InterviewFootball Leaks „Der Aufschrei als Geschäftsmodell“

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Fast täglich werden durch die Football Leaks neue Abgründe aus dem Profifußball enthüllt. Warum sich die Empörung in Grenzen hält, erklärt Johannes Heil, Experte für Sportkommunikation und Professor an der Macromedia-Hochschule in Stuttgart.

Millionenschwere Steuersünder: die Superstars Cristiano Ronaldo (l.) und Lionel Messi. Sehen Sie hier die Hauptfiguren der Football Leaks Foto: AP 11 Bilder
Millionenschwere Steuersünder: die Superstars Cristiano Ronaldo (l.) und Lionel Messi. Sehen Sie hier die Hauptfiguren der Football Leaks Foto: AP

Stuttgart - Lionel Messi ist vorbestrafter Steuersünder, Cristiano Ronaldo wird der Vergewaltigung beschuldigt, Fifa-Präsident Gianni Infantino soll die Regeln des Financial Fairplays ausgehebelt haben. Seit zwei Jahren enthüllt der „Spiegel“ mit den Football Leaks immer neue Skandalgeschichten aus dem Profifußball. Die Empörung der Fans hält sich trotzdem in Grenzen – was Johannes Heil (39), Experte für Sportkommunikation und Professor an der Macromedia-Hochschule in Stuttgart, nicht überrascht.

Herr Heil, die Football Leaks belegen, wie groß die Gier und die Skrupellosigkeit von Spielern, Beratern und Funktionären sind. Warum gibt es keinen Aufschrei der Empörung?

Es besteht für die Fans überhaupt kein Grund für einen Aufschrei. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Sogar der Aufschrei der Fans gehört zum Geschäftsmodell des Fußballs. Der Sport ist – aus der Sicht der Fans jedenfalls – zuallererst eine Unterhaltungsmaschine. Die Moralität der Akteure, zumal der Akteure im Hintergrund, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Auch nicht, wenn immer offensichtlicher wird, wie schmutzig es hinter den Kulissen zugeht?

Es zeigt sich, dass das Publikum klar zwischen den Ebenen oder Rollen unterscheiden kann: Es genießt das augenscheinliche Theaterstück auf dem Platz, das ganze Spektakel – und zwar ganz unabhängig von dem, was hinter der Bühne passiert.

Es geht aber auch um Straftatbestände.

Sofern die vermeintliche Verkommenheit des Fußballs eine juristische Dimension hat, kümmern sich Gerichte. Sofern sie eine moralische Dimension hat, kümmert sich vielleicht die Gesellschaft insgesamt darum. Aber nicht eigentlich die Fans.

Allzu sehr scheinen die Skandale aber auch die Gesellschaft nicht zu tangieren.

Es kümmern sich hauptsächlich verschiedene Medien darum, und im Bereich des Sports ist das – ganz anders als in der Politik oder in der Wirtschaft – zunächst eine weitere Ebene der Unterhaltung. Denn das sportliche Geschehen und dessen Bericht sind eng und wechselwirkend miteinander verflochten.

Der Skandal als integraler Bestandteil des Showgeschäfts?

So könnte man es sagen. Selbst wenn es einen Aufschrei des Publikums geben sollte, hätte er letztlich dieselbe Qualität wie der Aufschrei auf der Tribüne: Er ist Ausdruck dafür, gut unterhalten zu sein. Deswegen steckt der Sport seine Skandale - oder besser gesagt: die Skandale seiner Akteure und Institutionen - immer wieder so leicht weg. Wäre das anders, wäre nach den Ereignissen und Enthüllungen der letzten Jahre der Sport als Ganzes längst am Ende.

Das heißt, es kann passieren, was will – die Fans schauen weiter unverdrossen Fußball?

Damit sich die Fans abwenden, müsste der Fußball langweilig werden. Das ist das Einzige, was sie dazu bringen könnte. Mögliche Ursachen für diese Langeweile gibt es viele. Es kann die dauerhafte Dominanz eines oder einiger weniger Vereine in einer Liga sein. Im Fußball, im Sport ganz allgemein muss prinzipiell immer auch der andere gewinnen können, das ist unverzichtbar. Das war ja das Problem in den vergangenen Jahren in der Bundesliga – und in anderen europäischen Ländern ebenso . . .

. . . weshalb die großen Clubs über die Gründung einer eigenen Liga und die Bayern über den Ausstieg aus der Bundesliga nachgedacht haben. Was halten Sie von solchen Plänen?

Gerade die Einführung einer Super-League könnte eine Lösung gegen die Langeweile sein. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu die Aufgabe des sportlichen Managements und eben nicht eine Verfehlung, sich über genau solche Modelle Gedanken zu machen.

Viele Fans beklagen aber, dass sich der Fußball immer weiter von seiner Basis entferne und dass es nur noch um Geld gehe.

Selbstverständlich wird mit dem erfolgreichen Kampf gegen die Langeweile auch wieder neues Geld verdient. Aber das sind eben die gegenwärtigen Spielregeln. Auch Clowns müssen bezahlt werden. Und die Zirkusdirektoren dazu.

Wenn das alles nur ein großer Zirkus ist – hat kritischer Journalismus im Sport überhaupt noch einen Sinn?

Ganz sicher. Aber er hat eben zunächst einmal eine andere Funktion als etwa in der Politik. Bei den meisten so genannten Skandalen geht es nur um eine zweite Ebene der Unterhaltsamkeit im Sport: Die Berichte über solche Skandale bringen neuen Gesprächsstoff vor, zwischen und nach den eigentlichen sportlichen Ereignissen.

Heißt: die Aufdeckung von Missständen dient nur als neues Futter für die Fußball-Stammtische?

Nein. Es gibt natürlich auch eine zweite Dimension des kritischen Sportjournalismus. Die Aufdeckung von Missständen hat auch den Sinn, den Sportbetrieb vor grundsätzlichen Fehlentwicklungen und den Praktiken einzelner Akteure zu schützen. Das betrifft dann vor allem die Sicherung der Konkurrenzfähigkeit aller sportlichen Akteure – also letztlich eben wieder das Langeweile-Problem. Und dann gibt es noch die Fragen der Manipulation, die Korruption innerhalb der Verbände, die unerlaubte Nähe zu Politik oder Wirtschaft. Das alles sind aber politische Fragen, selbst wenn es Sportjournalisten sind, die darüber berichten. Diese Fragen haben deshalb auch überhaupt keine Auswirkung auf das Verhalten der Fans. Aber sie können und sollten Auswirkungen haben, insofern Fans eben auch Bürger sind.