Folter in Chile: „Colonia Dignidad“ In Händen frommer Sadisten

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In der Geschichte von Chiles Militärdiktatur spielten auch religiöse Spinner aus Deutschland eine furchtbare Rolle. Der Thriller „Colonia Dignidad“ erinnert an die Foltersekte.

Die deutsche Flugbegleiterin Lena (Emma Watson) will ihren Freund Daniel (Daniel Brühl) in Chile vor Haft und Folter retten. Foto: Majestic Filmverleih
Die deutsche Flugbegleiterin Lena (Emma Watson) will ihren Freund Daniel (Daniel Brühl) in Chile vor Haft und Folter retten. Foto: Majestic Filmverleih

Stuttgart - Daniel versteht nicht viel von dem, was andere zu ihm sagen. Er gackst dann etwas zurück. Aber er bemüht sich, alles richtig zu machen, was man ihm aufträgt. Dieses Eingebettetsein ins Leben der anderen ist aber in mehrfacher Hinsicht monströs. Denn Daniel, gespielt vom wechselhaften, diesmal wieder sehr konzentrierten Daniel Brühl, befindet sich in keiner Behindertenwerkstatt.

Er lebt erzwungenermaßen in der Colonia Dignidad, der abgeschotteten Welt einer erzkonservativen deutschen Sekte in Chile. Mit Fug und Recht könnte man sagen, dieser zum Widerspruch scheinbar gar nicht mehr fähige Mann, der stets gehorcht und keinen irdischen Lohn erwartet, sei der Wunschuntertan des evangelikalen Tyrannen und Sadisten Paul Schäfer (Michael Nyqvist), den es wie die von ihm gegründete Colonia Dignidad wirklich gab.

In Diensten der Diktatur

Das andere Monströse ist der Umstand, dass Daniel keinesfalls so zur Welt kam. „Colonia Dignidad“ spielt in den Jahren der Militärdiktatur, und das Lager der religiösen Spinner dient der Diktatur als Foltercamp. Daniel ist hier gequält worden, und man hätte ihn wie viele andere auch ermordet. Aber sein Gebrochensein gefällt Schäfer, er hält ihn als Haustier der Sekte.

Der 1972 in München geborene Regisseur Florian Gallenberger hat schon in „John Rabe“ (2009) einen bedrückenden historischen Stoff verarbeitet. Aber die Nachstellung japanischer Gräueltaten gegen die chinesische Bevölkerung Nankings 1937 und der couragierten Aktionen eines deutschen Wirtschaftsvertreters wirkten bemüht. „Colonia Dignidad“ ist der schlankere, eindringlichere Film. Gallenberger und sein Mitautor Torsten Wenzel streben nicht das didaktische Rundumbild der Sekte an, sie verlassen sich auf lupenreines Genrekino, auf einen Thrillerplot, der mitten hineinführt ins Schreckliche.

Opfer und Täter zugleich

Emma Watson spielt sehr überzeugend die Flugbegleiterin Lena, die ihren verschleppten Freund Daniel sucht. Erst muss sie hineinkommen in die abgeschottete Gemeinschaft, dann, viel schwieriger, muss sie einen Fluchtweg finden aus dem Horrorlager, in dem sexueller Missbrauch so selbstverständlich ist wie das Beten.

Gallenberger zeigt von der Sekte, was die Fluchtgeschichte benötigt, aber schon das ist viel. So wird zum Beispiel klar, dass tyrannisierte Sektenmitglieder Opfer und Täter zugleich waren. Und dass westdeutsche Amtsträger von den Vorgängen in der Kolonie wussten – und ihre schützende Hand darüber hielten. Der Film „Colonia Dignidad“ stemmt sich, auch wenn er es auf Nervenkitzel abgesehen hat, gegen politische Vergesslichkeit.

Colonia Dignidad. Deutschland, Luxemburg, Frankreich 2015. Regie: Florian Gallenberger. Mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael ­Nyqvist, August Zirner. 110 Minuten.




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