig Wasser aufnehmen, und Wälder mit viel Totholz sind ein Problem. Denn bei Starkregen werde dieses Totholz in Gewässer getrieben, baue sich auf und sorge für eine noch schnellere Überflutung, erläutert Schuck. „Wir haben im Juni beim Hochwasserrückhaltebecken in Lorch fünf Lkw-Ladungen voller Holz aus der Rems gezogen.“
Menschen vergessen Hochwasser und Starkregen schnell
Experten zufolge wird die Lage einer Immobilie in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Aber nicht im Sinne von wie zentral diese ist oder wie schön der Ausblick ist. Sondern wie wahrscheinlich es ist, dass das Haus im Falle von Hochwasser und Starkregen beschädigt wird. Denn aufgrund der Klimaerwärmung nehmen auch Wetterextreme zu.
„Hochwasserrisiken sollten sehr ernst genommen werden, da diese erhebliche Gefahren für Leib und Leben darstellen sowie ideelles und materielles Vermögen vernichten können“, sagt Michael Bosch. Er ist Professor an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen mit Forschungsschwerpunkt Corporate Responsibility (Unternehmensverantwortung) in der Immobilienwirtschaft. Zudem hat er als Student ein Unternehmen mitgegründet, das inzwischen zu den größten Immobilienunternehmen in Bayern zählt und dessen Aufsichtsratsvorsitzender er heute ist.
Beim Immobilienkauf merkt er: Die Klimaerwärmung und deren Folgen werden noch zu sehr verdrängt. Generell sei der Mensch sehr „ereignisgetrieben“ und „vergisst auch schnell wieder“. Ein erstes Umdenken stellt er nur Menschen fest, die sich eine Immobilie kaufen, um selbst darin zu leben: Die achteten noch am ehesten auf Hochwassergefahren, jedoch „auch nicht mit erster Priorität“, sagt Bosch. Wichtiger seien potenziellen Käufern „traditionelle Standortfaktoren“, wie etwa die Verkehrsanbindung bei gleichzeitig geringer Lärmbelästigung sowie Kitas und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.
Im Remstal denken manche über Hausverkauf nach
Im Remstal fragten die Menschen beim Kauf einer Immobilie zudem oft, ob dort bereits Glasfaser verlegt ist, sagt Thorsten Englert, Bürgermeister in Schorndorf und Vorsitzender des Wasserverbands Rems. „Aber die Frage nach Extremwetterrisiken wird künftig kommen, die Menschen sind nun sensibilisiert“, sagt er. Und das werde auch die Preise verändern, ist er überzeugt. Manche Menschen im Remstal wollten bereits ihr Haus verkaufen, nachdem sie gemerkt haben, was Starkregen anrichten kann, berichtet er.
Wenn ein Grundstück schon einmal von einem schweren Hochwasser betroffen war, sei dieses nahezu unverkäuflich, meint Michael Bosch. Bis dahin habe eine abstrakte Hochwassergefahr bislang so gut wie keinen Einfluss auf dessen Wert. Wobei man auf Karten genau sehen kann, ob ein Haus kaum oder stark betroffen wäre. Für Baden-Württemberg bietet das Umweltministerium eine solche Karte auf der Website an: https://www.hochwasser.baden-wuerttemberg.de/hochwassergefahrenkarten.
Jeder Zentimeter Versiegelung sei „fatal“
Generell würde der Immobilienprofi Bosch heute niemandem mehr empfehlen, ein Haus am Fuße großer und steiler Abhänge zu bauen oder zu kaufen. „Gerade bei erheblichem Gefälle – wie es auch in Stuttgart vorkommen kann – entfalten Wasser und Schlamm auf dem Weg nach unten eine wahnsinnige Kraft“, sagt er. Deshalb sei auch jeder Zentimeter an Fläche, der zusätzlich versiegelt werde, „fatal“. Denn durch weitere Neubauten könne Wasser noch schlechter versickern. Dagegen reduziere „dichtere Bepflanzung“ – also viel mehr Bäume und Sträucher – und eine geringere Bewirtschaftung von Gärten, also seltener Rasen mähen, Risiken. „Ein englischer Rasen nimmt nur vergleichsweise wenig Wasser auf“, betont er.
Allerdings seien auch Kommunen in der Pflicht: Die Mitarbeitenden müssten auf Hochwasserkarten schauen und diese bei der Ausweisung von Bauland berücksichtigen. „Ich verstehe nicht, wie Behörden auf überflutungsgefährdeten Grundstücken des Ahrtals nochmals eine Bebauung oder einen Wiederaufbau zulassen, zumal Starkregenereignisse mit weiter fortschreitendem Klimawandel nicht nur häufiger, sondern auch wesentlich intensiver werden.“
Im Remstal werden die Hochwasser-Gefahrenkarten derzeit neu berechnet und sollen bald veröffentlicht werden. Doch auch damit gibt es nicht die ultimative Sicherheit für Häuslebesitzer: „Mit Hochwasser können wir umgehen, Starkregen haben wir nicht im Griff“, sagt Thorsten Englert ganz klar. Für solch einen Starkregen wie zuletzt im Juni könne man sich nie ganz absichern. Deshalb plädiert er für eine Pflichtversicherung, um solche emotional oft stark belastenden Ereignisse zumindest finanziell abzufedern.