Folgenschwerer Coup des Stefan Mappus Mappus verzockt sich

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Die letzten Wochen verliefen auch bei der EdF turbulent. Zwei Lager versuchten in der Zentrale, den Konzernchef Proglio auf ihre Seite zu ziehen. Einerseits gab es starke Kräfte - vorneweg der Topmanager und früheren EnBW-Vorstand Pierre Lederer -, die gegen den Rückzug aus Baden-Württemberg plädierten. Man habe dort viel Geld, Zeit und Mühe investiert und stabile Beziehungen aufgebaut, die sich noch auszahlen könnten. Das andere Lager verwies auf das schwierige politische Umfeld für die Atomkraft in Deutschland und die daraus erwachsenden Belastungen. Noch am 2. Dezember, berichtet ein Insider, standen die Dinge in Paris "Spitz auf Knopf".

Tags darauf gab schließlich der angebotene Kaufpreis den Ausschlag: 41,50 Euro, ein Aufschlag von mehr als 15 Prozent auf den damaligen Börsenkurs, das sei einfach "unwiderstehlich" gewesen, gestand ein EdF-Manager. Der Käufer glaubte an ein Schnäppchen, der Verkäufer umgekehrt an ein gutes Geschäft - nur für einen konnte diese Rechnung aufgehen. Dieses Mal hatte sich der Spieler Mappus verzockt: Nach der Energiewende, die die EnBW zwei ihrer vier Atomkraftwerke kostete, ging der Aktienkurs auf Talfahrt; der Buchverlust betrug zeitweise mehr als eine Milliarde Euro. Als Franzose, spottete der frühere EnBW-Chef Utz Claassen, würde er nun den Champagner entkorken. Dank kleiner Order, die bei dem geringen Anteil frei handelbarer Papiere schon genügen, hat sich der Kurs inzwischen wieder erholt; seine Aussagekraft gilt jedoch als begrenzt.

Claassens Nachfolger Hans-Peter Villis erging es übrigens auch nicht besser als den Regierungsfraktionen und dem Großteil des Kabinetts. Er wurde dem Vernehmen nach erst in der Nacht zum Montag über den Eigentümerwechsel informiert. Dafür erfuhr er am Dienstag aus erster Hand, was den Ministerpräsidenten getrieben hatte und was dieser mit der EnBW vorhatte. Bei einem Auftritt in der Karlsruher Konzernzentrale erläuterte Mappus seine "moderne Industriepolitik" - eine Linie voller Widersprüche. Einerseits wolle sich das Land nicht in die operative Unternehmensführung einmischen, wie er fortan gebetsmühlenhaft wiederholte, andererseits werde es mit ihm keinen harten Sparkurs oder gar Stellenabbau geben.

Mappus hatte den Mund zu voll genommen

Der Betriebsratschef vernahm das mit Genugtuung, Villis äußerte sich nur knapp und wirkte auf Beobachter beklommen. Ihm schwante wohl, dass die EnBW nun zum Spielball der Politik zu werden drohte - egal, wie die Wahl ausginge. Die Frage, was ein Sieg der Grünen für den Konzern bedeuten würde, löste damals nur Heiterkeit aus. Er werde alles dafür tun, dass es nicht dazu komme, versprach Mappus fröhlich und fügte hinzu: "Und Sie alle können das verhindern." Industriepolitik und Wahlkampf, das zeigten diese zwei Sätze, passten für ihn eben wunderbar zusammen.

Schon vor Fukushima wurde indes klar, dass Mappus den Mund zu voll genommen hatte - in mehrerlei Hinsicht. Die EnBW solle als vierter baden-württembergischer Konzern in den Deutschen Aktienindex (Dax) kommen? Von dieser Vision, die ihm auch Notheis eingeflüstert hatte, war bald keine Rede mehr. "Ich weiß nicht, ob ich sie in den Dax bringe", sagte der Regierungschef später; das sei auch nicht so wichtig. Vom Plan, das Milliardengeschäft mit einer Baden-Württemberg-Anleihe zu finanzieren, wurde schnell wieder Abstand genommen. Noch am 6. Dezember forderte Mappus die Journalisten launig auf, sie könnten sich "im Blick auf Weihnachten" gerne engagieren; wenige Wochen später nahm die landeseigene L-Bank zwei Milliardenanleihen still und leise in ihre Bücher. Ob die Zinsen wirklich, wie von Mappus verheißen, aus der EnBW-Dividende bezahlt werden können, ist fraglicher denn je.

Auch die Version, das Land wolle die EnBW-Aktien nur vorübergehend in seine Obhut nehmen, bis eine neue, stabile Eigentümerstruktur geschaffen sei, hatte eine kurze Halbwertszeit. Intern sagten führende CDU-Leute schon damals, mit dem Weiterverkauf eile es überhaupt nicht; das könne durchaus Jahre dauern. Am Rande der Pressekonferenz vom 6.Dezember erläutert Finanzminister Stächele den wahren Grund: Die Betonung auf "temporär" habe man nur der FDP zuliebe vorgenommen. Von der bewegten Nacht im Staatsministerium ist dem 59-Jährigen am Folgetag wenig anzumerken, nur eine gewisse Nervosität kann er nicht verbergen - sein Blick wandert hin und her. Auf die Frage, wann er denn eingebunden worden sei, gibt er damals die gleiche sibyllinische Antwort wie in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten: "Rechtzeitig."

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