Der Teamgeist war außergewöhnlich bei Stuttgart Surge: Reilly Hennessey und Ben Wenzler, Emmanuel Häfele (oben rechts), Nick Wenzelburger (unten links) und Konstantin Katz. Die ausführlichen Aussagen der Meister-Footballer zum Insolvenzantrag ihres Clubs finden Sie in unserer Bildergalerie – klicken Sie sich durch. Foto: Imago/Eibner, Zoonar, Huebner
Die Footballer von Stuttgart Surge sind nach dem Insolvenzantrag des ELF-Meisters traurig und enttäuscht. Viele von ihnen wollen den Teamgeist weiter pflegen – nur eben woanders.
Jochen Klingovsky
24.11.2025 - 16:43 Uhr
Im American Football gibt es eine Tradition, an der erfolgreiche Spieler schwer zu tragen haben: Nach jedem Finale erhalten die Akteure des Gewinners als Auszeichnung einen Ring – im Normalfall zumindest. Doch was ist schon normal in der European League of Football (ELF)?
Die ELF gab die Aufgabe, die gewichtigen Schmuckstücke anfertigen zu lassen und deren Kosten zu übernehmen, nach dem 24:17-Erfolg im Endspiel gegen die Vienna Vikings flugs an den neuen Champion Stuttgart Surge weiter. Doch daraus wird nun nichts – denn der Club ist zahlungsunfähig und hat die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt.
Emmanuel Häfele: „Die Meisterschaft ist ein Trostpflaster“
Nachdem die Spieler am Sonntagmorgen in einer Teams-Konferenz darüber informiert worden waren, dass es bei Stuttgart Surge nicht weitergehen wird, haben sie beschlossen, sich selbst Meister-Ringe zu beschaffen. Als Zeichen dafür, dass sie dieser Titel für immer verbinden wird. Aber auch, um mit dieser gemeinsamen Aktion den großen Schmerz ein bisschen zu lindern.
Die letzte Saison von Stuttgart Surge in der ELF endete mit der Meisterschaft. Foto: Imago/Sportfoto Rudel
„Die Meisterschaft ist zwar ein Trostpflaster“, sagt Emmanuel Häfele, einer der Offensive Tackles, „trotzdem ist die jüngste Entwicklung jammerschade.“ So sehen es auch die Kollegen. „Dieses Ende tut extrem weh“, sagt der Wide Receiver Florian Lengauer, „wir waren ein eingeschworener Haufen, der gezeigt hat, dass man mit Teamgeist Titel gewinnen kann. Andere Clubs hatten einen deutlich höheren Etat – uns ging es nie ums Geld.“
Ben Wenzler: „Wir waren eine außergewöhnliche Mannschaft“
Es ist ein Thema, das allen Stuttgarter Footballern sehr wichtig ist. Es gebe, darauf weisen sie immer wieder hin, keinen Zusammenhang zwischen den finanziellen Nöten der Franchise und den Gehältern, die für den Kader ausgegeben worden sind. „Stuttgart Surge hat sich den Erfolg ganz sicher nicht teuer erkauft“, erklärt Ben Wenzler, eine der Führungsfiguren in der Defensive, „wir wurden Meister, weil wir eine außergewöhnliche Mannschaft waren, mit Jungs, die nicht wegen des Geldes Football spielen.“ Ähnlich äußert sich Konstantin Katz. „Die Entwicklung ist sehr schade und supertraurig“, meint der Defensive Back, „wir Spieler haben bis zum Schluss auf die Wende gehofft – denn die große Mehrzahl hat hier für die Idee, für das System und für die Trainer gespielt, nicht für Geld.“ Umso bitterer ist nun das Ende des Projekts.
„Es ist ein trauriger Tag. Traurig für die Jungs, die es geliebt haben, für Stuttgart Surge aufzulaufen. Traurig für die Trainer, die es geliebt haben, Fußball auf höchstem europäischem Niveau zu unterrichten. Und vor allem traurig für die Fans, die uns in guten wie in schlechten Zeiten selbstlos unterstützt haben“, erklärt der wieder in die USA zurückgekehrte Quarterback Reilly Hennessey, „doch das schmälert nicht unsere Leistung in dieser Saison. Die jubelnden Fans, das Lächeln auf unseren Gesichtern, die Freudentränen, als wir alle unser Ziel erreicht hatten – das wird mir von Stuttgart Surge in Erinnerung bleiben.“
Die Supersaison und den Titelgewinn am 7. September vor 36 784 Zuschauern in der MHP-Arena wird keiner der Beteiligten je vergessen. Zugleich schmerzt der Gedanke, was aus dem Projekt hätte werden können, wenn die wirtschaftliche Entwicklung dem sportlichen Fortschritt nicht hinterhergehinkt wäre und es nicht das große Fragezeichen geben würde, in welcher Liga im nächsten Jahr Football auf europäischem Top-Niveau gespielt wird – wenn überhaupt.
Der Traum von der Surge-Dynastie ist geplatzt
„Jeder von uns Spielern hat gehofft, dass es in Stuttgart weitergeht und wir den nächsten Titel angreifen“, sagt Defensive Back Nick Wenzelburger. „Es war ein Schock, als ich vom Insolvenzverfahren gehört habe. Es kommt im Sport ja nicht oft vor, dass ein Team die Meisterschaft gewinnt und es kurz danach zu Ende geht“, erklärt Linebacker Nikolas Knoblauch, „ich hatte fest damit gerechnet, dass es bei Surge gelingt, eine Dynastie aufzubauen und die Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben. Wir haben einen Standard gesetzt – und den wollten wir Jahr für Jahr neu erfüllen.“
Eine ähnlich gute Perspektive hat Konstantin Katz für Stuttgart Surge gesehen. „Für die vielen Stuttgarter Jungs, die hier eine Ära hätten einläuten können, tut mir dieses Ende extrem leid“, sagt er, „das Trainer-Team hat etwas Überragendes aufgebaut, das noch weiter hätte wachsen können. Nun werden viele Vereine außenrum von dieser Insolvenz profitieren.“
Die Stuttgarter Footballer schauen sich nach neuen Clubs um
Klar ist: Die Surge-Footballer, die weiterspielen wollen, müssen sich nun nach entsprechenden Möglichkeiten umschauen. Dabei gibt es laut Ben Wenzler „keine Eile“, zugleich aber einen Wunsch: Clubs zu finden, bei denen mehrere Stuttgarter Jungs unterkommen, um sich so das Gefühl, an der Seite von Freunden zu spielen, zu bewahren. „Ich bin mir ziemlich sicher“, sagt Konstantin Katz, „dass es nächste Saison aus Stuttgart Footballer-Fahrgemeinschaften irgendwohin geben wird.“
Weil eben nicht nur der Meister-Ring verbindet. Sondern auch das Ziel, weiterhin gemeinsam erfolgreich zu sein.