Sie lieben Lebensmittel nicht nur, sie retten sie auch. Essensverschwendung ist nicht nach dem Geschmack des Vereins Foodsharing Esslingen.
Heißhunger auf etwas Bestimmtes? Dieses Gefühl lässt sie meist kalt. Sonia Diemunsch und Vanessa Meier essen größtenteils das, was gerade verfügbar ist. Als Aktive bei Foodsharing Esslingen sammeln sie Lebensmittel ein, die sonst in der Abfalltonne landen würden. Am Samstag, 27. September, präsentieren sie ihre Initiative auf dem Esslinger Marktplatz.
„Einsammeln“, „mitnehmen“ oder „abholen“ – diese Vokabeln benutzen sie nie. Während des ganzen Interviews sprechen die beiden jungen Frauen konsequent von „retten“. Sie retten Lebensmittel vor dem Wegwerfen. Schon die Sprache zeigt, wie überzeugt sie von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit sind.
Das Verteilen von Speisen an Bedürftige oder die Versorgung von Menschen mit schmalem Geldbeutel mit Lebensmitteln ist dabei nur ein Nebeneffekt, erklärt Sonia Diemunsch. Natürlich sei das eine Facette ihrer Aufgaben – doch der Fokus liege nicht darauf. Es gehe vor allem um den Umweltgedanken und die Ressourcenschonung: „Wichtig sind uns ökologische und soziale Nachhaltigkeit“, heißt es in einer Powerpointpräsentation zum Foodsharing. Der Verein trete für Wegwerf-Stopps für Supermärkte und alternative Ernährungskonzepte ein.
Manchmal hat Foodsharing Esslingen einen Kofferraum voller Fladenbrot
Kreativität kocht bei ihnen immer mit. Was sie am Ende retten, sagen beide junge Frauen, wissen sie im Voraus nicht. Betriebe melden sich, wenn sie Essbares übrig haben. Ein Teil der insgesamt gut 200 Aktiven bei Foodsharing Esslingen schwärmt dann in die Stadt und deren nähere Umgebung aus, um das Bereitgestellte abzuholen. Manche Wege müssen mit dem Auto zurückgelegt werden. Wenn möglich, seien die Essenssammler aber auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, weiß Vanessa Meier aus Erfahrung.
Gerettet wird, was die Betriebe zur Verfügung stellen. „Manchmal haben wir einen ganzen Kofferraum voller Fladenbrot“, sagt Sonia Diemunsch. Überhaupt würden die Foodsharer sehr viel Brot bekommen. Aber auch Gemüse und anderes. Die meisten Aktiven halten eine kulinarische Liste zur Verteilung vor. Ein Teil der Lebensmittel geht an soziale Einrichtungen.
Doch auch das soziale Umfeld, Nachbarn, Sport- und Vereinskameraden, Freunde, Verwandte, kommen in den Genuss der kostenlosen Lebensmittel. Einen Teil behalten die Sammler für sich. Manche Lebensmittel werden zudem in die „Fairteilerschränke“ am Schönen Rain 32 im Esslinger Stadtteil Hohenkreuz oder bei der Friedenskirche in der Friedensstraße 8 in der Innenstadt eingestellt. Sie funktionieren ähnlich wie Bücherschränke: Menschen können Lebensmittel mitnehmen, die andere übrig haben.
„Ist das noch gut“, bekommen die Foodsharer Esslingen selten zu hören
„Ist das auch noch gut“, ist nicht die Frage, die Foodsharer häufig zu hören bekommen. Dabei wäre die Antwort einfach: Natürlich, sagen die beiden engagierten Frauen, ist das verteilte Essen noch gut. Es könne nur kleine Schönheitsfehler haben: Manche Packungen sind bereits geöffnet. Obst oder Gemüse sind eben nicht ganz perfekt, sondern haben kleine Macken. Oder das Mindesthaltbarkeitsdatum ist erst kürzlich abgelaufen. Aber essbar seien die Lebensmittel auf jeden Fall. Schimmliges oder Ungenießbares wird nicht angenommen. Alle Helfer erhalten dazu regelmäßig Hygieneschulungen.
Am häufigsten bekommen Sonia Diemunsch und Vanessa Meier die Frage zu hören: „Und das ist wirklich kostenlos?“. Die Menschen würden sich wundern, dass sie für die Speisen nichts bezahlen müssten. Oft wollen sie den Überbringern einen kleinen Obolus in die Hand drücken. Solche Offerten werden abgelehnt, sagt Sonia Diemunsch, denn die Arbeit sei ehrenamtlich und müsse es auch bleiben. Verdient werden soll damit nichts. Geld- oder Sachspenden für gerettete Lebensmittel oder Abholungsdienste würden nicht angenommen.
Eine Konkurrenz zu anderen Lebensmittel verteilenden Einrichtungen ist Foodsharing Esslingen nicht. Die Tafel etwa hätte Vorrang. Foodsharing werde erst aktiv, wenn andere versorgt seien.: „Wir sind die letzte Instanz vor der Abfalltonne.“
Manchmal gehen auch überzeugte Foodsharer ins Restaurant
Kompromisslose Hardliner sind die Foodsharer nicht – auch nicht gegenüber sich selbst. Natürlich, sagen beide Frauen, gehen sie auch mal auswärts essen in ein Restaurant oder ein Lokal und genießen das, worauf sie Lust haben. Aber eine Sensibilisierung für die Problematik Lebensmittelverschwendung ist ihnen und ihren Mitstreitern sehr wichtig. Sonia Diemunsch ist über eine Freundin zu Foodsharing Esslingen gekommen. Vanessa Meier hatte während der Studienzeit einen Kumpel, der als Essenssammler unterwegs war. Meist einmal in der Woche bereitete er in der WG einen ganzen Tisch mit kostenlosen Lebensmitteln aus. Für Studierende eine willkommene Erleichterung für den oft angespannten Geldbeutel. Gekocht wurde damit kreativ – und geschmeckt habe es immer.
Foodsharer in Aktion
Verein
Foodsharing Essingen wurde nach eigenen Angaben 2013 gegründet. Lebensmittel erhält der Verein von 32 Betrieben wie Bäckereien, Supermärkten, anderen Lebensmittelläden, Restaurants oder Firmen mit Kantinen.
Zahlen
2024 hat Foodsharing Esslingen 5788 Abholungen registriert. Jedes Mitglied erledigt etwa 30 bis 35 Abholungen im Jahr, vier im Monat, zwei pro Woche. Durchschnittlich kommen 3,5 Tonnen Lebensmittel pro Woche und gut 170 Tonnen im Jahr zusammen. Im Januar wurden 14 Tonnen gezählt.
Aktion
Die Gruppe stellt sich am Samstag, 27. September, ab 13 auf dem Esslinger Marktplatz vor. Ab 14 Uhr gibt es einen Tisch mit eingesammelten Lebensmitteln zur Verteilung. Mehr Infos gibt es online unter: www.foodsharing.de oder auf Instagram: @foodsharing_esslingen.