Der Zeuge wundert sich noch. Mitten auf der Straße steht ein Alfa Romeo, und der Fahrer hinterm Steuer macht keine Anstalten weiterzufahren. Gerade als der Passant ihn ansprechen will, gibt der Mann plötzlich Vollgas. Der Wagen durchbricht einen Zaun und eine Hecke, stürzt einen Abhang hinunter und kracht auf die Terrasse eines Wohnhauses. Der Unfall am Montag im Stuttgarter Westen gehört zu einer Reihe von Karambolagen mit der Diagnose: medizinischer Notfall.
Der 64-Jährige, der am Montagnachmittag in der Straße Botnanger Steige die Kontrolle über sich und das Fahrzeug verloren hat, wird schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Den Schaden schätzt die Polizei auf mehr als 30 000 Euro. Es ist purer Zufall, dass nicht noch Schlimmeres passiert: „Die Hausbewohner sind glücklicherweise nicht daheim gewesen“, sagt Polizeisprecher Sven Burkhardt. Auf der Terrasse sei lediglich eine Hollywoodschaukel demoliert worden. Das Gebäude selbst, so Burkhardt, sei unbeschädigt geblieben.
Von Epilepsie bis Diabetes – alles birgt seine Risiken
Und der Fahrer? Am Unfallort zeigen sich eindeutige Zeichen einer medizinischen Ursache. Gesundheitsprobleme als Unfallfaktor – davon gibt es reichlich. Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat hierzu auf 140 Seiten Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung aufgelistet. Herz- und Gefäßkrankheiten, Epilepsie, Diabetes, Sehstörungen, Schwerhörigkeit, Nervenerkrankungen, obstruktives Schlafapnoe-Syndrom – alles ist für eine Fahrtauglichkeit analysiert.
Dabei werden die Vorschriften und Einschätzungen regelmäßig neueren medizinischen Erkenntnissen angepasst. Im Juni 2022 etwa wurden Regeln für „Störungen des Gleichgewichtssinnes“ überarbeitet. Menschen mit Epilepsien müssen für eine Fahrerlaubnis seit 2011 ein Jahr anfallsfrei sein, statt zuvor zwei Jahre. Gibt es einen erstmaligen Anfall ohne Anhalt für eine Epilepsie, muss sechs Monate pausiert werden.
Karambolagen häufen sich
So schwer wiegend das Gesundheitsrisiko hinterm Steuer sein kann – laut Martina Albrecht, die seit Jahren für die Bundesanstalt für Straßenwesen die Leitlinien erarbeitet, gilt hier immer noch ein Blick auf die Relation. „Körperliche und geistige Mängel machen nur etwa ein Prozent der Unfallursachen aus“, sagte die Medizinerin schon vor zehn Jahren. Die Größenordnung hat sich auf Nachfrage nicht wesentlich geändert.
Gleichwohl häufen sich die Karambolagen mit gesundheitlichen Ursachen – wie allein ein Ausschnitt seit Mitte Mai zeigt. In Donzdorf (Kreis Göppingen) verliert ein 73-Jähriger die Kontrolle, sein Auto fährt ungebremst durch einen Garten und prallt gegen eine Hauswand. In Weilheim an der Teck (Kreis Esslingen) gerät ein 68-jähriger Mercedes-Fahrer in den Gegenverkehr.
Ungebremst gegen Baum oder Sattelzug
Zu diesen Vorfällen sind am vergangenen Wochenende weitere hinzugekommen: In Magstadt (Kreis Böblingen) fährt ein 77-jähriger Traktor-Fahrer unkontrolliert durch Zäune, Hecken, Pferdekoppeln und prallt gegen einen Baum. Auf der Autobahn 8, bei der Raststätte Denkendorf (Kreis Esslingen), prallt ein 69-jähriger Hyundai-Fahrer ungebremst gegen einen geparkten Sattelzug. In Mötzingen (Kreis Böblingen) verliert eine 47-jährige Alfa-Romeo-Fahrerin die Kontrolle und prallt in eine Böschung.
„Die Umstände am Unfallort lassen oft nur einen medizinischen Grund vermuten“, sagt der Ludwigsburger Polizeisprecher Steffen Grabenstein. Etwa, wenn es zuvor extrem heftige Fahrbewegungen gegeben habe – oder keinerlei wahrnehmbare Reaktion der Person hinter dem Steuer festzustellen sei. Und das ohne Alkohol-, Drogen- oder Medikamenteneinfluss. Nicht immer aber sei eine medizinische Ursache nachweisbar.
Stadt: 390 Verdachtsfälle von Eignungsmängeln
Die Stuttgarter Polizei registrierte im vergangenen Jahr 98 Verkehrsunfälle unter der Rubrik mangelnde Verkehrstüchtigkeit (ohne Alkoholsünder). Das bedeutet eine Zunahme von immerhin 15 Prozent. Zum Vergleich der Größenordnung: Die häufigste Ursache für Unfälle in Stuttgart ist weiterhin das Nichtbeachten der Vorfahrt – mit 759 Fällen.
Die persönlichen Folgen von medizinisch bedingten Verkehrsunfällen wiegen ungleich schwerer als verbeultes Blech. „Die Zahl der Überprüfungen bei älteren Verkehrsteilnehmern mit altersbedingten Krankheitsbildern sowie von Eignungsmängeln aufgrund körperlicher und psychischer Erkrankungen sowie Bewegungseinschränkungen beträgt nach dem vorläufigen Jahresbericht 2022 insgesamt 390 Fälle“, teilt Stadtsprecherin Marie Kraft mit. 2021 waren es nur 264 Fälle – indes eine pandemiebedingte Verzerrung. Wie oft dabei auch die Fahrerlaubnis entzogen wird, werde nicht extra erfasst. Zum Größenvergleich: Die Behörde hat im vergangenen Jahr insgesamt 408 Führerscheine eingezogen, weitere 194 Betroffene haben freiwillig auf ihre Fahrerlaubnis verzichtet.